Online-Broker greifen zum Fusions-Notnagel

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Die Banken-Töchter haben keine Kraft mehr

Die Lage muss wirklich dramatisch sein, wenn die zwei größten Online-Broker Deutschlands sich in die Fusion flüchten. Nach einem Bericht des Handelsblatts sprechen Hypovereins- und Commerzbank schon seit Wochen über eine Zusammenlegung ihrer Brokerage-Töchter DAB und Comdirect.

Zwar wollten sich beide Häuser auf Anfrage mit keinem Wort zu den “Marktgerüchten” äußern. Beobachter äußerten sich dem Bericht zufolge aber bereits erfreut über die Aussicht, einen starken Player auf dem europäischen Brokerage-Markt zu sehen, der wegen großer Synergie-Effekte “wahrscheinlich profitabel” arbeiten könne. Im Klartext: Man kann bei dem derzeit geringen Aufkommen des Kundenstamms viel Personal und Material einsparen.

Derzeit machen DAB, Comdirect und auch Consors hohe Verluste. Dort wird seit langem gespart. Allerdings verfügt die Comdirect wohl noch über große Barreserven aus ihrem Börsengang. Im Gespräch sei neben einer Übernahme der DAB durch die Commerzbank-Tochter auch ein Aktientausch mit Barkomponente, will das Handelsblatt aus Finanzkreisen erfahren haben.

Als sicher gilt, dass DAB-Chef Matthias Kröner seinen Posten demnächst aufgeben wird und somit Comdirect-Chef Achim Kassow das Joint Venture in die Hand nehmen würde. In den Zentralen in Frankfurt und München wird vorsorglich dementiert, die Annäherung der Brokerage-Töchter würde auch gleich den Boden für eine Fusion der beiden Banken bereiten. Das sei kein Thema, heißt es.

Zu Beginn des Dot-com-Booms hatten fantastische Wachstumsaussichten die Bankhäuser ins Online-Geschäft mit Kleinanlegern gelockt, denn gleichzeitig schien die Telekom-Aktie den Boden für eine blühende Aktienkultur zu bereiten. Das Geschäftsmodell hat sich allerdings als äußerst anfällig erwiesen, denn sobald die Orderzahlen der krisenverschreckten Anleger zurückgehen, bleiben die Online-Broker auf ihren Personal- und Infrastrukturkosten sitzen – auf Normalmaß können sie nicht schrumpfen, weil die Bankenaufsicht fordert, dass auch große Handelsvolumina ohne Verzögerung bewältigt werden können. Wann es damit wieder soweit ist, das wüssten vor allem die Banker selbst am liebsten.

Silicon meint: Die Idee des Online-Brokerage war in der Tat bestechend und die Banken mussten das Spiel ausreizen. Das sollte ihnen niemand zum Vorwurf machen. Denn Finanzdienstleistungen sind schließlich prädestiniert für den E-Commerce. Allerdings: Die Art und Weise, wie diese Idee derzeit umgesetzt wird, ist bei weitem noch nicht ausgereizt. Der Anwender darf hoffen, dass die guten Ideen aus beiden Häusern überleben – und viel unnötiger Ballast über Bord geht.