RFID-Rennen der IT-Giganten spaltet die Welt in Europa und USA

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Binnen kurzem sollen RFID-Tags der Industrie neuen Schub geben. Diesseits und jenseits des Atlantik formieren sich die Blöcke, um den ersten Rahm abzuschöpfen.

IBM, Sun Microsystems, SAP, Intel, Microsoft und viele kleine Technikpartner wie Aldata, Seeburger oder die bayerische Firmengruppe Rathgeber – sie alle rücken mit Technik für die intelligenten Labels ins Rampenlicht, die einst den Barcode ablösen und die Handelswelt revolutionieren sollen. Dabei fällt der Domain-Vergabestelle Verisign wieder die Rolle des Registrars von zugewiesenen Seriennummern zu, wie gehabt.
Das computerbasierte Logistiksystem ‘Radio Frequency Identification’ (RFID), basierend auf der Technik ‘Electronic Product Code’ (EPC), hat ein Wettrennen zwischen den USA mit der Handelskette Walmart und Sun Microsystems als Technikpartner auf der einen, und Europa mit der deutschen Metro-Gruppe und dem traditionellen Partner IBM, sowie SAP an der Spitze auf der anderen Seite ausgelöst. Dabei hat Metro eigenen Angaben zufolge die Nase vorn, da hier der Zeitplan enger gesteckt ist. Metro, das Mutterunternehmen von Praktiker Baumarkt, Real, Media Markt und Saturn, will noch in diesem Jahr, Walmart erst nächstes Jahr, seine Zulieferer mit der neuen Technik ausstatten – dieses dann allerdings im Gegensatz zu Metro flächendeckend und verbindlich für die großen Supplier wie Kraft und Gilette.

Mithilfe von IBM, Intel und der SAP will Metro einstweilen seine hundert Top-Zulieferer ab November ausgestattet sehen. Als RFID-Systemintegrator übernimmt IBM dabei die strategische Planung, die Beratung und Implementierung des gesamten Projektes. Die Java-basierte Middleware kommt von der Walldorfer SAP, die für sich verbucht, die erste Standardsoftware für solche Anwendungen geschrieben zu haben und ferner die gesamte Software für den mit 1700 Produkten bestückten Future Store der Metro in Rheinberg stellt. Diese Software erlaubt die Erfassung und Integration elektronisch lesbarer Produktetiketten, die dann ein weiterer Baustein für die hoch anpassungsfähigen, adaptiven Liefernetzwerke der Zukunft gelten sollen. Die gespeicherten Daten, so stellt sich SAP vor, sollen dann in die  Supply Chain Management (SCM)- und Enterprise Resource Planning (ERP)-Lösungen eingebunden werden.

Von IBM kommen dabei die Middleware, die Integrationshilfe und die Erfahrung in eigenen Zukunftsprojekten wie dem Zukunftshaus in der Nähe des Forschungslabors Böblingen. Die Metro AG erwartet Kosteneinsparungen, Optimierung von Bestellvorgängen und ein verbessertes Verlustmanagement. IBM erwartet, dass aufgrund der ‘Innovation in der Praxis’ bei Metro und anderen sich der Rest der Handelsbranche wird bewegen müssen – zum Nutzen der IT-Integratoren wie IBM. Der für Europa zuständige IBM-Fachabteilungsleiter Alain Benichou sagt es ganz offen: “Die Führungsrolle der Metro Gruppe wird die Akzeptanz für diese neue Technik bei Handelsunternehmen in der ganzen Welt beschleunigen.” Folgerichtig ist nun auch bekannt geworden, dass die britische Tesco und vor allem die französische Carrefour, das größte europäische und weltweit zweitgrößte Handelsunternehmen, gemeinsam mit Intel an der schnellen Einführung von EPC arbeiten.

Für SAP liegt der Fokus woanders. “Wir erwarten, das unsere ersten Pilot-Kunden im Laufe des Jahres den Live-Betrieb aufnehmen werden. Schon aufgrund des Walmart-Mandats wird RFID die Retail-Branche verändern. Hier ist unser Fokus besonders auf die Supply Chain gerichtet, also Fabriken, Distributionszentren und Wareneingang/Backdoor des Händlers –  weniger auf den Shopfloor. Was das Tagging betrifft, liegt der Schwerpunkt auf Paletten und Kästen, weniger auf Item-Level Tagging,” sagt Unternehmenssprecher Roland Edwards.

