Tante Telekom sitzt auf dem Ortsnetz

Management

Call-by-Call kommt später – und bleibt ohne Chance

Die Liberalisierung im Telekommunikationsmarkt der bundesdeutschen Ortsnetze wird vom ehemaligen Staatsunternehmen Deutsche Telekom offenbar massiv behindert. In einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung jedenfalls ist die Rede von “Verzögerungstaktik”, weil das Call-by-Call-Verfahren in den Ortsnetzen nicht – wie geplant – zum 1. Dezember kommen wird.

Unklar ist derzeit, ob sich die Telekom mit ihren Mitbewerbern über Bedingungen und Gebühren nicht einigen kann, oder ob es der Ex-Monopolist versäumt hat, die notwendige Technik zu ordern. Die Ortsvermittlungsstellen der Telekom brauchen ein Software-Update, das von den Technik-Lieferanten Alcatel und Siemens kommen soll.

Aufwändig sei vor allem die Implementierung von zusätzlicher Software in den Ortsvermittlungsstellen der Telekom, die eine korrekte “Vergebührung” der TK-Dienstleistungen sicherstellen kann, heißt es bei Siemens.

Das aber sei viel zu spät in Auftrag gegeben worden, beschweren sich manche Telekom-Konkurrenten beim Branchenverband VATM. Nach der Entscheidung des Bundesrats im September hätte das sofort passieren müssen, um den Termin am 1. Dezember zu halten. Inzwischen gelte ein Start von Call-by-Call im Ortsnetz “nicht vor dem zweiten Quartal 2003” als ausgemachte Sache, weiß VATM-Sprecher Ingo Schiweck.

Allerdings ist der technische Aspekt wohl nur Mitverursacher der Verzögerung um rund ein halbes Jahr. Denn erst in der vergangenen Woche hat der Stuttgarter TK-Dienstleister Debitel seine Pläne für ein Reselling-Programm von Ortsnetz-Gesprächen aufgegeben – nach drei Jahren. Mit der Telekom sei keine Einigung über die Preisgestaltung zu erzielen, hieß es.

Debitel wollte auch Pakete für Festnetztelefonie und Mobilfunk anbieten. Jetzt fürchtet sogar die RegTP, dass sich kaum ein Anbieter für die Spielwiese Ortsnetz interessieren könnte.

Im Kern gehe es ja nur um die Zusammenschaltung der Netze von Telekom und anderen Anbietern, heißt es bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) in Bonn. Das könne man notfalls anordnen, wenn sich denn gar nichts bewege, so Behördensprecher Rudolf Boll. Allerdings sehe das entsprechend geänderte Telekommunikations-Gesetz vor, dass interessierte Call-by-Call-Anbieter erst einmal mit der Telekom verhandeln müssen, bevor sie sich eventuell an die RegTP wenden, um dann einen schlichtenden Gebührenerlass zu beantragen.

Silicon meint: Das Call-by-Call-Verfahren war vor vier Jahren der Hebel für die Telekom-Konkurrenz, um überhaupt Aufmerksamkeit auf dem Markt zu erheischen. Jetzt sieht das ganz anders aus: Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wird nicht mehr besonders groß sein. Denn die Verbraucherpreise verharren auf niedrigem Niveau, auch wenn es hie und da wieder leichte Preiserhöhungen gibt. Die Margen sind noch dazu so zusammengeschrumpft, dass sich schlimmstenfalls gar kein Unternehmen dafür interessiert, seine Leitungen im Ortsnetz anzubieten. Dabei wäre das Ortsnetz eine wichtige Plattform, um von lokalen Anbietern neue, innovative Dienste testen zu lassen, die dann für den gesamten Markt ein Impuls sein könnten.