Bierdeckel und Supercomputer

Enterprise

Gleich am Montag ist ja im Forschungszentrum Jülich ein neuer Supercomputer in Betrieb genommen worden.

Doch, schöne Woche. Gleich am Montag ist ja im Forschungszentrum Jülich ein neuer Supercomputer in Betrieb genommen worden. Deutschlands größter: 41 von IBMs p690-Server, geclustert. Zusammen bringen die’s auf 8,9 TeraFLOPS (Billionen Gleitkommaberechnungen pro Sekunde.
Und heute wird im Hochleistungsrechenzentrum in Stuttgart einer hochgefahren. Ein NEC-Vektorrechner. Ebenfalls ein schönes Stück. 4 TeraFLOPS schafft der.

Sehr beruhigend das alles. Weil: Wenn man Zahlenfresser mag, dann ist man doch immer etwas in Sorge, ob sie auch genügend zu rechnen bekommen und nicht einmal an Unterauslastung aussterben.

Für die beiden Neuen hat man sich ja noch was einfallen lassen, damit sie nicht an Zahlenmangel elendiglich zugrunde gehen, sondern statt dessen munter Numbers crunchen können: Den in Jülich beschäftigen die Großforscher damit, dass sie ihn ausrechnen lassen, wie im All schwarze Löcher entstehen.

Und der in Stuttgart wird die Strömungsverhältnisse an den Karosserien baden-württembergischer Autos simulieren. Das sind die, hinter deren Steuer meist Männer mit imposanten Bäuchen sitzen. Der ‘Number Cruncher’ am HLRS rechnet, damit die schön aerodynamisch werden. Die Autos.

Ach ja. Das ist schließlich alles gar nicht mehr selbstverständlich, dass es für Supercomputer noch was zu tun gibt, heute, da alles vereinfacht werden soll. Friedrich Merz beispielsweise will ja, dass man künftig nicht mal mehr einen Taschenrechner für seine Steuererklärung benötigt – nur noch einen Bierdeckel.

Und das ist erst der Anfang: Um sich auszurechnen, wer nach einer eventuellen Merzschen Steuerreform die Dummen wären, dafür braucht man dann nicht einmal mehr einen Bierdeckel. Krankenschwestern etwa, die künftig die paar Euro Zuschlag für Nacht- und Sonntagsarbeit auch versteuern sollen – der Einfachheit halber. Die wären die Dummen. Das kann man im Kopf ausrechnen.

Wobei: Es wird ja viel übertrieben. Ernsthaft muss man sich natürlich keine Sorgen machen – um die Krankenschwestern schon, aber nicht um die Computer.

Es ist schließlich nicht bekannt, dass irgendjemand ernsthaft darangehen würde, komplizierte, aber lohnende Steuersparmodelle abzuschaffen. Die Bürokratie wird auch künftig Computing-Ressourcen in beliebiger Höhe auslasten.

Gut, Amtstuben werden geschleift und – wie’s immer heißt – in dynamische Unternehmen umgewandelt. Das Arbeitsamt heißt jetzt Agentur und die Fernmeldebehörde Telekom. Dadurch erst können die Marktkräfte sich so richtig entfalten – und die Bürokratie auch.

Früher etwa musste man für’s Telefonieren Gebühren entrichten. Was ja schon sehr obrigkeitsstaatlich klang.

Heute hingegen wird nach dem Relax-50-, -100-, -200-, -500-Tarif abgerechnet, nach Telly-Smile, -Active, -Profi, Genion, Genion-Duo, Privat-Tarif, Privat-Tarif-Plus oder Combi. Das hört sich zwar schon deutlich lockerer an – geht aber trotzdem meist sehr viel mehr ins Geld. Und einfach ist es nun wirklich nicht.

Jedenfalls, um auszurechnen, was am wenigsten teuer ist, dafür reicht ein Bierdeckel wahrlich nicht aus. Es kann ja auch kein Zufall sein, dass die marktwirtschaftlichen Nachfolger der Fernmeldebehörden Tarifübersichten mit Vorliebe in Tabellenform präsentieren. Da ist’s dann bis zur Matrizen- oder Vektorrechnung nicht mehr weit. Und dafür gibt’s ja eigentlich spezielle Supercomputer wie den neuen in Stuttgart. 

Also von einem Computing-feindlichen Bierdeckel-Paradigma kann keine Rede sein. Es bleibt kompliziert. Gerade in der Telekommunikation.

Auch nach der Auflösung der Fernmeldeämter reden die Leute unverständlich daher. Da geht’s dann um gTLDs und sTLDs (generische und sponsored Top Level Domains). Und die, die darüber diskutieren sind Vertreter von ICANN, DeNIC und RIPE NCC (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, Deutsches Network Information Center, Réseaux IP Européens Network Coordination Center). Dreisprachig! Dem Fernmeldeamtmann weiland genügte noch der Missbrauch seiner Muttersprache, um sich verquast auszudrücken.

Also es bleibt schwierig. Und das Futter für die Number Cruncher wird bestimmt nicht knapp. Das wäre doch überhaupt ein Projekt für’s High-end-Computing – wenn Nuklearexplosionen einmal vollständig simuliert und Proteine im Rechner gefaltet werden können – die Decodierung des Amtsdeutschen, desjenigen des öffentlichen Dienstes und des von dynamisch-marktwirtschaftlichen Unternehmen, des deutschen Amtsdeutsch und des Pidgin-englischen Amtsdeutsch.

Die Software dafür müsste – aus Performance-Gründen – in Assembler geschrieben sein. Der Rechner sollte es auf ein paar Hundert PetaFLOPS bringen. Und die Daten würden vor der Eingabe in Lochkarten gestanzt. Oder noch besser: auf Bierdeckel geschrieben.

Nein, man muss sich wirklich keine Sorgen um die Supercomputer machen.

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