IBM schlägt zurück und verklagt SCO

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Die Prozess-Schlacht wird zum Lehrstück für die rechtliche Absicherung von Software-Entwicklung
schlechthin. Darüber droht das Problem der Software-Patentierung in Vergessenheit zu geraten.

Fünf Monate nach der Klage von SCO gegen IBM wegen der Verletzung von Urheberrechten am
Unix-Quellcode hat Big Blue erste Gegenmaßnahmen ergriffen. Am selben Gericht in Salt Lake City
im US-Bundesstaat Utah hat der Konzern Klage gegen SCO eingereicht: Im Kern geht es in der
Klageschrift um den Vorwurf, SCO habe schon unter dem Firmennamen Caldera das Recht auf eine
Klage verloren, weil das Unternehmen seit 1994 eine Linux-Distribution vertrieben hat.
Daher könne SCO keine Urheberrechte mehr geltend machen, weil der Linux-Code bereits unter
der GNU General Public License veröffentlicht wurde. Seinerseits habe SCO außerdem vier Patente
von IBM verletzt, die nicht näher benannt werden. Der Konzern setzt bisher noch keine Summe für
eine etwaige Schadenersatzforderung an. Dritter Punkt in der eingereichten Klage: SCO habe mit
seinen Briefen an 1500 der weltgrößten Unternehmen, die Linux einsetzen, gegen US-Gesetze
verstoßen, die eine Einmischung in die Geschäftsbeziehungen von Unternehmen mit ihren Kunden
verbieten.

Die Chancen auf Schadenersatz stehen nicht schlecht, denn zahlreiche Analysten haben in ihren
Papieren zum Thema Linux in den vergangene Wochen bereits von einer Weiterentwicklung in
unternehmenskritischen Bereichen vorerst abgeraten, um die Aktivitäten nicht durch eine rechtliche
Unsicherheit zu gefährden. Dabei ist das Open-Source-OS derzeit unbestritten das Betriebssystem,
das bei seiner Verbreitung weltweit die größten Zuwachsraten aufzuweisen hat.

SCO-Sprecher Blake Stowell reagierte bereits auf das erste Klageelement: Die eigene
Verwendung der GPL hindere SCO nicht daran, seine Urheberrechte durchzusetzen und illegale
Transfers von Code aus Unix System V verfolgen zu lassen. Zumindest die Anleger an den
internationalen Börsen hatten offenbar nicht mit einem derartigen Schritt von IBM gerechnet. Der
SCO-Aktienkurs reagierte auf die Nachricht von der Klage mit einem Absturz um mehr als 10
Prozent.

Mit großem Interesse wurde währenddessen eine Rede des profilierten Open-Source-Aktivisten
Bruce Perens auf der Linux-World in San Francisco verfolgt. Er warnte Unternehmen, die Linux
einsetzen, davor, auf die Lizenzforderungen von SCO einzugehen. Im Endeffekt kaufe man sich
damit eine Lizenz für Rechte, die SCO aller Wahrscheinlichkeit nicht vor Gericht durchsetzen könne.
Gleichzeitig verletze man damit aber die GPL und damit die Rechte der zahlreichen Linux-Entwickler.
Damit drohten wiederum Klagen von IBM, Redhat oder einzelnen Entwicklern. Das ganze sei nur
“heiße Luft”, so Perens wörtlich.

Er erwartet, dass sich IBM und der Linux-Distributor Redhat, der vor wenigen Tagen ebenfalls
eine Klage einreichte, in ihren Prozessen mit SCO auf Vergleiche einigen werden. SCO werde dabei
beantragen, Beweise für den vermeintlichen Code-Transfer nicht an die Öffentlichkeit dringen zu
lassen. Damit aber werde die Frage nicht abschließend geklärt, meint Perens. Er forderte IBM und
Redhat deshalb auf, einen Vergleich abzulehnen und es auf ein Urteil ankommen zu lassen. Big Blue
hat wie andere IT-Konzerne große Investitionen in seine Linux-Strategie getätigt.

Viel wichtiger als der voraussichtlich unspektakuläre Ausgang der SCO-Prozesse sei aber der
Vormarsch der Software-Patentierung, warnte Perens in San Francisco. Das Konzept der Open
Source werde dadurch weit mehr gefährdet als durch die Behauptungen von SCO. Die Entwickler von
freier Software sollten zunächst ihre Lizenzen so abändern, dass künftige Kläger nicht weiter von
ihrer Software profitieren könnten. Die Lizenzen könnten beispielsweise automatisch widerrufen
werden, sobald ein Anwender Klage gegen einen Entwickler wegen Patentverletzungen einreiche.
Obwohl klar sei, dass die Patentierung und Prozesskosten von durchschnittlich 2 Milliarden Dollar das
Aus für individuelle, verteilte Software-Entwicklung bedeute, gehöre IBM weiterhin zu den
Befürwortern von Software-Patenten. Das sei unverständlich, so Perens.