Eclipse-Projekt löst sich von IBM

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Das Open-Source-Projekt für Entwicklungs-Tools, Eclipse, emanzipiert sich von IBM. Sun prüft nun doch noch einmal, ob die Welt tatsächlich zwei Java-Projekte braucht.

Eclipse, das IBM-gestützte Konsortium, das Entwicklerwerkzeuge für Open-Source-Umgebungen entwickeln und testen soll, wird sich bald selbständig machen. Der Druck anderer Java-Entwickler, allen voran Sun Microsystems, und der Open-Source-Entwicklergemeinde soll dafür mit verantwortlich sein. Damit entgeht IBM allerdings ein lukrativer Multiplikator für die eigenen Java-Werkzeuge.
Wie die US-Presse berichtet, sind die Segel bereits gesetzt. Auf der Messe ‘EclipseCon’, die in der nächsten Woche stattfinden wird, sollen sich die Beteiligten zu den neuen Plänen äußern. Die neue Unabhängigkeit soll die Schlagkraft der Entwickler im Projekt Eclipse, die an der gleichnamigen Toolset-Variante arbeiten, erhöhen. Denn auch IBM-Rivalen auf dem Java-Parkett, wie Sun Microsystems, könnten dann an Bord. Dieser Schritt ist sogar sehr wahrscheinlich.

Skip McGaughney, Chairman bei Eclipse, stellte sogar schon die neue Struktur vor: es soll eine gleichwertige Mitgliedschaft für kommerzielle Mitglieder wie Firmen und eine freie für individuelle Entwickler und Open-Source-Projekte geben. Nur wenige unbedingt mit der Materie vertraute Personen und acht weitere Entwickler sollen den Vorstand bilden.

Sun hatte einstweilen wiederholt Einladungen, an den Eclipse-Fortschritten teilzunehmen, abgewiesen. Mit Verweis auf die IBM-Vormachtstellung in dem Projekt war ein veritabler Java-Krieg der beiden Giganten entbrannt. Doch jetzt hat Sun eigenen Angaben zufolge die Gedanken in Richtung einer Beteiligung an dem Projekt wieder aufgenommen. Sun wartet aber zunächst ab, welche Firmen sich an der neuen Eclipse-Gemeinschaft beteiligen werden und wird  dann entscheiden, ob sich die Sun-eigene Entwicklung rund um NetBeans mit Eclipse in Zukunft besser vertragen wird oder nicht. Bislang sind SAP, SAS Institute, Sybase und seit kurzem Novell begeisterte Eclipse-Fans.

David Orne, Leiter eines Eclipse-Projekts und als Chief Architect bei der Firma Advanced Systems Concept tätig, lässt sich einstweilen so zitieren: “IBM wird im Gegensatz zu der Macht, die sie in der alten Struktur hatten, einiges an Einfluss verlieren. Eclipse war schon von Anfang an dafür geschaffen, größer als IBM zu werden, und damit das erreicht werden kann, muss IBM die Zügel aus der Hand geben.”

Die mittlerweile etwa 50 Mitglieder zählende Eclpise-Projektgemeinschaft hat sich einen Namen gemacht bei der Schaffung einer einheitlichen und verbreiteten Plattform für Java Entwickler-Tools, die auch ‘Eclipse’ bezeichnet wird. Sie erlaubt es den Designern, verschiedene Arten von Java-Tools in einem Arbeitsgang zu verwenden, sie also zu mischen. Außerdem können sie damit in einer einzigen Programmierebene Java-Entwicklungen unterschiedlicher Hersteller verwenden. Gerade das Zusammenwirken verschiedener Java-Tools in einer Umgebung war vor Eclipse unmöglich, darin ist sich die Fachwelt einig. Doch die Weiterentwicklung war bislang von IBM dominiert. Big Blue wurde der Vorwurf gemacht, dass dadurch die weitere Verbreitung behindert würde.

Diese Vormachtstellung ist aber einfach zu erklären: Sie ergibt sich aus der 40 Millionen Dollar schweren Anschubfinanzierung durch Big Blue im Jahr 2001 und aus der personellen Besetzung der Führung. Vor allem ehemalige Rational-Entwickler sind in der Projektleitung tätig. Seit IBM Rational Software übernommen und zur hauseigenen Entwicklungs-Tools-Abteilung gemacht hat, vertreten sie allen Unabhängigkeitsgarantien zum Trotz seit einigen Monaten nur noch die Interessen von IBM, hieß es in Diskussionsrunden auf der Entwicklermesse OOP 2004 in München.

“Im Dezember 2002 ging IBM mit der Nachricht vom Kauf an die Öffentlichkeit, und schon wenige Monate später hatten die Rational-Mitarbeiter neue Visitenkarten und E-Mail-Adressen – das war ein deutliches Zeichen und das hat auch Auswirkungen auf die heutige und die künftige  Eclipse-Politik”, sagte die unabhängige Beraterin Jutta Eckstein im Rahmen einer Podiumsdiskussion letzte Woche. Jetzt sieht es aber so aus, als ob sich die Eclipse-Frage ganz anders löst und mitnichten wie die Rational-Entwickler in der großen IBM-Familie aufgehen will.

Grady Booch sagt aktuell, er könne sich nicht vorstellen, die Eclipse-Welten nach vorne zu bringen und gleichzeitig die verschiedenen Entwicklerinseln am Leben zu erhalten. Als anerkannter Software-Spezialist und Gründer von Rational steht ihm nächste Woche ein längerer Blick auf die Eclipse-Entwicklung zu. Er wird die mit Spannung erwartete Keynote halten. Erste Befürchtungen, die Eclipse-Umgebung könnte aber mit der neuen Struktur an Einfachheit verlieren, soll er zerstreuen.