Insourcing: Wenn die IT wieder ins Haus geholt wird

Management

Gegen den Trend holen vereinzelte Unternehmen ihre IT-Abteilungen wieder ins Haus. Doch die Outsourcing-Welle lässt sich nicht mehr stoppen.

“IBM verliert Winterthur Versicherung als Großkunden”. Meldungen wie diese in der Schweizer Sonntagszeitung Anfang April nehmen in der Regel nicht viel Platz ein. Im Gegensatz zu Nachrichten über millionenschwere Outsourcing-Deals ist die Kündigung solcher Verträge in Zeiten des Outsourcing-Booms kein beliebtes Thema. Dennoch stemmen sich immer wieder Unternehmen verschiedenster Branchen gegen den Trend und holen die IT ins Haus zurück – In- statt Outsourcing also.
1999 hatte die Winterthur einen 10-Jahres-Vertrag mit IBM abgeschlossen und seine gesamt Informatik Big Blue anvertraut. Damit “beschreiten beide Unternehmen einen zukunftsweisenden Weg im Bereich der Informationstechnologie”, hieß es in der damaligen Mitteilung. Aufgrund des rund 409 Millionen Euro schweren Vertrags hatte IBM an dem Standort eines der damals modernsten Rechenzentren in Europa errichtet. Durch den Rückzieher der Versicherung verliert IBM jetzt ein Drittel des Auftragsvolumens in Winterthur. Die IT-Aufgaben kommen jedoch nicht direkt zurück unter das Dach der Winterthur Versicherung, sondern werden in das Rechenzentrum des Mutterkonzerns Credit Suisse Group (CSG) eingegliedert.

Entscheidung aus Kostengründen

“Der Wechsel zur Credit Suisse basiert auf einem rein betriebswirtschaftlichen Entscheid”, sagte Winterthur-Sprecherin Renata Tschudi im Interview mit silicon.de. “Die Migration zur Credit Suisse bewirkt jährlich Einsparungen von 40 Millionen Schweizer Franken – vor allem aufgrund von intern erzielten Skaleneffekten und Effizienzgewinnen”. Trotz dieses Schrittes habe sich aber die Zusammenarbeit mit IBM in den vergangenen Jahren bewährt.

Die Planungsarbeit für die Migration beginnt nach Tschudis Worten sofort. Der Transfer zu Credit Suisse werde etappenweise umgesetzt und Ende 2006 abgeschlossen sein. Betroffen sind die zentralen Rechner sowie die Versicherungsapplikationen der Winterthur, zum Beispiel Vertragsverwaltung, Kundenverwaltungs- und Schadenbearbeitungssysteme, sowie das Management des Outputs für die Kunden. Trotz der Mehrarbeit sind vorerst keine Neueinstellungen geplant. “Die Credit Suisse strebt an, das Zusatzvolumen weitgehend durch Effizienzoptimierung aufzufangen”, so Tschudi.
Bei IBM bedauert man die Entscheidung der Winterthur, aus dem Vertrag auszusteigen, betont aber ebenfalls, dass es in Sachen Preis oder Qualität keine Probleme gegeben habe. Trotz des verlorenen Großkunden soll keiner der 250 Mitarbeiter an dem Standort seinen Job verlieren. Das gilt auch für die 120 Winterthur-Beschäftigten, die 1999 unter das Dach von Big Blue wechselten, so Isabelle Welton, Manager of Communications bei IBM Switzerland, gegenüber silicon.de. “Die bleiben IBMler. Winterthur Versicherungen ist ja nur einer von 30 Outsourcing-Kunden in unserem Rechenzentrum in Winterthur”.

Versprechungen werden oft nicht eingehalten

Trotzdem: das Image bekommt einen Kratzer und es stellt sich die Frage, was Unternehmen, die schon vor Jahren den Outsourcing-Pfad eingeschlagen haben, dazu treibt, plötzlich wieder kehrt zu machen. Es gibt Fälle, in denen der Service-Provider pleite gegangen ist. Dann hat das Unternehmen gar keine andere Wahl, als sich neu zu orientieren. Schlechte Erfahrungen halten dabei so manches Unternehmen davon ab, sich einem anderen Service-Provider anzuvertrauen und es holt die Anwendungen wieder ins Haus zurück.

“Ein anderer Grund kann ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis sein. Zum Beispiel, dass die abgesprochenen Einsparpotentiale nicht eingehalten wurden”, sagte Katharina Grimme, Director der Deutschlandzentrale des IT-Marktforschungsunternehmens Ovum. “Manchmal werden von den Providern Versprechungen gemacht, um einen Auftrag an Land zu ziehen, die aber oft nicht eingehalten werden können. Nicht selten sind die Projekte auch von Anfang an schlecht geplant und so zum Scheitern verurteilt.”

Deutsche IT-Profis haben Angst vor Machtverlust

Durch sorgfältige Planung lässt sich jedoch das Problem mit der Qualität in den Griff bekommen. Und tatsächlich ist es etwas ganz anderes, das hinter vielen Ausreden gegen das Outsourcing steckt. “Eine ganz große Barriere ist die Angst vor Kontrollverlust”, weiß Grimme. CIOs hätten oft Angst davor, sensitive Informationen herauszugeben und nicht zu wissen, was damit passiert. “Viele CIOs wollen immer noch über alles Bescheid wissen, was in ihrem Betrieb passiert und im Zweifelsfall auch selbst mit Hand anlegen. Überspitzt formuliert könnte man von einer ‘Technomanie’ sprechen.”

