Bloß’n Witz

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Was für sonnige Gemüter es doch heutzutage gibt! Welch’ Fröhlichkeit des Herzens – und deswegen auch immer einen Scherz auf den Lippen. Stefan Effenberg beispielsweise. Unser Effe!

Ein Buch hat der ja geschrieben. Obwohl alle gedacht hatten, das diesbezüglich ultimative Oevre sei mit Dieter Bohlens Abhandlung über diverse in der medialen Öffentlichkeit und mit ihm in Verbindung stehende Frauen längst verfasst worden. Eigentlich hätte da nichts mehr kommen können. Bis auf Effe. Und seinen Auftritt bei der Präsentation des Buchs. Was er selbst denn so gelesen hätte, ist er da gefragt worden.

“Die Hitler-Tagebücher”, hat er geantwortet. “Die gefälschten?” – “Nein, die echten.” Dass es die nicht gibt, hat Henry Nannen seinerzeit den Job gekostet. Egal, Effe hat sie gelesen. Was soll man jetzt dazu sagen? Bleibt nur eins: “Satire.” Das sei’s gewesen, hat später denn auch Effes Verleger erklärt: “Ein Witz.” Satire, das ist – so scheint es – die ultimative Ausrede für Dumpfbackigkeit. Kommt ja heute in den höchsten Kreisen vor.
Satire ist deswegen auch, wenn der italienische Ministerpräsident – Koalitionspartner der Post-Faschisten – einen EU-Hinterbänkler die Rolle eines Kapos andient. Richtig dankbar ist man da ja schon seinem Staatsekretär Stefano Stefani. Der nämlich hat analysiert, dass die deutschen Touristen in Italien besoffen seien – vor Nationalismus. Als ob es da nicht bessere Gründe gäbe: Chianti, Barbera, Bardolino …

Aber egal, entscheidend ist, dass er es ernst meint, der Staatssekretär. Und er hat auch nie gesagt, es sei “Satire” – wie die anderen. Das ist ihm wohl nicht eingefallen. Was ihn fast schon wieder ehrt. Allerdings manchmal wäre man ja richtig erleichtert, wenn man die abgeschmackte Satire-Ausrede zu hören bekäme. Denn wenn jemand so dumm-dreist daherredet, dann doch nur, weil man ihm etwas noch Dumm-Dreisteres nicht hat durchgehen lassen.

“War doch nur’n Witz.” Wie schön wäre es, wenn das dieser Ulrich Schumacher einmal sagen würde. Der Infineon-Chef. Der, der regelmäßig 5 Prozent der Belegschaft zu Under-Performern erklären und rausschmeißen will. Der Mann hat’s mit der Leistung – vor allem mit dem Beziehen von Leistungen.

Dass sich Infineon seine Chip-Fabriken vom Staat bezahlen lässt, daran hat man sich ja mittlerweile gewöhnt. Jetzt aber möchte Schumacher auch noch, dass der Landschaftspark um die neue Konzernzentrale aus öffentlichen Mitteln gepflegt wird. Ein gemeinnütziger Verein, der sich um Erholungsgebiete kümmert, und der bayerische Staat sollten doch die Kosten tragen.

Wegen sogenannter “verschämter Armer” spart der Staat viel Geld. Menschen, denen es peinlich wäre, die ihnen zustehenden Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Verschämte Reiche allerdings gibt’s nicht so oft. Im Gegenteil. “Aggressives Betteln” würde man wohl nennen, was Schuhmacher so macht. Wenn’s auf einem öffentlichen Platz stattfinden und nicht von einer Vorstandsetage aus betrieben würde.

Die, die ‘nen Euro wollen, legen bei ihrem Geschäft wenigstens eine gewisse demonstrative Zerknirschtheit zutage. Denen hingegen, die Millionen abgreifen, ist so was fremd. Schumacher hat jetzt ja seinen Personal-Chef entlassen, offenkundig weil der beim Feuern der Under-Performer nicht die erwünschte Leistung gezeigt hat. Der Mann ist schließlich kein Spaß-Macher. Andere Leistungsträger, die es zu verantworten haben, dass ihre Unternehmen nur noch einen Bruchteil ihres früheren Werts haben, halten es ja genauso.

Siebel beispielsweise. Auch Siebel sondert die Under-Performer systematisch aus. Bleibt nur zu hoffen, dass da noch jemand übrigbleibt, der sich um’s Customer Relationship Management kümmert.

Oder: Günther Beckstein. Multimedial, biometrisch und mit Hilfe von Hausmeistern, Stromzähler-Ablesern und Schornsteinfegern möchte der den Leuten zuleibe rücken. Wenn der Mann nicht als bayerischer Innenminister seine traurige Existenz fristen würde, als Kabarettist wäre er göttlich. Auf so was wie er kommt ein professioneller Komiker ja gar nicht.

Lawrence Ellison! Der Effe der IT! “Ich habe es allen gezeigt.” Den Konkurrenten Peoplesoft möchte der übernehmen. Dessen Kunden sollen ihre alten Programme wegwerfen und auf die Applications von Oracle umsteigen. Weil: Oracle will ja die Kundenkartei kaufen. Nein, das ist keine Persiflage auf eine moderne – und wohl ein bisschen humanere – Form des Menschenhandels. Lawrence Ellison ist schließlich kein Humorist. Der Mann macht Millionen – und keine Witze.

“Wähle 0190 …” Brauchst du gar nicht. Das erledigt schon der Dialer auf deinem Rechner. Und auch den dafür fälligen Betrag brauchst du gar nicht zu überweisen. Den zieht schon die Telekom mit der Telefonrechnung ein. Künftig soll man ja von der Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation erfahren können, wer einem da ‘remote’ auf’s Portemonnaie zugreift. Unterbunden allerdings wird diese umgekehrte Form der Selbstbedienung nicht.

Von der Telekom geschickte Gerichtsvollzieher werden weiterhin das Inkasso für Leute übernehmen, die sich in der Regel außerhalb des Zuständigkeitsbereichs deutscher Gerichte aufhalten. “Gesetz zur Bekämpfung des Missbrauchs von 0190er-/0900er-Mehrwertdiensterufnummern” heißt das Paragraphenwerk, das das ermöglicht. Aber es war kein Witzbold, der sich diesen Namen ausgedacht hat.

Angesichts von all dem fühlt man sich auch immer so unwohl, wenn man versucht, eine Glosse zu schreiben. Denn es gilt der Lehrsatz des großen niederbayerischen Kabarettisten Siegfried Zimmerschied: “So ganz wird die Satire die Realität ja nie einholen.”

Und deswegen ist der Wochenrückblick auch keine Satire. Es handelt sich vielmehr um die Wahrheit und “Nichts als die Wahrheit”. Und selbst dieser Titel ist kein witziger Einfall. Sondern er stammt von jemanden, der das ganz, ganz ernst gemeint hat.

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