Brief an die Linux-Gemeinde

Enterprise

Viele in der Gemeinde tragen das Zeichen ihres Glaubens am Revers. Ein kleiner Pinguin.

Viele in der Gemeinde tragen das Zeichen ihres Glaubens am Revers. Ein kleiner Pinguin. Tux, der Künder. Das Merchandising mit dem Pinguin läuft genauso gut wie jenes mit dem Pontifex Maximus im Souvenir-Shop des Vatikans. Im der Linux-World angeschlossenen Devotionalienladen kann man T-Shirts mit Tux-Bildern kaufen und  Kaffeetassen und Maus-Pads. – Das heilige Tier weiht die Dinge des Alltags.
Kleine Figuren gibt es von Tux und den anderen Heiligen. Darunter ein Chamäleon und ein Drache. Aber keiner, den St. Georg erschlagen müsste. Nein, Konqui ist’s der Schutzpatron der KDE-Benutzeroberfläche.

Die Gemeindemitglieder tragen das  Haupt- und Barthaar lang – und schlichte, altertümliche Gewänder. Wie die Pilgrim Fathers bei ihrer Ankunft im gelobten Land. Später dann scheren sie ihr Haar, kleiden sich schicklich und ziehen von Haus zu Haus, um feilzubieten, was sie mitgebracht haben. – Nein, nicht die frohe Botschaft, sondern Hard-, Software und Services der Herren, denen sie alsdann dienen.

Mächtige Institutionen nämlich wachen mittlerweile über das Geschick der Gemeinde: IBM, HP, SGI, SAP, Oracle … Institutionen allesamt, die nicht so recht passen mögen zum Gebot der Nächstenliebe und der Brüderlichkeit, das zu leben, dereinst die Gemeinde gelobte: Wenn du ein Stück Quell-Code hast, so gebe dem eine Kopie davon, der keins hat.

Und eine Vielzahl von Gemeinschaften sind in der (Linux-)Welt inzwischen entstanden. Da sind zum einen die, die der reinen Lehre anhängen: die Debianer. Sie verachten den Mammon und geben alles, was sie geschaffen haben um Gottes Lohn. An einem Symbol, das wie ein Bischofsstab anmutet, sollt ihr sie erkennen!

Mehr dem Diesseits – und der darin üblichen Bezahlung – zugewandt, ist eine andere Gruppe, deren Angehörige während der Messe als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit einen purpurfarbenen Hut tragen. Sie haben sich die Losung von Papst Leo X zu eigen gemacht: “Wenn’s Geld im Beutel klingt, die Seele in den Himmel springt.”

Und immer und überall während der gesamten Messe: Testimonials. Gemeindemitglieder legen Zeugnis ab, wie sie – fast schon der Verderbnis anheim gefallen – von Redmond abgelassen und zum rechten Weg – sprich: Migrationspfad – gefunden haben.

Ein von Sun Gesandter spricht über Linux auf dem Desktop. Die hat man ja besonders gern, die Söhne, die reumütig in den Schoß der Gemeinde heimgekehrt sind. – Lukas 15, Vers 24: “Er war  verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.” Die dereinst allmächtige IBM hat gar einen Linux-Evangelisten geschickt. Er redet von seinen Visionen.

Ebenfalls allgegenwärtig: der Leibhaftige. Das Böse hat ja schließlich einen Namen, sogar zwei, einen Vor- und einen Nachnamen. Ersterer ist Bill. “Bill, du musst jetzt sehr tapfer sein”, höhnt eine Schmähschrift. Dazu eine Fratze. Ja, ja, das Böse ist hässlich. War immer schon so. Die Eiferer von Sun haben sie verfasst, die Schrift.

Nein, man darf nicht zweifeln und abfallen vom rechten Glauben, mag die Versuchung auch noch so groß sein. Wenn das Böse erst einmal in den Rechner gefahren ist, dann ist die Verderbnis gewiss. Hiob, Kapitel 7, Vers 5: “Mein Fleisch ist um und um eine Beute des Gewürms …”

Allein ist man mit seinen Seelenqualen: Vielleicht sollte man doch beichten, was man selbst auf dem PC hat. – Nein! Lieber doch nicht. Konqui heißt ja der Drache. Weiß der Himmel, vielleicht gibt’s schon einen Inqui. Es riecht schließlich auch ein bisschen verbrannt. – Ach Unsinn, das ist nur die missratene Pizza vom Imbiss-Stand.

Anklicken um die Biografie des Autors zu lesen  Anklicken um die Biografie des Autors zu verbergen