Der CIO der Zukunft hat jedoch nach Grimmes Ansicht andere Aufgaben. Künftig werde es mehr und mehr darum gehen, auch mit einem kleinen Team fortschrittliche Projekte zu entwickeln, die dann auch von externen IT-Profis umgesetzt werden können. Die Angst vor einem Kontrollverlust – sei es über die Angestellten oder einen Server – ist dabei in Deutschland offenbar besonders hoch. Vor allem in Großbritannien hat Analystin Grimme eine völlig andere Mentalität beobachtet. Beim Thema Outsourcing gebe es weniger Berührungsängste. “Britische CIOs wollen nicht alles verstehen und könne auch loslassen, wenn ein Bereich aus dem Unternehmen ausgelöst wird”.

Doch auf der Insel ist nicht alles eitel Outsourcing-Sonnenschein. Im vergangenen Jahr kündigten dort zum Beispiel die Bezirksgemeinde Norfolk und der Londoner Stadtteil Islington ihre Verträge mit dem jeweiligen Service-Provider und holten sich die IT zurück ins Haus. Die drittgrößte britische Bank Barclays lies einen Outsourcing-Vertrag mit IBM in letzter Minute platzen und die Halifax Bank of Scotland kündigte – ähnlich wie die Winterthur-Versicherung – ihren eigentlich zehnjährigen Vertrag mit IBM nach nur drei Jahren. Was ursprünglich als einer der größten Outsourcing-Deals in Europa gefeiert wurde, war nach der Fusion der Bank of Scotland mit dem Finanzkonzern Halifax plötzlich nicht mehr rentabel. “Ausschlaggebend für die Halifax Bank of Scotland waren allerdings nicht die Kosten, sondern die größeren Kontrollmöglichkeiten im Inhouse-Betrieb”, hieß es außerdem.

Geplatzte Outsourcing-Deals in den Schlagzeilen

Solche Meldungen machen Managern in Deutschland Outsourcing-Entscheidungen nicht gerade leichter. Ende November vergangenen Jahres platzten innerhalb nur einer Woche gleich zwei große Deals. Nach “ernüchternden Erfahrungen in der Pilotphase” zog Daimler-Chrysler die Notbremse beim HP-Projekt. Eigentlich wollte der Autobauer Beschaffung und Betrieb der weltweiten Desktop-Ausstattung auslagern. Insgesamt ging es um rund 150.000 Desktops und mobile Geräte sowie deren Anbindung an die Netzwerke. Sehr wahrscheinlich ließ auch der interne Widerstand gegen die geplante zentrale PC-Landschaft den Vertrag platzen.

Kurz zuvor hatte die Commerzbank einen Outsourcing-Deal mit IBM überraschend in letzter Minute abgeblasen. Über die genauen Hintergründe für diese Entscheidung wurde viel spekuliert. Experten nehmen an, dass IBM nicht garantieren wollte, alle rund 400 betroffenen Mitarbeiter zu übernehmen. Marktforscherin Grimme verweist außerdem darauf, dass die geplante Auslagerung die Kernkompetenzen der Bank betroffen hätte. Stichwort Kontrollverlust.

Outsourcig: es gibt kein Zurück mehr

Trotz allem sind sich die Experten einig: die allgemeine Outsourcing-Bewegung lässt sich nicht mehr stoppen. Nach Angaben von Deutsche Bank Research wurden im vergangenen Jahr in Deutschland IT-Services im Gesamtwert von über 10 Milliarden Euro ausgelagert. Ovum schätzt das Wachstumspotential in den nächsten fünf Jahren auf 8 bis 10 Prozent. Gerade Deutschland habe in Sachen Outsourcing noch einen großen Nachholbedarf, so Grimme.

Konzerne, die eine bereits outgesourcte IT-Abteilung wieder zurück ins Haus holen, sind und bleiben dabei Einzelfälle. Haben doch die meisten Unternehmen, die den Schritt zur Auslagerung gewagt haben, positive Erfahrungen gemacht. Gegen einen ‘Outsourcing-Backlash’ spricht außerdem der große Aufwand. “Das Know-how ist quasi weg und die Firma muss wieder ganz von vorne anfangen. Oft ist es deshalb besser, das Projekt neu auszuschreiben und einen neuen Provider zu suchen”, erläutert Katharina Grimme.

Eines beweisen die in letzter Sekunde geplatzten oder vorzeitig gekündigte Deals allerdings eindeutig: Der Druck auf die Service-Provider wächst. Das belegt auch das Ergebnis einer Ovum-Studie aus dem Februar dieses Jahres. “Im Laufe der kommenden Jahre wird sich herausstellen, welche Outsourcing-Provider diese Aufgabe erfolgreich bewältigen werden. Einige Akteure werden dabei sicher von der deutschen Outsourcing-Landkarte verschwinden.”