Asien haut bei der Telecom World auf die Pauke

Management

Auf der Konferenz der internationalen TK-Gemeinschaft werden Trends gesetzt. Heuer kommt die Innovation aber nicht aus den Traditionskonzernen der alten Welt sondern aus Asien und von Start-ups.

‘Die TK-Krise wird hiermit für beendet erklärt’, so könnte die Überschrift des Eröffnungstages der Messe Telecom World lauten, die derzeit in Genf stattfindet. Vier Jahre habe die Branche gelitten, nun sei der gesamte Bereich wieder auf Wachstumskurs, so der Generalsekretär der International Telecommunications Union (ITU), Yoshio Utsumi.
Während seiner Rede stößt Andy Green, CEO von BT Global Services, in das selbe Horn. Er lehnt in Erinnerung an die vorangegangene ITU-Konferenz 1999, als die Branche mit Pauken und Trompeten das ewige Wachstum zu feiern schien, die Faszination der Killer-Applikationen der ICT Industrie ab. Damals hatten Buzz-Words wie UMTS für Euphorie gesorgt und die Branche konnte sich tägliche Flugzeug-Shuttles für Manager und Partner leisten, zum Beispiel vom Nokia-Hauptquartier nach Genf.

Green spricht vielmehr von einem Killer-Approach, der notwendig sei, um Unternehmen vollständig zu vernetzen. Er beleuchtete das Konzept einer “wahren digitalen Teilung”. Damit meint er die Forderung nach mehr Wertschätzung für ICT-Lösungen, die seiner Ansicht nach in Europa im Argen liege. Green glaubt, dass Europa mit zaudernden und zurückhaltenden Firmen im globalen Wettstreit ins Hintertreffen geraten und durch “hungrigere” Ökonomien überholt werden könnte.

“Die Technologie ist bereit und verfügbar, aber die Unternehmen sind es nicht. Es scheint noch immer eine Dotcom-Lethargie in den Verwaltungsratsetagen zu bestehen. Zu viele Manager meinen, ICT sei für ihre Organisationen und Geschäftstätigkeit unwichtig”, so Green weiter.

“Wir leben in einem digital vernetzten Zeitalter, die Anwendungen sind hier”, ergänzt Green. “Wir sind gefordert, sie unserer Kunden und Zulieferern näher zu bringen. Das Marktpotenzial ist enorm groß, doch nur ein Bruchteil davon wird genutzt. Wir stehen kurz vor einem extrem großen Sprung hin zur Steigerung der Produktivität, die von der gesamten Vernetzung gesteuert wird. Daraus resultieren erfolgreiche Unternehmen, die sich am Markt durch ihre eigene Kernkompetenz behaupten, um effizient, grenzübergreifend und in engen Kooperationen zu agieren – intern sowie extern. Ein Kräfte zehrendes Fokussieren auf Kostensenkungen zahlt sich nicht aus.” Green fordert selbstredend mehr Kauflust seitens der Anwenderunternehmen.

Eine europäische Zurückhaltung ganz anderer Art beschreibt Aussteller Thomas Maul, CEO von Giga Stream, einem Unternehmen im Bereich mobiler Netzwerkinfrastrukturen. Er sagt, dass auffallend viele Aussteller aus dem asiatischen Raum zugegen seien. “In unserer Halle sind ganze zehn deutsche Firmen anwesend, der Rest besteht aus asiatischen Firmen wie der chinesischen Huawei, die einen Stand von der Größe hat, die sonst Nokia oder Ericsson vorbehalten war.”

Maximilian Huber, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung von Sharp, sieht das ebenso, allerdings bleibt er verständlicherweise gelassen: “Die Trends werden in Japan geboren, Europa wird ihnen folgen.” Mit CCD-Kameramodulen in Handys sowie mit neuartigen Displays will der Manager des japanischen Elektronikherstellers den Europäern auf die Sprünge helfen.

Den Nachholbedarf genau umgekehrt sieht Maul bei der Konvergenz: “Beim Thema konvergenter Dienste, die eine Overlay-Struktur für verschiedene Segmente, also WLAN, UMTS oder GPRS bieten können, gibt es nicht viele Anbieter.” Hier sieht er die sogenannten Greenfield-Anbieter wie Hutchison klar im Vorteil. Allerdings, so gibt er zu Bedenken, bestehe bei den etablierten Mobilfunkbetreibern ein Bedarf, die Infrastruktur für nahtlose Übergänge aufzubauen.

Ein differenzierteres Bild zeichnet das Marktforschungsunternehmen Forrester Research und stellt ein ganz anderes Thema international in den Vordergrund: Die Krise sei mitnichten vorbei und der generelle Ausblick bleibe negativ, so dämpft Analyst Lars Godell die Stimmung. Er rät vor allem den Festnetzanbietern zu neuen Geschäftsmodellen, mehr Beweglichkeit in digitale Richtungen und dazu, nicht zu viele Dienste im Paket anzubieten. Das ziehe lediglich die Anwender an, die keine großen Gewinnspannen versprächen. Spezialisierte Dienste, so riet er schon seinerzeit den ersten UMTS-Pionieren im Jahr 2000, seien für Geschäftskunden attraktiv und würden dem Anbieter dauerhaft und sicher Geld in die Taschen spülen.

Darauf hofft auch Microsoft. Firmengründer Bill Gates, der eine der Keynote-Reden am Wochenende in Genf gehalten hatte, kündigte neben einer Partnerschaft mit der Swisscom auch eine weit reichende Kooperation mit Vodafone an. Gemeinsam mit dem britischen Mobilfunkkonzern wollen die Redmonder Webservices auf die mobilen Endgeräte schicken und so Geschäftskunden und Privatkunden mit neuen Diensten versorgen.

Neil Macehiter, Research Director bei dem Marktforschungsunternehmen Ovum, kann jedoch nicht umhin, den beiden stolzen Partnern diesen Zahn gleich wieder zu ziehen. Er sagt: “Heute haben die Verantwortlichen von Vodafone und Microsoft eine Partnerschaft für die Entwicklung mobiler Webservices angekündigt, von der sie hoffen, dass sie in der Industrie auf breite Akzeptanz stoßen wird. Jedoch wird die Nachricht Skepsis auslösen.”

Viele Unternehmen würden diese Ankündigung als egoistische Handlung aus reinem Eigennutz betrachten. Sie sei lediglich darauf ausgelegt, so würden viele denken, das Engagement der Open Mobile Alliance oder der Parley Group zu torpedieren. Beiden Initiativen bescheinigt der Analyst einen breiten Rückhalt in der Industrie. Macehiter: “Microsoft und Vodafone werden ihre Position als Marktführer und Entwickler der Rahmenbedingungen zweifellos ausnutzen und ihre Pfründe sichern, indem sie als erste Unterstützung signalisieren – doch das wird die Zweifel andernorts nur verstärken.”

Abgesehen von solchen Mega-Ankündigungen beweisen allerdings gerade kleinere Firmen aus Asien, Israel und den USA, dass die Innovation auch in der Krise nicht tot zu kriegen ist. Kreative Handover-Lösungen, mobile Applikationen, Switching-Techniken und handfeste Netzwerk-Verwaltungshilfen gibt es derzeit in Genf live zu bewundern. Die Abwesenheit von Größen wie Nokia, Deutsche Telekom und Alcatel scheint der Lebendigkeit der TK-Start-ups keinerlei Abbruch zu tun. Einmütig verzeichnen die kleinen Aussteller reges Treiben und produktive Gespräche mit potenziellen Kunden.