In dem Testlabor von IBM ist der Walldorfer Konzern aber trotzdem mit von der Partie.  Hier können Metro-Zulieferer ihre Kompatibilität mit dem neuen System überprüfen. Ähnliche Testumgebungen für unterschiedliche Anforderungen bietet schon seit längerem beispielweise der Softwarehersteller Seeburger für verschiedensten Umgebungen, vor allem im SAP-Umfeld. Hier können die Kunden ausprobieren, ob neue Implementierungen verschiedenster Art überhaupt Sinn machen und wie sie die anfallende Datenfülle weiter verarbeiten können.

Und genau die wird beispielsweise bei RFID beträchtlich werden: Technisch möglich ist bisherigen Berechnungen zufolge die Vergabe von 68 Milliarden Seriennummern für jedes von 16 Millionen Produktgruppen eines von über 268 Millionen Herstellern. Die Verwaltung, Löschverfahren und die Langzeitarchivierung sind nur einige der Fragen, die sich ein IT-Profi angesichts dieser Zahlen stellen muss.

Doch damit beschäftigen sich die frohgemuten Konzerne nicht, die jetzt den Markt vorbereiten. Sie wollen nicht nur die Lagerverwaltung, sondern auch, wie in Rheinberg seit neun Monaten gezeigt, die Einkaufswelt beim Endverbraucher verändern und einfach machen. Dafür ist eine Verbindung zu den Banken vorgesehen, so dass die Produkte automatisch abgebucht werden. Mangelnde Datenschutzrichtlinien und Strahlungsängste seitens der Endkunden befürchten die Verbraucherschutzverbände.

Dazu jedoch SAP-Mann Edwards: “Das Thema Datenschutz ist uns und unseren Partnern sehr wichtig. Bei den ersten Geschäftsszenarien mit unserer Lösung wird lediglich die EPC Identifikationsnummer auf den Tag geschrieben. Diese Nummer kann zwar von jedem Lesegerät mit der richtigen Frequenz gelesen werden, man kann aber nur etwas damit anfangen, wenn weitere Daten von Geschäftspartnern zur Verfügung gestellt werden beziehungsweise ausgetauscht werden. Der Datenschutz wird dann durch die SAP-Technologie ganz normal durch Datenbank- und Netzwerksicherheit gewährleistet.” Damit liegt der schwarze Peter wieder bei den Anwendern.

Um dem US-Konzern Walmart aber einstweilen die Möglichkeit zu erhalten, Spitzenreiter bei RFID zu bleiben, hat Sun für die Zulieferer des Unternehmens auch ein solches Testcenter eingerichtet. Sun stellt hier mit dem Partnerunternehmen Aldata eine Lösung, die die nahtlose Anbindung an das Netzwerk garantieren soll –  ebenfalls Java-basiert und ebenfalls für die Zulieferer bestimmt, die sich nun orientiert an der Roadmap des Retailer selbst und auf eigene Kosten auf den neuesten technischen Stand bringen müssen. Sun steuert seine Middleware fürs EPC-Management bei, Aladata seine Spezialsoftware für Warenwirtschaft und Logistik, genannt ‘Gold’.

Sun hat bereits weitere RFID-Aktivitäten angekündigt, auch bei IBM und SAP und Intel scheint der Appetit riesig. Den Konkurrenzkampf im RFID-Bereich stellt sich die SAP laut Edwards aber wiederum ganz einfach vor: “Heutzutage ist es oft sehr schwer, zwischen Partner und Wettbewerb zu unterscheiden. Wir stehen natürlich mit vielen Unternehmen im Wettbewerb. Gleichzeitig sind aber viele dieser Unternehmen unsere Partner, auch im RFID-Bereich.” Die Entscheidungsfrage liegt wieder – bei den Anwenderunternehmen.