Bundestagswahl 2002: Online-Politik tickt anders (1)

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Die einst hölzernen Web-Kampagnen sind besser als 1998 – genial sind sie noch lange nicht

Die letzten Rudi-Völler-Chöre der Fußballweltmeisterschaft sind verhallt, der Bundestagswahlkampf kann also endlich richtig anlaufen. Und genauso wie die FIFA-Bosse das Internet als gewinnträchtigen Vertriebskanal kennen gelernt haben, so hoffen die Generalsekretäre der Bundestagsparteien darauf, diesmal auch im Web entscheidende Punkte für den 22. September zu machen.

Während es vor vier Jahren, als es um “Kohl oder Schröder?” ging, nur sechs Millionen Internetzugänge in der Republik gab, sind es jetzt schon 30 Millionen, rechnet Kajo Wasserhövel vor, der Leiter der SPD-Onlinekampagne. “Das heißt, ich kann fast jeden zweiten Wähler über das Netz erreichen.”

Von Amerika abgeschaut

Vorgemacht haben es, wie so oft, die Amerikaner. Dort hatte beispielsweise der Republikaner John McCain im Präsidentschaftswahlkampf vor zwei Jahren gegen den parteiinternen Rivalen George W. Bush eigentlich keine Chance, weil er kaum Spendengelder für seine Kampagne eintreiben konnte.

Für umso mehr Aufsehen sorgte McCain, weil er mit seiner ansprechenden Internetkampagne im Vorwahlkampf erstaunlich gute Ergebnisse einfahren konnte. Und auch bei den Demokraten wollte keiner der Kandidaten auf das Web als Wahlkampfinstrument verzichten. Die Berater sammelten so nicht nur Spenden, sondern konnten auch mit wenig Aufwand viele freiwillige Wahlkampfhelfer rekrutieren.

Entscheidung online

Inzwischen gibt es die Erfahrungen aus dem Online-Wahlkampf sogar als Ratgeber. In “Winning Campaigns Online” raten die US-Politikwissenschaftler Emilienne Ireland und Phil Nash den Parteien, die Grundsätze der Web-Economy zu beherzigen: Mails sollten nach 48 Stunden beantwortet sein, weil die Kampagne sonst den Eindruck erweckt, schlecht ausgerüstet und unterfinanziert zu sein.

Zudem sei das Wissen über die Interessen und Motivationen der User Gold wert, schreiben Ireland und Nash. Deshalb der Tipp: “Sparen Sie nicht an Formularen, die Daten aufnehmen.” Außerdem gelte zumindest in den USA inzwischen die 1-Prozent-Spenden-Regel: Jeder hundertste Besucher der Kampagnen-Website ist demnach auch bereit, eine Geldspende zu hinterlassen.

Virtuelles Neuland beackern

Die deutschen Bundestagsparteien – SPD, CDU/CSU, Grüne, FDP und PDS – haben das Web inzwischen vor allem für die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner entdeckt. Da beharken sie sich gegenseitig mit einer schier unüberschaubaren Anzahl von verschiedenen Sites wie nicht-regierungsfaehig.de, zeitfuertaten.de oder – besonders originell – machenmachenmachen.de. Vom breit gefächerten Strauß an Websites versprechen sich die Macher nach eigenen Angaben, die unterschiedlichsten Internetnutzer anzusprechen: Stamm- oder Erstwähler, Mitglieder, Interessierte oder Unentschlossene. Aber seit Wochen werfen die Verantwortlichen dem jeweils anderen Lager vor, das Web für billige Polemik zu missbrauchen, anstatt sich online mit Politik zu befassen.

Dabei geben sich die Online-Strategen durchaus aufgeklärt: “Die User steuern Internetseiten gezielt an”, weiß SPD-Mann Wasserhövel, und zwar mit “eigenem Suchprofil”. Darauf müssten sich die Parteien als Informationsanbieter einstellen. Während PDS und Grüne vor allem Fakten zu den unterschiedlichsten Themen liefern, wollen Liberale, Christ- und Sozialdemokraten offenbar auch für Unterhaltung sorgen – mit animierten Karikaturen des Gegners.

Engagiert im Nebel stochern

Wie viele Seitenaufrufe oder gar qualifizierte Besucher-Sitzungen da pro Woche zusammenkommen, können die großen Parteien nur mehr schlecht als recht schätzen – auf zu viele Domains sind die Inhalte verteilt. Für die FDP rechnet Petra Horstick von der Agentur Universum rund 700 000 Page Impressions (PIs) für den Monat Juni zusammen. Hendrik Thalheim, Pressesprecher bei der PDS kommt auf 800 000 PIs. Wie viele Nutzer dahinter tatsächlich stecken, wie oft sie wiederkommen und was sie auf den Sites suchen – darüber können die Parteien momentan nur mutmaßen.

Für welche Zwecke setzen die Parteistrategen das Internet in diesem Wahlkampf ein? Wie verändern sich die Strukturen im elektronisch geprägten Parteiapparat? Um diese Fragen geht es in weiteren Beiträgen von silicon.de zum ersten Online-Wahlkampf der Bundesrepublik. Schauen Sie wieder rein!