Trotz Bachelor und Master: Das Ingenieursstudium soll überleben

Management

Deutsche IT-Firmen starren auf US-Unis wie das Kaninchen auf die Schlange, doch die besinnen sich wieder zurück. Der Stein der Weisen liegt wohl irgendwo dazwischen.

Annika Farin, Senior Vice President People & Organisation bei Infineon in München, sucht bestimmte Talente für ihr Unternehmen nicht mehr an deutschen Universitäten. “Wir sehen in Asien unglaubliche fachliche Talente, die auch noch dramatisch jünger und eklatant flexibler sind als europäische Absolventen technischer Fachrichtungen”, sagt sie. Und solche haben eher eine Chance, Infineons Profil eines Idealkandidaten zu erfüllen: technisch auf dem neuesten Stand, mit Tiefenwissen und Forscherdrang ausgestattet, sozial kompetent und unternehmerisch orientiert. Und: Möglichst nur 26 Jahre alt und mit Auslandserfahrung.
Obwohl sie sich im Klaren ist, dass ihr Bild eines Idealkandidaten der berühmten “eierlegenden Wollmilchsau” entspricht, hält sie daran fest. “Solche Leute können bei uns ganz schnell Karriere machen”, sagt sie. Absolventen aus deutschen Unis haben für solche Stellen allerdings schlechte Chancen. Für die interessanten Stellen in ihrem Unternehmen seien in Deutschland ausgebildete IT-Fachkräfte in der Regel “viel zu alt” für den Weg nach oben.

Als Heilmittel gegen die europäische Misere fordert sie, das Hochschulwesen in der EU weiter nach dem angelsächsischen Modell umzubauen. Die Fachstudiengänge werden derzeit um die zwei Abschlüsse ‘Master’ (qualifizierte Tiefenausbildung) und ‘Bachelor’ (fachliche Breitenausbildung in zwei Jahren) herum neu geordnet. Nicht zuletzt auf Druck der Industrie haben sich die Länder der EU dazu durchgerungen, ihr Hochschulwesen einer Radikalkur zu unterziehen. Vorausgegangen war eine Tagung der EU-Bildungsminister in Bologna und eine entsprechender Beschluss.

Doch obwohl die Neuorientierung voll im Gange ist, werden immer mehr Stimmen laut, die langfristige Gefahren im angelsächsischen Modell sehen. Zu den Skeptikern gehört auch Professor Josef Nossek vom Lehrstuhl für Netzwerktheorie und Signalverarbeitung an der TU München – und er ist damit nicht allein. “Während in Deutschland mehr Bachelors und Masters nach amerikanischem System ausgebildet werden, haben dort erste Spitzenleute einen Ingenieursstudiengang für die USA gefordert.” Er warnt davor, nach einer Art “Modebewusstein” und an Schlagworten orientiert auszubilden.

Nossek bezieht sich bei seiner Argumentation gerne auf James Tien, Bildungsfachmann beim IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers), der sein eigenes Land zur Rolle rückwärts auffordert: “Ich schlage vor, das zweigleisige US-Studiensystem mit Undergraduates und Graduates zu restrukturieren”, forderte er bereits im Juni letzten Jahres in einem der renommiertesten Standardisierungsgremien für die IT-Welt. Tien würde lieber ein fachorientiertes Programm vorziehen, “das auf dem fünfjährigen Modell in Europa wie dem Diplom-Ingenieursstudiengang in Deutschland beruht”.

Für Nossek ist die ‘Bologna-Uni’ mit einer verpflichtenden Ausbildung nach Bachelor oder Master, also ohne durchgehenden Bildungsweg, nicht fortschrittlich, sondern “sehr einseitig und allein deshalb nicht zeitgemäß”. Unabhängig von der Studienzeit würde er lieber überall eine kombinierte Lösung sehen, wie sie an der TU München praktiziert wird. Hier sind Diplomabschluss, Bachelor und Master eine friedliche Koexistenz eingegangen. Seiner Aussage nach mit Blick auf die Kürzungen im Bildungsbereich sogar ohne wesentliche Mehrkosten für Stadt und Staat.

