Offshore-Outsourcing kommt auch für den Mittelstand in Frage

Management

Mit einer langfristigen Strategie und richtiger Projektbetreuung ist vieles möglich, sagen erste Offshore-Kunden aus dem Mittelstand.

Der Einkauf von IT-Dienstleistungen in Ländern mit niedrigeren Lohnkosten hat sich inzwischen auch in Deutschland etabliert. Während Konzerne regen Gebrauch davon machen, ist bei kleinen und mittleren Unternehmen aber noch eine starke Zurückhaltung zu beobachten. Dies kann sich als Fehler erweisen.
Elsag Solutions zählt rund 60 Mitarbeiter in Deutschland. Das auf elektronische Archivierung und Wissensmanagement spezialisierte Unternehmen mit Sitz in Villingen-Schwenningen lebt vom Projektgeschäft. “Unser Mitarbeiterbedarf ist daher nur schwer im Voraus abschätzbar”, sagt Marketingleiter Stefan Menzel. Deshalb habe man 1996 den Entschluss gefasst, beim Personal flexibler zu werden. Konkret bedeutete dies, dass man mit dem Offshore-Outsourcing-Dienstleister Mastek zusammenarbeitete. Menzel war bei Elsag damals als Projekt- und Key-Account-Manager am Aufbau dieser Zusammenarbeit maßgeblich beteiligt.

Auf die Betreuung kommt es an

“Wir haben anfangs gute und schlechte Erfahrungen gemacht”, sagt Menzel. Beispielsweise habe man zunächst versucht, ohne Koordinator in Deutschland auszukommen: Masteks indische Entwickler bekamen wegen Elsags spezieller Entwicklungsumgebung zunächst eine dreimonatige Einarbeitungszeit in Villingen-Schwenningen, dann fuhren sie zurück nach Indien und irgendwann kamen die Ergebnisse. “Das war für uns mit einem sehr hohen Koordinationsaufwand verbunden”, stellt Menzel rückblickend fest. Deutlich reibungsloser lief es erst, als man in Deutschland einen Projektmanager von Mastek einsetzte. “Dieser war beispielsweise für Tests und Übergabe zuständig”, so Menzel.

Mastek-Geschäftsführer Ulrich Dietz sagt, dass auch bei kleinen Projekten eine Betreuung des Kunden direkt von Deutschland aus gewährleistet sein müsse – zumindest am Anfang und am Ende des Projekts. Vor allem bei Mittelständlern sei dies wichtig, da diese meist nicht über die notwendigen Personalressourcen verfügten und oft nur wenig Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Menschen aus fremden Kulturkreisen hätten.

“Inder orientieren sich viel stärker an Hierachien”, nennt Alexander Nast, Global Business Manager beim Offshore-Anbieter Mascot, ein Beispiel für Schwierigkeiten, die durch den unterschiedlichen kulturellen Hintergrund entstehen können. Die Arbeitsorganisation in den indischen Programmierfabriken sehe Zeitpläne im 15-Minuten-Takt vor. “Dafür brauchen die Leute genaue Spezifikationen, was sie tun sollen”, so Nast weiter, “aber genau damit tun sich Mittelständler wiederum schwer, weil deren Prozesse nicht so formalisiert sind wie die großer Unternehmen.” Mascots Empfehlung für einen Einstieg ins Offshore-Outsourcing lautet daher: Projekte auswählen, die ein geringes Risiko in sich bergen, große Einspareffekte bringen und leicht abzuwickeln sind.

Noch werden Mittelständler wenig angebaggert

Wie viele deutsche Mittelständler bereits Erfahrungen mit Offshore-Anbietern gemacht haben, ist unbekannt. Ihre Zahl dürfte jedoch, verglichen mit Auftraggebern aus dem Umfeld von großen Unternehmen und Konzernen, überschaubar sein. Verständlich sei das, befindet Ian Marriot, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Gartner. Schließlich sei bei großen Unternehmen der Aufwand für die Entwicklung von Applikationen und deren Pflege viel höher – das habe wegen der begrenzten internen Ressourcen zwangsläufig zum Schritt ins Ausland geführt.

Bei kleinen und mittleren Firmen sei dieser Zwang dagegen nicht so stark gewesen. “Inzwischen sind Offshore-Servies aber so ausgereift, dass sie auch für den Mittelstand interessant sind”, befindet Marriot. Den entscheidenden Nutzen für kleine und mittlere Unternehmen sieht Mastek-Geschäftsführer Dietz dabei “im Zugang zu Technologie- und Prozesswissen, über das Firmen dieser Größe normalerweise nicht verfügen”.

Kein Offshore-Anbieter geht den Mittelstand derzeit systematisch an, dazu gibt es wohl bei den Konzernen noch zu viel zu holen, zumal der Aufwand bei der Akquisition im Mittelstand höher ist. “Aber wenn sich kleine und mittlere Unternehmen für Offshore-Outsourcing entschieden haben, dann gehen sie diesen Weg mit großem Nachdruck”, hat Mastek-Geschäftsführer Dietz beobachtet.

Ein langfristiges Commitment

Da ein Einzelprojekt zwangsläufig einen recht hohen Lernanteil der beteiligten Partner nach sich zieht, versteht Dietz Offshore-Outsourcing als grundsätzliche Entscheidung, nicht als Eintagsfliege. Diese Einschätzung teilt auch Mascot-Manager Nast: “Das Kernteam der Offshore-Entwickler, das für einen Kunden arbeitet, sollte erhalten bleiben.” Dies sei beispielsweise durch kleinere Folgeprojekte möglich, wenn ein großes Projekt abgeschlossen sei. So bleibe das Know-how für den Kunden greifbar. Gelänge das nicht, müsse man ansonsten bei einem zweiten Projekt wieder bei Null anfangen.

Gartner weist darauf hin, dass Offshore-Outsourcing auch nicht nur unter dem Gesichtpunkt Kosten betrachtet werden dürfe. Ein entscheidender Vorteil sei, dass man bei diesem Geschäftsmodell auch als kleines Unternehmen Zugriff auf Fachleute habe, die auf dem Markt gerade nicht zu bekommen seien oder die Firma schon nach kurzer Zeit – in der der Arbeitgeber in Einarbeitung und Training investiert habe – wieder verließen.

Einige der großen indischen Offshore-Anbieter, bei denen das Geschäft erst ab Projektsummen von 20 Millionen Euro losgeht, haben in der Vergangenheit bei mittelständischen Kunden Schiffbruch erlitten. Vor diesem Hintergrund rät auch Gartner Mittelständlern dazu, einen Dienstleister zu finden, dessen Größe und Organisation auf die Bedürfnisse eines kleineren Kunden ausgelegt seien. Mastek-Geschäftsführer Dietz stimmt dem zu, meint aber dass trotzdem der Lieferant eine Mindestgröße haben muss. “Sonst kann er einen kurzfristigen hohen Bedarf des Kunden an Programmierleistung nicht befriedigen.”