Linux-Entwickler Morton nennt Achillesfersen für SCO-Klagen

EnterpriseSoftware

Der Kernel ist fast fertig und getestet – technisch gesehen warten gewaltige Neuerungen auf die Anwender. Aber die Urheberrechtsklagen überschatten fast alles.

Der Kernel 2.6 kommt noch in der zweiten Dezemberhälfte. Das haben die beiden Hüter der Linux-Entwicklung, Linus Torvalds und Andrew Morton, jetzt ausdrücklich zugesagt. Für die kommerziellen Distributoren und Lösungsanbieter ist das eine ungewohnte Sicherheit – wenn auch nicht so greifbar wie die Roadmap großer Softwarehersteller. Obwohl 2.6 der umfangreichste Kernel-Release seit drei Jahren sein wird und Linux damit in die 64-Bit-Ära einsteigt, steht die bevorstehende Freigabe im Schatten der Vorwürfe von SCO. Morton hat jetzt zwei Punkte genannt, an denen sich die Anwälte des Softwareherstellers festbeißen könnten.
“Es gibt da ein seltsames Dateisystem, das nicht besonders wichtig ist und von jemandem geschrieben wurde, der bei SCO und Caldera angestellt war”, sagte Morton in den USA. Allerdings habe dieser Entwickler nur in seiner Freizeit daran gearbeitet und habe außerdem die Zustimmung seines Arbeitgebers für eine Veröffentlichung seiner Arbeit unter der GPL eingeholt. “Von daher waren wir uns hier relativ sicher”, so Morton.

Einen weiteren Angriffspunkt haben die aktivsten Kernel-Entwickler dann aber auch bei den Dateisystemen XFS und JFS ausgemacht. Ursprünglich von SGI mit einer Unix-Lizenz veröffentlicht, wurden die File Systems später auf Linux portiert. “Technisch gesehen gibt es daran nichts auszusetzen,” meint Morton, “aber wenn SCO unbedingt will, dann können sie uns daraus einen Strick drehen.”

Abgesehen davon sei es aber ganz und gar ausgeschlossen, dass die diskutierten 100.000 Zeilen Code von einem fast unbekannten Entwickler in den Prozess für Kernel 2.6 eingebracht wurden. Dieser Vorwurf von SCO laufe ins Leere, weil die wichtigsten Programmierer in einem überschaubaren Kreis über fünf Jahre hinweg zusammengearbeitet hätten. “Wenn da einer mit einer derart umfangreichen Menge neuem Code daherkommt, dann fällt er auf wie ein bunter Hund”, sagt Morton. Außerdem sei relativ leicht zu erkennen, in welcher Umgebung ein einzelnes Kernel-Modul “aufgewachsen” sei und ob es portiert wurde. “Wir haben den gesamten Kernel gemeinsam intensiv durchforstet sowie alle wichtigen Sub-Systeme – wir haben nichts gefunden, an dem sich SCO stoßen könnte.”

Nachdem in diesen Tagen die zehnte Testversion des 2.6-Kernels zur Evaluierung bereitgestellt wurde und noch eine letzte, elfte Testversion erwartet wird, soll der Freigabe vor dem Jahreswechsel nichts mehr entgegenstehen. Mit ersten Produkten ist aber erst Monate später zu rechnen, heißt es in der Branche.

Noch vor wenigen Wochen hatte Red Hat sein Enterprise Linux 3 auf den Markt gebracht – auf Basis von Kernel 2.4.2.1. “Der neue Kernel wird in den Unternehmen frühestens in einem Jahr auftauchen”, meint denn auch Red Hats Entwicklungschef Brian Stevens. Die deutsche Suse Linux könnte dagegen mit der Zusage von Morton und Torvalds seinen Zeitplan einhalten und schon im Frühjahr seinen ‘Enterprise Server 9’ mit dem neuen Kernel herausbringen.

Allerdings hat sich Novell bisher noch nicht zur Einhaltung der Suse-Roadmap erklärt. Voraussichtlich wird die Übernahme mit einem Volumen von 210 Millionen Dollar im Januar abgeschlossen.

“Der größte und wichtigste Entwicklungsschritt ist die Skalierbarkeit”, sagt Andrew Morton, der den Kernel auch nach seiner ersten Freigabe weiter betreuen wird. Auf großen Maschinen komme die bessere Performance auch wirklich zum Tragen – vor allem auf den 64-Bit-Prozessoren von Intel oder AMD. Während bisher sinnvollerweise nur Vier- und Acht-Wege-Systeme als Plattform für Linux genutzt werden können, sollen es mit 2.6 bis zu 64 Prozessoren auf einem Rechner sein, die das Betriebssystem ansprechen und nutzen kann. Der adressierbare Speicherraum wächst von 8 GByte auf 64 GByte.

Und schließlich versprechen die beiden Repräsentanten der weltweiten Entwicklergemeinde eine verbesserte Unterstützung von USB und Firewire auf dem Desktop sowie Fortschritte beim Embedded-Einsatz der Open-Source-Software. Linus Torvalds schraubt aber schon an Kernel 2.7, der allerdings wieder einen Entwicklungs-Zwischenschritt darstellen soll – wie die ‘ungeraden’ Versionen zuvor auch.