Konsolidierung: Bundes-IT ist im Umbruch

Management

Eine Projektgruppe des Bundesinnenministeriums hat sich vorgenommen, die IT-Systeme und Lösungen des Bundes zu vereinheitlichen – mit viel Geld und Arbeit.

Der Föderalismus bremst eine effektive IT-Konsolidierung des Bundes – mit diesem traurigen Fazit beschließt Martin Schallbruch, der IT-Direktor des Innenministeriums und faktischer IT-Leiter des Bundes, seinen Vortrag auf der Softwaremesse OOP in München. Die etwa hundert verschiedenen Behörden hätten schon eine sehr unterschiedliche IT-Infrastruktur, doch die regionalen IT-Dschungel seien schier nicht zu roden. Dennoch kämen die großen IT-Projekte für Back- und Frontend des E-Government gut voran, auch wenn von Vorschusslorbeeren angesichts der Toll-Collect-Situation abzusehen sei.
“Derzeit sind immerhin 259 Dienstleistungen des Bundes online”, vermerkt Schallbruch zum Thema E-Government. Die Steuererklärung interaktiv zu machen sei zwar ein komplexes Unterfangen gewesen, doch jetzt seien die Rentenantragsformulare dran und sie hätten sich als weitaus komplizierter herausgestellt. “Als eines der nächsten Themen nehmen wir uns vor, die Kriegsdienstverweigerung online anzuwickeln”, so Schallbruch.

Bei all diesen Einzelprojekten gebe die im Innenministerium angesiedelte Projektgruppe ‘Bund Online 2005’, die aus mehreren hundert IT-Leuten besteht, eine einbaufertige Lösung vor. Die Umsetzung erfolge jedoch dezentral, in den Ressorts. Schallbruch: “Wir stellen den angeschlossenen Stellen sowohl die Basiskomponenten, als auch bei Bedarf Coaches für die Einführung zur Verfügung; ein zentrales Wissensmanagement, auf das die berechtigten Personen Zugriff haben, dient als erste Anlaufstelle und Informationsdatenbank.”

Immerhin müssten in allen staatlichen und behördlichen Stellen insgesamt bundesweit 320.000 Anwender mit den neuen Systemen zurecht kommen, ergänzt er. Kosten soll die Einführung aller bürgerzentrierten Dienstleistungen von 2003 bis Ende 2005 laut Plan etwa 1,23 Milliarden Euro, mit einem Spielraum von 0,15 Milliarden nach oben wie nach unten. Der größte Anteil hierbei gehe auf das Konto der dezentralen Erstellung sämtlicher Anwendungen, Frontends, Strukturen und anderem. Schallbruch: “Die föderale Staatsstruktur der Bundesrepublik verschlingt etwa 51 Prozent, die Prozessanpassung 22,1 Prozent; die rein technischen Probleme liegen hingegen im einstelligen Prozentbereich.” Doch Bund Online 2005 stelle hier einen gewaltigen Schritt in Richtung eines einheitlichen Systems dar, auch wenn die zentrale Verwaltung beispielsweise von Stadtstaaten wie Singapur und Hongkong natürlich für die BRD unrealistisch und auch nicht angestrebt sei.

Zur Verdeutlichung führt er an: “Wir haben 370 Landkreise; über diese Landkreise hinweg gibt es über 100 verschiedene Softwaresysteme allein für den einigermaßen einfachen Vorgang der Kraftfahrzeug-Zulassung.” Die dort vorhandenen Vielfachentwicklungen, die bei einer bundesweiten IT-Bestandsaufnahme entdeckt worden waren, seien untereinander selbstredend nicht kompatibel. Schallbruch klagt außerdem über Medienbrüche, die durch eine sehr lückenhafte Vernetzung nur schlimmer gemacht würden. Die Vorgänge sollen jedoch homogen und lückenlos werden mit nahtlosem, vertikalem und horizontalem Abgleich, also zwischen den einzelnen Regierungsebenen und vom Bund aus hinunter zu den Gemeinden.

Nun sei die Projektgruppe daran gegangen, jeweils einige Landkreise zusammen an einer einheitlichen Lösung arbeiten zu lassen, die bei Tauglichkeit von allen Landkreisen zu übernehmen sei. “Das untergräbt zwar auf den ersten Blick die föderale Unabhängigkeit, ist aber für uns als IT-Mannschaft der einzig gangbare Weg”, so Schallbruch. Nach diesem Modell gebe es jetzt 20 gemeinsame Projekte von Bund, Ländern und Gemeinden. Hierbei würden vor allem die besagten Dienstleistungen zusammengefasst. Unter dem Logo “Deutschland online” gehe es darum, beispielsweise die BAföG-Bewilligung digital abzuwickeln.

Für diese Services würden Portale gebaut, wobei darauf geachtet werden müsse, dass nicht das Design, sondern die dahinter liegende Struktur und Funktionalität vereinheitlicht werde. Augenzwinkernd meint der IT-Direktor: “Wir wollen gar nicht verhindern, dass die betreffende Portal-Site in Bayern eben in blau-weiß, oder weiß-blau, in diesen beiden Farben jedenfalls, gestaltet ist.” Ferner würden auch die Standards, die Daten- und Prozessmodelle vereinheitlicht. Das gelte auch für die Software. Der Bund wolle zwar mehr Herstellerunabhängigkeit, das heiße jedoch nicht, dass offene Systeme und proprietäre Produkte alternativ gesetzt würden. “Wir müssen beides parallel beachten”, so Schallbruch.

Eins jedoch sollen die Software-Systeme sein: Kompatibel zum selbst gebauten ‘Standards Architect für E-Government-Architekturen’ (Saga). Nach einigen festen Kriterien wie Integrierbarkeit, Stabilität und ähnlichem gelte die Saga-Kompatibilität als verbindlich für alle Anwendungen, die in den Regionen zu bauen erlaubt sind. Der Bund bittet aber auch hier den Bürger um Mithilfe. Schallbruch: “Wir haben in den Diskussionsforen zur Softwareentwicklung ein sehr hohes Niveau, können aber von mehr Profis und ihren Ideen nur profitieren.” Integrationsprojekte, Infrastruktur-Modernisierung, Security und Migrationen – ähnlich wie im Unternehmen, so Schallbruch, seien auch die IT-Fragen des Bundes gelagert.

Ziel all dieser Projekte sei es, dass ein Team in der Praxis eine funktionsfähige Version für den Einsatz im Dienst des Bürgers baue. Diese soll dann im bundesweiten Einsatz “ein Stück dazu beitragen, die Kleinstaaterei und Zersplitterung in Deutschland zu überwinden”.