Formvollendet!

Enterprise

Was stört, ist nur die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird. Man vermisst schmerzlich den dem Sachverhalt angemessenen Ton. Adäquat wäre etwa ein: “Boah, hast du die gesehen …”

Was stört, ist nur die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird. Man vermisst schmerzlich den dem Sachverhalt angemessenen Ton. Adäquat wäre etwa ein: “Boah, hast du die gesehen …”
Ist aber nicht. Jedenfalls äußern sich so nicht die, die’s in den Medien tun. Die zetteln statt dessen aus einem schön anzuschauenden Anlass eine griesgrämige Debatte über Sitte, Moral und Anstand an.

Der Bremer Bildungssenator Willi Lemke beispielsweise. Der, den’s vom Fußballplatz in die Schulverwaltung verschlagen hat. “Solche Reizwäsche passt vielleicht in die Disco”, weiß der Modesachverständige von der Küste darzulegen. “Aber im Klassenzimmer sollten sich die Mädchen ordentlich anziehen.

Der Jugendverband der Grünen hat daraufhin T-Shirts mit der Aufschrift “Lieber bauchfrei als Glatze” bedruckt. Was auf Lemkes dünnes Haar anspielt und ansonsten arg dümmlich ist. Schließlich ist der Gedanke, der zu obigen, absonderlichen Äußerungen geführt hat, inwendig im Kopf des Schulsenators entstanden und nicht außen, da wo die Platte ist.

Nun gab’s solche aufgeregten Diskussionen ja schon in vielen Sommern, halt immer, wenn die Temperaturen danach sind – über Miniröcke und durchsichtige Blusen in den 60er Jahren und in den 80ern über die Nackerten im Englischen Garten der bayerischen Landeshauptstadt. Über Themen eben, von denen sich Männer in Lemkes Alter erst einmal einen ausgiebigen visuellen Eindruck zu verschaffen pflegen, um sich anschließend gehörig darüber zu entrüsten.

Diesmal aber ist’s mehr. Mit der Headline “Nobel statt Nabel” hat unlängst der Spiegel aufgemacht. In dem Artikel dann allerdings ging’s weniger um die bauchfreien Mädels. Die haben nur den Aufhänger und die hübschen Motive für die Bebilderung abgegeben.

Das Blatt, das einstmals den Staub der miefigen Adenauer-Ära aufwirbelte, lobte statt dessen “lange Verlorenes: klare Verhältnisse, Distanz, gut sitzender Anzug, Respekt”.

Ganz klar: Man legt wieder Wert auf Sekundärtugenden, auf das Äußere, auf die Form. Bedenklich ist das insoweit, als dass die Überbetonung von derartigem in der Regel darauf schließen lässt, dass mit denen, die’s tun, ansonsten nicht allzu viel los ist.

Es ist schön, wenn die Form zum Inhalt passt. Oft aber ist sie dessen Feind. Und niemand weiß das besser als der IT-ler.

Beispielsweise bei den Betriebssystemen: Da gibt es MVS – Multiple Virtual Storage. Das heißt ein Stück Software, das es mehreren Anwendern ermöglicht, Ressourcen-schonend Daten aus dem Arbeitsspeicher auf die Festplatte auszulagern. So funktioniert es. Und deshalb heißt’s auch so. Ein bisschen komplizierter ist’s bei Unix. Dabei handelt es sich um eine einfache Variante von Multics. Daher der Name: Unix.

Der von Multics (Multiplexed Information and Computing System) wiederum rührt daher, dass das ein Betriebssystem werden sollte, das mehrere Aufgaben gleichzeitig hätte erledigen können.

Einfach ist in der Unix-Welt halt nix. Nicht einmal der Name. Aber es ist eindeutig, dass es bei Unix und bei MVS darum geht, wie die Software funktioniert. Also um den Inhalt.

