Programmierer: Überleben in Zeiten von Outsourcing

Management

Bis zu 130.000 IT-Jobs sind in Deutschland gefährdet. Für Programmierer und Techniker heißt es jetzt, das eigene Profil zu schärfen.

“Die Leute müssen erkennen, dass sie ein wirkliches Problem haben”, sagt Thomas Heyn, Partner der auf den IT-Bereich spezialisierten Personalberatung Jack Russell Consulting. Das Problem, von dem Heyn spricht, ist das Offshore-Outsourcing und der damit verbundenen Vergabe von Programmierarbeiten ins billigere Ausland. Doch es bringe nichts, Offshoring zu verteufeln, so Heyn weiter. Die Kostenvorteile seien so dramatisch, dass die Unternehmen in den Industrieländern auf jeden Fall diesen Weg gingen. “Jeder Programmierer muss dieses Problem für sich selbst lösen, das nimmt ihm niemand ab – keine Gewerkschaft, kein Arbeitgeber und kein Politiker.”
Auch Gartner-Analystin Diane Morello spricht von einem “Weckruf für jeden IT-Profi”: Offshore-Outsourcing werde den Wettbewerb und die Gehaltsstrukturen verändern. “Derzeit ist das Offshore-Outsourcing auf die Entwicklung und Weiterentwicklung von Anwendungen beschränkt”, so Morello. “Dies betrifft rund ein Viertel der IT-Belegschaft und macht ein Viertel des gesamten IT-Budgets aus.”

Gartner schätzt, dass bis Ende 2004 jeder zehnte IT-Job bei IT-Anbietern und jeder zwanzigste DV-Job in Anwenderunternehmen in Billiglohnländer verlagert wird. Die Managementberatung A.T. Kearney nennt eine Zahl von 130.000 IT-Arbeitsplätzen in Deutschland, die durch Offshoring gefährdet sind. Einer gemeinsamen Studie der Deutschen Bank, der SAP und der Fachhochschule Kaiserslautern zufolge bedroht Offshoring bis zum Jahr 2008 rund 50.000 Arbeitsplätze in der deutschen IT-Branche. Dies entspreche 3,5 Prozent der derzeit 1,4 Millionen IT-Jobs. Deutschland komme damit noch relativ glimpflich davon, so die Autoren der Studie. In den USA ständen bis zum Jahr 2015 eine halbe Million IT-Arbeitsplätze auf der Kippe.

Angesichts dieser Aussichten rät Personalberater Heyn jedem Arbeitnehmer, sich im Klaren darüber zu werden, wo er in der Pyramide stehe. “Wer einfache Programmierarbeiten verrichtet und daher ganz unten in der Pyramide angesiedelt ist, ist am stärksten gefährdet”, so Heyn. Verschiedene Indizien könnten darauf hindeuten, dass man für seinen Arbeitgeber womöglich entbehrlich werde: Die letzte Fortbildung liege bereits fünf, sechs Jahre zurück, oder das System, für das man arbeite, sei veraltet.
“Man muss versuchen, in der Pyramide weiter nach oben zu kommen”, empfiehlt Heyn. Jeder Arbeitsnehmer solle sich also fragen, was in seinem Bereich die höherwertigen Themen seien. Beispiele hierfür sind Positionen, die näher am Kunden angesiedelt sind, oder Stellen, für die Fachwissen über deutsche Spezifika erforderlich sind: Gehaltsbuchhaltung oder Finanzgesetzgebung.

Erste deutsche Personalchefs bauten bereits Mitarbeiter ab, deren Stellen ins Ausland verlagert werden sollten, berichtet Heyn aus der Praxis. Manche hätten dabei die Wahl zwischen einer Abfindung oder einem Weiterbildungsangebot. “Viele Arbeitnehmer nehmen da lieber die 20.000 Euro und entscheiden sich gegen die Weiterbildung”, sagt der Personalberater. Ein gravierender Fehler, wie er findet, denn durch eine Weiterbildung könnte ein Arbeitnehmer die notwendige Zusatzqualifikation für einen neuen Job erlangen.

Schwierig werden es angesichts dieser Entwicklungen auch die reinen Techniker haben, glauben Karriereberater. Ein Ausweg kann der Schritt in die Selbstständigkeit sein, bei dem man sich mit einem ehemaligen Kollegen zusammentut, der zuvor in der Beratung tätig war. “Solche Netzwerke aus Consultants und Programmieren sind interessante Ansätze”, findet Heyn. Eine andere Chance auf einen neuen Job sind die Offshore-Dienstleister selbst, denn sie suchen Projektmanager, die den Kontakt zum Kunden in Europa halten und für die indischen Kollegen als Ansprechpartner fungieren.

Solche Stellen entstehen auch in großen Unternehmen, die viel mit Offshore-Partnern zusammenarbeiten wollen, da die zahlreichen Projekte auch koordiniert werden müssen. Kommunikationsfähigkeiten, Fingerspitzengefühl sowie die Bereitschaft, sich auf fremde Kulturen einzulassen, sind dafür allerdings unabdingbare Voraussetzung.
“Wer zuerst versteht, was da auf uns zukommt, wird die Chancen nutzen”, ist sich Heyn sicher. “Trotzdem wird das alles den Verlust an Arbeitsplätzen nicht kompensieren; da wird es noch zu riesigen Verwerfungen kommen.”

Arbeitnehmer anderer Branchen haben ähnliche Entwicklungen bereits in der Vergangenheit erleben müssen. “Früher hat VW für die Ledersitze eigene Rinder gezüchtet, heute ist so etwas unvorstellbar”, sagt der Deutschland-Geschäftsführer eines Offshore-Dienstleisters. Auch in anderen Bereichen des Automobilbaus kämen ganze Baugruppen inzwischen von ausländischen Zulieferern, weil sich die Teile dort billiger produzieren ließen.

IBM will in den kommenden Jahren 4700 Jobs in den USA streichen und diese Programmierarbeiten ins Ausland verlagern. Laut Medienberichten plant Big Blue, die Belegschaft seiner indischen Tochter bis Jahresende von 1800 auf 4000 Mitarbeiter aufzustocken. Der Großteil der derzeitigen indischen Angestellten programmiert für IBMs Service-Sparte.

Auch der IT-Dienstleister CSC will seine Belegschaft in Indien in naher Zukunft auf 5000 Mitarbeiter verdreifachen. Und SAP-Vorstand Peter Zencke kündigte vergangenen November an, dass man die Zahl der Softwareentwickler im indischen SAP-Entwicklungszentrum bis Ende 2004 auf 1500 verdoppeln wolle. Nach der Walldorfer Zentrale wäre Bangalore damit der größte Entwicklungsstandort der SAP. Da passt auch ins Bild, dass der größte börsennotierte indische IT-Dienstleister Infosys vor ein paar Tagen erstmals in einem Geschäftsjahr die Umsatzmilliarde übersprungen hat – bei Wachstumsraten von weit mehr als 30 Prozent für Umsatz und Gewinn.