Bundestagswahl 2002: Experimentieren und Dilettieren im Netz (2)

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Wozu taugt das Internet in der Politik?

Alle vier Jahre Plakate, Flugblätter und Wahlkampfveranstaltungen – das Internet wird all das nicht ersetzen. Aber das Netz verändert die Politik und ganz besonders den Wahlkampf. Während es 1998 noch gereicht habe, “einfach online zu sein”, wie der Online-Teamleiter Stefan Scholz von der CDU meint, müssen die Parteien dem surfenden Volk in diesem Jahr deutlich mehr bieten, um Modernität und Kompetenz zu beweisen. “Heute muss hinter dem Online-Auftritt ein vernünftiges Konzept stehen”, so Scholz.

Ausgefeilte Kampagnenkonzepte

Dabei stellen die Verantwortlichen bei den Parteien zunächst auf etwas ab, das dem gemeinen Wähler als Selbstverständlichkeit erscheinen mag: Offline- und Online-Wahlkampf müssten zueinander passen, ineinander verzahnt sein. Nun ja, veraltete oder langweilige Themen werfen nun mal ein schlechtes Licht auf den Urheber, egal ob Unternehmen, Organisation oder Partei.

+ss+SPD, Union und FDP versuchen diesem Anspruch mit einer ganzen Reihe von Internetsites gerecht zu werden: Neben ihren Hauptseiten wie spd.de, cdu.de, csu.de oder fdp.de setzen sie auf Mobilisierung von Mitgliedern und Sympathisanten mit kampa02.de, wahlfakten.de oder achtzehnzweitausendzwei.de. Grüne und PDS bescheiden sich dagegen mit einigen wenigen Sites, die auf bestimmte Themen und die Interessen der Nutzer eingehen wollen.

Baustelle Website

Den Sozialdemokraten erscheint ihr eigenes Angebot allerdings inzwischen so unübersichtlich, dass sie sich die Sherpas von den Netzpiloten auf die Site geholt haben. Mit ihnen kann der gewillte Nutzer also die hintersten Winkel des SPD-Dschungels kennen lernen.

Die Positionen zu aktuellen Themen finden sich dagegen mühelos. Faxe und Pressemitteilungen an die Nachrichtenagenturen verlieren damit an Bedeutung, weil sich die mediale Öffentlichkeit die gefragten Informationen ja “direkt beim Hersteller” besorgen kann.

Bei der Union ist es deshalb erklärtes Ziel, in Form einer “Rapid Response” auf der eigenen Internetplattform auf Äußerungen anderer Parteien zu reagieren. Die jüngste Parteitagsrede von SPD-Chef Schröder kommentierten die Christdemokraten folglich fast live auf ihrer Website.

Sorgenkind Interaktivität

Mit der Interaktivität ist es dagegen noch nicht besonders weit her. Nachdem die SPD genüsslich aus einer offenbar nachlässig betreuten Online-Umfrage auf stoiber.de zitiert hatte, sind dort jetzt nur noch Umfragen mit vorgegebenen Antworten angesagt: 60 Prozent der Besucher hatten nämlich frank und frei erklärt, sie glaubten nicht an einen Sieg des Herausforderers.

Und auch SPD und FDP nutzen das Instrument der Online-Befragung nicht etwa, um einen tieferen Einblick in die Befindlichkeit der Wählerschaft zu gewinnen, sondern eher, um die gewünschte Meinung zu bestätigen: “Sind Sie für mehr Beteiligungsmöglichkeiten über den Online-Weg?” Die Liberalen fragen “Welche Steuerart halten Sie für unsinniger: KFZ- oder Kirchensteuer, Gewerbesteuer oder GEZ-Gebühr?” Und auch die Union gibt ausschließlich SPD-kritische Antworten zur Auswahl vor.

Spenden erbeten…

Alle Parteien miteinander haben ihre Online-Präsenz als hervorragende Möglichkeit entdeckt, Spenden einzuwerben. Neben Überweisung, Scheck und Bankeinzug wird meist auch gern die Kreditkartennummer angenommen – natürlich SSL-verschlüsselt.

Als besonders pfiffig wollen sich die CDU-Schatzmeister erweisen. Sie haben unter cdu-solidaritaet.de jede Menge Werbebanner zusammengestellt. Je eifriger die Online-Sympathisanten auf Amazon, Dell oder beautyzone.de klicken, desto mehr “kostenlose Spenden” fallen für die Partei ab. Der offizielle Zähler steht momentan bei knapp 4000 Euro.