Spam!

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Deshalb wohl hat sich Davis jetzt echt was einfallen lassen. Etwas, das seine chronisch schwindsüchtigen Popularitätswerte deutlich verbessern soll.

Deshalb wohl hat sich Davis jetzt echt was einfallen lassen. Etwas, das seine chronisch schwindsüchtigen Popularitätswerte deutlich verbessern soll. Zumindest bei Leuten mit einem Mail-Account. 1000 Dollar pro Spam will Gray abkassieren.
Bei ganz ungewohnten Gedanken erwischt man sich, wenn man sowas liest. “Klasse”, schießt es einem da durch den Kopf, “endlich mal einer, der richtig durchgreift!” Und wenn man schon so drauf ist, dann setzt man sich auch gleich an einen imaginären Stammtisch, bestellt eine virtuelle Halbe und hört sich sagen: “Mit dem Gesindel sollte man noch was ganz was anderes machen.”

Aber das ist ja das Problem bei Gedanken, die in der bierhaltigen Nährflüssigkeit von Stammtischen – virtuellen oder realen – gedeihen: Sie entstammen eher der Hypophyse als dem Großhirn. Wirklich tragfähig sind sie denn auch selten. Die Frage jedenfalls ist nicht, was man machen sollte, sondern mit wem.

Denn es wird schließlich nicht nur per Mail gespammt, sondern auch im Fernsehen, in gedruckter Form und mit vielen anderen Techniken. Am augenfälligsten wird das an einen genauso anrührenden wie allgegenwärtigen Bild: Ein von Prospekten überquellender Briefkasten und an der Klappe ein kleiner, tapferer und an das Umweltbewusstsein appellierender Aufkleber: “Bitte keine Werbung einwerfen. Wir wollen Müll vermeiden.”

Oder die Pressemitteilungen, die man als Schreiberling in großer Zahl bekommt, betreffs hochinnovativer, hochskalierender und hochperformanter Lösungen. Oft ist nicht herauszubekommen, ob es sich dabei um ein Stück Hard- oder Software handelt. Dafür aber “kommentiert” irgendein Vice-President, dass diese mysteriöse Lösung wieder einmal beweise, dass sein Unternehmen sich auf dem richtigen Weg befinde. (Wenn er die Angelegenheit als Holzweg charakterisieren würde, dann wär’s ja eine Meldung!)

Überall Spam – auch in der Politik. So lautet der Lieblingssatz unseres Bundeskanzlers: “Ich sage es noch einmal.” Daran anschließend sagt er zwar in aller Regel immer noch nichts, aber das eben “noch einmal”. Also etwas, was der Adressat ganz offenkundig nicht will – in dem Fall hören – wird zum Ausgleich seiner Unerwünschtheit mehrfach übermittelt. Das ist Spam. Der Amtsvorgänger des Bundeskanzlers hielt’s so ähnlich: Er tätigte Nullaussagen am liebsten “mit aller Entschiedenheit”, “in aller Deutlichkeit” oder “Offenheit”.

Das alles zeigt, dass es mit der Informationsgesellschaft noch nicht weit gediehen ist. Wir leben in ihren ruppigen Pionierjahren, in denen Rabauken das Bild prägen. Am Beginn einer geschichtlichen Epoche sind die Manieren der Leute halt nie sehr entwickelt. Die Trapper im Wilden Westen waren versoffen und gewalttätig. Die Vermarkter am Anfang der Informationsära sind penetrant und aufdringlich, bis sie dann, in einer späteren Phase – vielleicht einmal – Benimm lernen.

Im Lauf der jüngeren Geschichte haben sich diese Pubertätsprobleme historischer Epochen verschärft. Das liegt daran, dass die soziale Entwicklung mit der technologischen nun überhaupt nicht mehr mithalten kann.

Am deutlichsten wird das am Beispiel der Kernenergie: Vom Standpunkt eines Physikers aus gesehen, ist die mittlerweile ja nun wirklich keine große Sache mehr. Allerdings, wie will man den dabei entstehenden Müll entsorgen? Ein paar 10.000 Jahre lang sollte man den schließlich schon sicher aufbewahren. Aber wie soll das gehen? Bei Wirtschaftslenkern, die in Quartalen, Politikern, die in Legislaturperioden (vier Jahre) und Wählern, die häufig überhaupt nicht denken. Die IT produziert zwar nicht so gefährlichen Müll wie Kernkraftwerke. Dafür aber ungleich viel mehr.

Deshalb ist das mit den drakonischen Strafen für Leute, die ungeniert die reale und die virtuelle Welt vermüllen, vielleicht doch gar keine so schlechte Idee. Zu Beginn jeder historischen Epoche geht’s ja brutal zu.

Nur sollte man halt jedweden Spam mit einem 1000-Dollar-Knöllchen belegen – nicht nur den per Mail verschickten. Dann müsste beispielsweise unser Bundeskanzler nach jedem Ich-sag’-es-noch-einmal-Interview aus seiner Privatschatulle ein paar Riesen abdrücken. Da käme wieder richtig Geld in die Staatskasse.

Es wäre eine bessere Welt: Eine heilige Stille würde in ihr herrschen. Denn nichts mehr würde leicht- und unfertig dahingesagt und tausendfach ohne großen Aufwand gedruckt oder kostenlos per Mail versandt. Nur noch derjenige würde Mitteilung machen, der etwas mitzuteilen hätte. Eine kaum vorstellbare himmlische Ruhe!

Außerdem: Würde Spam streng bestraft, dann würde er automatisch obsolet. Schließlich sähe sich niemand mehr versucht, durch einen möglichst großen Verteiler wenigstens ein klein wenig Aufmerksamkeit zu erhaschen. Im Gegenteil: Jedem, der was sagt oder schreibt, wäre alle nur erdenkliche Aufmerksamkeit gewiss. Schließlich stünde ja fest, dass er etwas wirklich wichtiges vorzubringen hätte.

“Im Anfang war das Wort.” (Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Vers 1) Das gilt auch für die Informationsgesellschaft. Und das Wort ist kostbar, wenn sorg- und sparsam damit umgegangen wird. Und auch der Bundeskanzler sollte es ergreifen, und zwar dann, wenn er denn einmal wirklich eine Eingebung hat.

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