Vater Staat zieht Mobilcoms Hals aus der Schlinge

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Millionenkredite sollen Insolvenz abwenden

Für die Mitarbeiter des schwer angeschlagenen Mobilfunkanbieters Mobilcom beginnt die Woche wider Erwarten gut. Vater Staat zeigt sich gönnerhaft: Mit 400 Millionen Euro wollen der Bund und das Land Schleswig Holstein der Mobilcom unter die Arme greifen. Damit ist für Unternehmenschef Thorsten Grenz der Gang zum Insolvenzgericht zuerst einmal in die Ferne gerückt. Die Börse reagierte euphorisch auf die positive Entwicklung. Die Mobilcom-Aktie schoss wie ein Feuerwerk in die Höhe. Knapp eine Stunde nach Handelsbeginn legte das schwer gebeutelte Papier um 244,6 Prozent zu.

Die Mobilcom Mitarbeiter nahmen die Nachricht mit großer Erleichterung zur Kenntnis. “Mir kamen die Tränen”, drückte Betriebsratsvorsitzender Jörg Malter seine Emotionen aus. In den Gesichtern der Angestellten zeige sich ein Lächeln. Das verwundert nicht. Noch am Freitag, es war der Dreizehnte, schien die Zukunft von Mobilcom und ihren rund 5400 Mitarbeitern besiegelt.

Mehrere Stunden verhandelten gestern Politiker, darunter Bundeswirtschaftsminister Werner Müller in einer Krisensitzung mit den Spitzen von Mobilcom über mögliche Lösungen. Der erste Teil des Kredits der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) von 50 Millionen Euro stehe bereits heute zur Verfügung, kündigte Müller laut dpa an. Insgesamt wird die KfW bis zu 320 Millionen Euro bereitstellen. Die andere Finanzspritze kommt von der Landesbank Schleswig-Holstein. “Das ist ein kerngesundes Unternehmen mit einem Liquiditätsengpass”, resümierte der Minister. Mit den Hilfen solle dieser Engpass überwunden werden und eine Restrukturierung mit Erhalt der UMTS-Perspektive auf den Weg gebracht werden.

Der umstrittene Ex-Chef und Firmengründer Gerhard Schmid wird seine Aktien an einen Treuhänder übergeben und damit seinen Teil zur Lösung beitragen. France Télécom und Schmid sind in den vergangenen Monaten mehrmals zusammengekracht; der Mehrheitsaktionär hält ihn für den Hauptschuldigen der Krise.

Unterdessen sagte Schmid im ZDF-Morgenmagazin, er halte nun eine Entschuldung der Firma durch Verhandlungen mit Paris für möglich. France Télécom habe erkannt, dass man nicht durch eine Insolvenz günstig aus dem Engagement herauskomme.

Ganz so einfach wird das allerdings nicht sein, glaubt zumindest Bundeskanzler Schröder. Mobilcom hat nach Aussage des Regierungschefs hohe Schadenersatzansprüche gegenüber dem Großaktionär France Télécom. Eine Trennung zwischen Mobilcom und France Télécom sei noch nicht sicher, sagte Schröder heute vor Journalisten in Berlin. Nach Informationen der dpa ist es zwischen dem Kanzleramt und dem französischen Präsidentenpalast am Montagmorgen darüber zu einem Gespräch gekommen.

Während in Büdelsdorf die Betroffenen wieder voller Hoffnung in die Zukunft blicken, mehrt sich die Kritik an der millionenschweren Unterstützung durch den Staat. CDU-Chefin Merkel: “Trotz des Erhalts von Arbeitsplätzen bleibt der schale Beigeschmack, dass hier aus wahltaktischen Erwägungen schnell geholfen wird,” kommentierte die Politikerin die jüngste Entwicklung im Deutschlandfunk. Unvergessen bleibt die Rettungsaktion für den Bauriesen Philipp Holzmann. Zwei Jahre danach musste das Unternehmen trotz Unterstützung Insolvenz anmelden. Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber bemängelte, dass trotz der Hilfe in diesem konkreten Fall keine vernünftigen Rahmenbedingungen für den Mittelstand insgesamt geschaffen würden.

Bei den zugesagten Hilfen für Mobilcom in Höhe von bis zu 400 Millionen Euro handele es sich um “bankübliche Darlehen” und nicht um eine staatliche Intervention, konterte Schröder seinen Kritikern. Während die Causa Mobilcom bis zum Wahlsonntag Politikum bleiben wird, gibt es schon erste Interessenten für das angeschlagene Unternehmen. Wie die Financial Times berichtet, will Konkurrent Talkline Teile der Büdelsdorfer Firma übernehmen. “Wir sind im Wesentlichen an den Kunden interessiert”, sagte Henning Vest, Vorstandschef des Elmshorner Telefonanbieters. Auch Debitel, mit 7,6 Millionen Kunden größter deutscher Vermarkter von Mobilfunkverträgen, hat großes Interesse an Mobilcoms Kundenstamm angemeldet.

silicon meint: Menschlich betrachtet ist die Rettung der Mobilcom-Arbeitsplätze eine wunderbare Sache. Allerdings stopft die Regierung damit nur kurzfristig den mittlerweile maroden Arbeitsmarktteppich. Wichtig ist es nun, weiter als über den Tellerrand zu blicken. Neben den Millionenkrediten ist ein ausgeklügelter Restrukturierungs- und Geschäftsplan notwendig. Eine zweite Pleite à la Holzmann ließe neben dem Wirtschafts- und dem Finanzminister auch den Steuerzahler nach Luft ringen.