Bei einem anderen Betriebssystem scheint das hingegen keine Rolle zu spielen: bei Windows. (Kein Wunder, oft genug funktioniert’s ja auch nicht.) Der Name Windows stellt auf’s Äußere ab, auf die Benutzeroberfläche. Wer die drei Betriebssysteme kennt und vergleichen kann, der weiß, wie passend ihre Namen gewählt wurden, mal mit der Betonung der Form, mal mit der des Inhalts.

Oder: das Branding. Quasi der mehr oder weniger “gut sitzende Anzug” von Maschinen oder Software-Stücken.

Die Rechner von IBM etwa heißen jetzt ja alle e-Server, e-Server der z-, der p-, der i- und der x-Series. Das ist so eine Art Konfirmationsanzug. Einer der sitzen kann, wie er will. Er passt einfach nicht.

Die Techniker bei IBM, richtige Männer, die es gewohnt sind, in Slashes zu sprechen – S/390, RS/6000, AS/400 – die schauen deshalb auch immer ganz traurig, wenn die Marketing-Mamas sie dazu verdonnern, den sprachlichen Konfirmationsanzug anzuziehen.

Gerade die, die viel Wert auf’s Äußere legen, vergreifen sich oft in Fragen des guten Geschmacks. Und es ist darüber hinaus auch erstaunlich, wie inkonsequent die Sekundärtugend-Wächter sind. Willi Lemke beispielsweise sagt im Hinblick auf die bauchfreien Mädels: “Es gibt Sexbomben an unseren Schulen, da möchte ich nicht Junglehrer sein.” Mensch, Lemke! Schon mal was von Disziplin gehört?

Bei den Junglehrern handelt es sich immerhin um erwachsene Männer, die eine mindestens 17jährige Schul- und Hochschulausbildung absolviert haben. Die sollten sich doch ein bisschen im Griff haben. Ansonsten wären’s ja Orang-Utans. Was dann allerdings auch ein “gut sitzenden Anzug” nicht verbergen könnte.

Form und Inhalt. Gegenwärtig dominiert eindeutig erstere.

Der Pentagon-Berater John Poindexter ist ja vor kurzem zurückgetreten. Ein Mann, dem man sicherlich keine Träne nachzuweinen braucht.

Für das Total-Information-Awareness-Projekt des US-Verteidigungsministeriums ist er verantwortlich, den weltweit bislang wohl größten IT-gestützten Eingriff in die Privatsphäre. Und früher hat er mit dem Geld aus Waffenverkäufen an das iranische Mullah-Regime die nicaraguanischen Contras finanziert.

Aber wegen all dem ist er aktuell nicht zurückgetreten. Sondern wegen seiner Terror-Börse. An solchen ‘prediction markets’ im Internet wird mittlerweile ja mit allem gehandelt – mit Politikern, dem Wetter und mit Oskar-Preisträgern. Nicht wirklich, versteht sich. (Was sollte man als anständiger Surfer denn auch mit einem günstig erworbenen Politiker anfangen?) Die Börsen dienen bloß der Informationsbeschaffung ihrer Betreiber.

Poindexter nun wollte eine Plattform für den virtuellen Terror-Handel ins Web stellen. – Ja, das ist schon dégoutant! Aber das, was er sonst noch getrieben hat, ist nicht nur eine Geschmacksverirrung. Dass der Mann wegen sowas gehen muss, ist fast schon wieder tragisch. Da hätt’s doch wahrlich bessere Gründe gegeben.

In diese Zeit passen die Autorinnen, die sich aktuell mit Benimm-Büchern um Form und Stil bemühen: Ariane Sommer (Die Benimm-Bibel – Ultimatives für moderne Menschen) und Gloria Fürstin von Thurn und Taxis (Unsere Umgangsformen. Die Welt der guten Sitten von A – Z). Ariane Sommer ist die, die gerne öffentlich in flüssiger Vollmilchschokolade badet. Und die Fürstin begründet Virus-Epidemien damit, dass Afrikaner gerne “schnackseln”. Wobei man den Damen zugute halten muss, dass sie sich nicht zu bauchfreier Bekleidung äußern.

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