Open-Source-Offensive bei Polizei und Bund muss sich beeilen

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Erste Linux-Konzepte stehen, bevor die Upgrade-Lizenzen von Microsoft greifen

Die IBM muss sich mit konkreten Open-Source-Plänen für die Bundesverwaltung beeilen. Denn ab Ende dieses Monats drohen gemeinhin saftige Lizenzgebühren für die Updates von Microsoft-Software.
Anfang Juni hatten IBM und das Bundesministerium des Innern einen Kooperationsvertrag geschlossen. Dieser sieht vor, dass die öffentlichen Verwaltungen in Deutschland zu Sonderkonditionen IBM Hard- und Software, die auf offenen Standards basiert beziehungsweise mit freier Software kompatibel ist, erwerben können.

Dabei spielt das Opensource-Betriebssystem Linux eine wesentliche Rolle. Es soll auf den Servern sowie auf Clients laufen. Außerdem ist IBM dazu verpflichtet, unter anderem ein Open-Source-Portal ins Leben zu rufen, eine Beratungshotline einzurichten sowie Testlizenzen zur Verfügung zu stellen.

Die Gründe

In erste Linie geht es Otto Schily, der den Rahmenvertrag mit IBM unterzeichnete, um Alternativen zu Microsoft-Produkten, nicht jedoch um den kompletten Austausch. Das Handelsblatt zitiert den Bundesinnenminister mit der Absicht “mehr Vielfalt und damit die Chance zu mehr Sicherheit” in die Amts-DV bringen sowie die “Verhandlungsposition” gegenüber Anbietern zu stärken zu wollen.

Erst in zweiter Linie spricht der Minister vom Einsparungspotenzial – beim Kauf der Software als auch bei den laufenden Kosten -, das die Opensource-Software mit sich bringt. Doch IBM-Vertreter lassen keinen Zweifel daran, dass es der Bundesverwaltung pressiert. “Je schneller wir mit einem Konzept kommen, desto besser”, stellt Tom Schwaller, beteiligter Linux-Architekt bei IBM, heraus.

Kosten für die Migration

Allerdings müssen die Behörden und Ämter geduldig sein, und Einsparungseffekte abwarten, die der Migrations- und Schulungsaufwand dürfte zum Teil enorm sein.

Nach einer Migrationsstudie des BMI vom September 2001 zeichnen sich bisher die Server- und Clients des Ministeriums durch eine hohe Homogenität aus. So wird zu 91 Prozent auf den 70 Servern und zu fast 100 Prozent auf den rund 2000 Clients das Betriebssystem Windows NT eingesetzt.

In ihrer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung geht die Studie davon aus, dass sich die haushaltswirksamen Kosten bei einer Migration auf Linux-Systeme zunächst um 14 Prozent erhöhen. Die Hauptursache seien höhere Fortbildungskosten für die IT-Fachkräfte.

Doch IBM-Mann Schaller wiederspricht: “Linux-Experten findet man heute an jeder Ecke. Linux-Know-how gehört heute zu den Einstellungsvoraussetzungen.”

Kostenvergleiche und versteckter Aufwand

Damit geht die Unternehmensberatung Gartner Group konform. Für sie gehört Linux mittlerweile zum Mainstream. Im Jahr 2006 sei Linux sogar soweit gereift, dass es 70 Prozent aller jetzigen Unix-Applikationen unterstützen könne.

Vergleichsrechnungen, die aktuell in einer Gesamtschau die Total Cost of Ownership (TCO) von Linux-Installationen vor allem mit DV-Landschaften auf der Basis von Microsoft-Produkten gegenüberstellen, scheuen die Gartner-Analysten dennoch. Das liege daran, dass es zu viele individuelle Konfigurationen und Applikationen gebe sowie firmenindividuelle versteckte Kosten.

Viele Anwender ließen nur den Wegfall von Lizenzkosten gelten, doch das reiche nicht. Für einen Client, auf dem ein Windows-Betriebssystem läuft und die Office-Anwendungen des Herstellers kommt schnell “ein höherer vierstelliger Betrag” zusammen, sagt IBM-Linux-Spezialist Schwaller.

Doch auch IBM will bezogen auf den mit Schily geschlossenen Rahmenvertrag keine Rechnungen gelten lassen. Es sei nicht einmal klar, wie ein Standard-Client konfiguriert sein solle, sagt Linux-Experte Schwaller. Zum Beispiel sei es möglich außer Linux noch andere Opensource-Software zu nutzen, etwa die Datenbanksysteme wie My SQL und Pro SQL.

Beispielrechnungen

Beispielrechnungen im Server-Bereich könnte die nordrhein-westfälische Polizei anstellen. Sie tauschte eine dezentrale Installation mit 65 Servern gegen einen zentralen Linux-Cluster aus. Nach Angaben von Peter-Rainer Kurth, vom zuständigen Fujitsu-Siemens Competence Center, fallen hier im wesentlichen Kosten für die Systemadministratoren weg.

In einem theoretischen Vergleich zu Unix-Alternativen in der nun zentralen Lösung, käme die Linux-Installation um 30 bis 40 Prozent billiger.

Auch die niedersächsische Polizei musste solche Vergleiche anstellen. Sie stellt bis 2004 rund 11 600 Clients auf das Opensource-Betriebssystem um. Mit der Entscheidung auf Servern und Endgeräten Linux als Betriebssystem einzusetzen, folgt das Innenministerium einer Empfehlung einer Projektgruppe und des Kooperationspartners, der Unternehmensberatung Mummert und Partner AG. In einem Vergleich zwischen Linux und Windows 2000 und XP waren die Berater zu dem Schluss gekommen, dass sich mit Linux über die nächsten zehn Jahre etwa 20 Millionen Euro einsparen lassen.