Moore’s Law auf der Piste

Enterprise

Also manchmal, da fragt man sich ja wirklich, ob man jetzt nur eine berufsbedingt verquere Sicht der Dinge hat.

Also manchmal, da fragt man sich ja wirklich, ob man jetzt nur eine berufsbedingt verquere Sicht der Dinge hat. Oder ob’s tatsächlich überall auf der Welt so zugeht wie in der IT.
Beim Schifahren beispielsweise. Eigentlich doch Computerei pur! Moore’s Law inklusive: Spätestens nach zwei Jahren ist das Equipment völlig veraltet. Und permanent wird neu definiert, was State of the Art ist.

Seit kurzem etwa gibt es an High-Tech-Handschuhen Docking-Stationen für die Schistöcke. Wer noch wireless fährt, dem legen die Early-Adopers beim Experten-Seminar in der Après-Schi-Bar so eindringlich nahe, upzugraden, dass man nachträglich richtig erstaunt ist, wie man’s überhaupt den Berg herunter hat schaffen können.

Generell gilt ja: Die Time-to-Market für Nonsense wird sowohl in der IT- als auch in der Sportartikelbranche immer kürzer.

Wer noch Schistiefel zum Schnüren gekannt hat und Bindungen, bestehend aus Lederriemen und Drahtfeder, der kommt da einfach nicht mehr mit. Der hat kein Legacy-Problem. Der ist eins.

Bei Chips wie bei Wintersportgeräten wird die Miniaturisierung immer weiter getrieben. Carving, Bigfoot und Fun heißen die LSI- und VLSI-Varianten der Schier. Das Ziel hier wie da: mehr Speed.

Und das wiederum ist der Grund für etliche Probleme. Bei Halbleiter-Komponenten spricht man da von Übertaktung. Technisch betrachtet: Das Zwischenergebnis einer Rechenoperation soll abgegriffen werden, bevor die implementierte Logik es liefern kann.

Geschwindigkeit und Leistungsvermögen sind nicht angepasst. Auf der Piste kommt das noch häufiger vor als in der Prozessortechnologie.

Vor allem beim Snowboarden. Schi-Fahren ist ja eher eine smarte Technik – digital: aus dem virtuosen Wechselspiel der alpinen Binaries Berg- und Talschi entstehen kühne Schwünge, die sich – adaptiv! – an die Gegebenheiten der Abfahrt anpassen.

Snowboarding hingegen ist brute force: Behelmte Gestalten bewegen sich grobschlächtig – meist mit dem Brett quer zum Hang – selbigen hinunter, walzen dabei alles platt und benutzen ihr Gesäß, um aus prinzipiell überhöhter Geschwindigkeit abzubremsen. Man fragt sich – nebenbei bemerkt – warum Helme nur bei Demonstrationen als passive Bewaffnung gelten und nicht auch auf der Piste.

Verschiedene Benchmarks kann man fahren: rot, blau und schwarz. Die imposantesten Resultate werden aber meist rein virtuell erzielt – in einer Umgebung, die mit dem Real-Life nichts zu tun hat. Beim Wintersport ist das die Après-Schi-Bar.

Bei der dort gelieferten High-Performace reicht dann selbstverständlich auch die Bergluft-Kühlung nicht aus. Um eine Überhitzung zu vermeiden, braucht’s da schon Flüssigkeit.

In der Après-Schi-Bar kann man allerdings auch ein wirklich effizientes Supply-Chain-Management beobachten: Der Jagertee kommt aus dem Zapfhahn und Spirituosen werden in Gläsern portioniert auf Tabletts bereitgehalten, mehrere Layer übereinander, um den Anforderungen des Marktes, i.e. den Betrink-Bedürfnisse der VR-Benchmarker, in Echtzeit genügen zu können.

So ähnlich hat man sich wohl IBMs ominöses BoD – Business-on-Demand – vorzustellen. Mit dem Unterschied, dass das hocheffektive Abfüllen an der Talstation ein genauso real existierendes wie profitables Geschäft ist.

A propos Marketing-Begriffe: Die sind ja auch im Wintersport mittlerweile auf Englisch. Für “Volksmusik-Power aus dem Zillertal” etwa wirbt ein Plakat in der Bar. Ist aber auch nicht abstruser als das, was man von der IT her kennt.

Deutsche Wörter waren überhaupt nur in den jeweiligen Anfangsjahren geläufig. Röhren (heute gebräuchlich: CRT – Cathode Ray Tube), Haupt- (Memory) und Massenspeicher (Storage) etwa in der IT.

Wedeln nannte man beim Schifahren früher die vorherrschende Technik, was nicht nur ein sehr anschaulicher Begriff ist, sondern auch viel über das Wesen dieser Betätigung aussagt: In der Tierwelt ist Wedeln der Ausdruck schierer Freude.

Das war das Schifahren ja auch mal. Damals, als man noch mit einem “Brettl” genannten Gaudi-Gerät den Berg hinunter – und nicht mit High-Tech-Equipment Benchmarks gefahren ist.

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