Der Professor plädiert für ein verzahntes Modell, das nicht länger wie in Deutschland sonst üblich einen qualifizierten Ausstieg, beispielweise nach der Zwischenprüfung, unsinnig macht – für eine kurze Ausbildung sei der Bachelor durchaus geeignet. Doch die Möglichkeit zum fünfjährigen Studium und der qualifizierenden Ausbildung müsse weiterhin der Königsweg bleiben. Sonst, so warnt er, könne Deutschland auch als Attraktionspunkt für internationale kluge Köpfe nicht mehr mithalten und auch die hiesigen Abiturienten würden sich über kurz oder lang in anderen Ländern einschreiben.

Angesichts dieser Gefahr hält Josef Nussek auch nichts davon, die Studienzeiten in Deutschland merklich zu verkürzen, denn: “Selbständiger werden die Absolventen dadurch auch nicht!” Im Fazit orientiert sich sein Denkmodell daran, die Studenten früher mit der Arbeitswelt in Berührung zu bringen durch Projekte und Praktika. So sei auch die von der Industrie geforderte Persönlichkeitsbildung ganz von selbst und ohne Mehrkosten für irgendeine Seite zu erreichen.

“Durch thematische Modularisierung, Nutzung interaktiver Lehrangebote und eine leichte Vernetzung mit anderen Gebieten, verbunden mit einem gezielten Praktika- und Projektangebot nützen wir den Absolventen wie der Industrie langfristig.” Ein Schmalspurstudium mit reinem Blick auf die Studienzeit und das Einstiegsalter der Absolventen in den Beruf sei bereits mittelfristig katastrophal. Sonst könnte die zur Zeit von der Industrie gerne heraufbeschworene Gefahr des Fachkräftemangels tatsächlich wahr werden.

“Es gibt weder einen Fachkräftemangel heute noch sehen wir ein Qualifikations-Defizit bei den Absolventen”, hält Professor Nussek dagegen. Auch sieht er keinen Abfall bei Fleiß, Selbstdisziplin, Intelligenz und Wissen. “Solche Aussagen sind gefährlich und immer politisch nutzbar.” Tatsächlich seien aber die Schwankungen bei den Absolventen und auch bei den Anfängerzahlen nichts anderes als eine um einen festen Faktor pendelnde Zahl, die so oder so benutzt werden könne und wenig aussagekräftig für die Zukunft sei.

Für Annika Farin besteht diese Gefahr dennoch. In zwei bis drei Jahren, so die Personal-Managerin, werde es wieder einen spürbaren Fachkräftemangel geben – auch wenn derzeit, wie sie einräumen muss, “tatsächlich wenig IT-Stellen bei Infineon frei sind”. Bei einer Verknappung von IT-Fachkräften sieht Annika Farin immerhin eine Chance für deutsche Arbeitskräfte – wenn sie sich flexibel genug zeigen: “Familienmenschen betreuen ungern ein Jahresprojekt nach dem anderen in China.”

Ihr scheint dabei auch klar zu sein, dass es sich dann um Fachkräfte handeln würde, die älter als 26 sind. Auf die konkrete Nachfrage, ob ältere IT-Fachleute im Infineon-Personalbüro ihres Wissens gleichwertig mit den Jungen behandelt würden, sagt sie ausweichend, sie vermute, dass gerade die erfahrenen Kräfte oft ein schlechtes Selbst-Marketing betreiben und sich offenbar selten auf die qualifizierten IT-Stellen melden würden. Und bei der Frage nach der Unternehmensbindung und dem Renteneinstiegsalter kann sie sich vorstellen, dass die Industrie dem Thema Weiterbildung dann ganz von selbst aktiv werde: “Selbstverständlich muss dann die Weiterbildung an Bedeutung gewinnen.”