Identitäten

Enterprise

Also das Branchenereignis dieser Woche, das war – beziehungsweise das ist, bis morgen geht’s ja noch – die Telecom World in Genf. Da erfährt man was über die neuesten Entwicklungen der Informationsgesellschaft.

Stuttgart – Genf. Sportliche Menschen legen solche Strecken mit dem Fahrrad zurück. Vernünftige nehmen den Zug. Manager das Flugzeug.
Die Journaille wird auch immer geflogen – wie Manager. Dann fühlt sie sich nämlich wichtig genommen und schreibt unter Aufbietung ihrer ganzen Sprachgewalt wohlwollend. (Ist aber halb so schlimm. Wegen der Beschränktheit letzterer ist’s dann meist doch sehr gewaltfrei.)

Man fliegt Leute, die wichtig genommen werden wollen, auch deshalb sehr gerne, weil die ja oft wie kleine Kinder sind. Auf Reisen muss man sie immer beschäftigen: ein Spiel, ein Bilderbuch, ein hektisches Telefonat beim Zwischenstopp, ein erregtes Schimpfen über die Verspätung oder den Service und immer wieder Ausweiskontrollen. Die Identity Card. Auf der Fahrrad-Distanz Stuttgart – Genf muss man sie drei Mal vorzeigen.

Im Web wird sowas ja auch immer öfter verlangt – dass man seine ID eingibt. Das ist ein Trend. Und während man in der wirklichen Welt sich immer ein bisschen sorgt, ob derartiges nicht dazu verwendet wird, um hinter einem herzuspionieren, kann man sich im Internet völlig sicher sein. – Es wird!

Aber er hat eben auch seine Vorteile, der Cyberspace. Dort ist die Deformation und sogar die zeitweilige Aufgabe der eigenen Identität überhaupt kein Problem. Mal loggt man sich nur mit einer ID und dem zugehörigen Passwort ein. Mal werden einer Site auch die hinterlegten Kreditkarteninformationen übermittelt – daran sind die Betreiber ja immer sehr interessiert – das Geburtsdatum, die Adressen und etliches andere mehr.

Sogar der Prof., Dr. Dr. h.c., der tagsüber – selbstverständlich unter Nennung seines vollständigen Namens und aller Titel – in einem Bulletin Board an einem wissenschaftlichen Disput mit renommierten Kollegen teilzunehmen pflegt, der kann Abends – vielleicht unter dem Pseudonym “Wuestling” – seine mehr animalische Seite pflegen.

Außerhalb des Cyberspace wird da sehr schnell ein Kriminalfall daraus, wie bei Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Oder ein Fall für die Psychiatrie. Schizophrenie nennt die sowas. Im Internet hingegen hat fast jeder mehrere Identitäten, auch diejenigen, die’s libidomäßig gern nicht-digital haben – statt dessen lieber in 3D und vor allem wirklich animiert, also richtig lebendig halt.

Im Web kann man schludern mit seinen Identitäten. Man hat ja genügend davon. Im wirklichen Leben hingegen zöge derartiges verheerende Folgen nach sich.

Es gibt beispielsweise eine ausgeprägte bayerische Identität. Der Bayer ist so etwas wie der Alkyoneus in der griechischen Mythologie. Daheim ist er stark. Herakles musste ihn – den Alkyoneus – deshalb auch erst einmal hochheben und in die Fremde tragen, also von seiner Mutter, der Heimaterde trennen, bevor er ihn – entsprechend der seinerzeit vorherrschenden Konfliktlösungsstrategie – erschlagen konnte.

Im “Münchner im Himmel” ist nachzulesen, wie die Vernachlässigung der Heimatverbundenheit der Bürger des Freistaats und seiner Hauptstadt (“Und als er wieder Münchner Boden unter den Füßen spürte, da fühlte er sich, als sei er im Himmel.”) Seitens höherer Stelle die bayerische Politik maßgeblich prägt (“Und so wartet die Staatsregierung bis heute vergeblich auf die göttlichen Eingebungen.”).

Selbst die Oppositionspartei in Bayern – eine Art weiß-blaues Mikrosystem – hat eine Identität. Und weil sie die in letzter Zeit von einer sozial- zu einer liberaldemokratischen zu migrieren versucht, hat der Stimmbürger vergangenen Monat für die entsprechende Konvergenz der Wahlergebnisse gesorgt.

In der Arbeitswelt ist es schon lange bekannt, dass Menschen mit einer ausgeprägten Identität – Leute, die eigen sind – dass die nicht dazu taugen, lausige Jobs zu erledigen. Um dieses Defizit zu beheben, bekommen die denn auch oft eine Uniform verpasst, die fröhlichen Teams in Fritten- und Hamburger-Bratereien beispielsweise.

Und natürlich erst recht die Armee-Angehörigen. Denen verbietet man sogar meist, die Haare nach ihren individuellen Vorlieben zu tragen. Das Argument, lange Haare seien beim Schießen auf andere Menschen hinderlich, ist da natürlich nur vorgeschoben.

Auch das hat ja Tradition: Die Philister konnten Simson erst dann besiegen, nachdem ihn dessen Weib seiner identitätsstiftenden Lockenpracht beraubt hatte (Buch der Richter, Kapitel 13 ff). Dann blendeten sie ihn und ließen ihn Sklavenarbeit verrichten.

Da ist der Cyberspace doch eine sehr viel heilere Welt. Da kann niemand Menschen quälen, indem er sie an ihrer empfindlichsten Stelle – eben ihrer Identität – verletzt.

Na ja, sowas geht einem halt durch den Kopf, wenn man zur Telecom World reist, um sich über die weniger essenziellen Tendenzen im Internet zu informieren.

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