EU-Bericht gibt tiefe Einblicke in Microsofts Geschäftspraktiken

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Das Bußgeld scheint Redmond kalt zu lassen, jedoch fürchtet Microsoft offenbar die Konsequenzen aus den EU-Sanktionen und warnt eingehend davor.

Das Urteil wurde vor vier Wochen gesprochen, jetzt liegt auch die ausführliche Begründung der Öffentlichkeit vor. Im 300 Seiten starken Bericht zum Urteil im Kartellrechtsverfahren gegen Microsoft durchleuchtet die Kommission auch die Firmenkultur des Monopolisten, deren Resultat die wettbewerbswidrigen Praktiken aus Redmond waren. Äußerst pikant ist dabei die Zusammenfassung der Recherche aus dem langjährigen Kartellstreit und Zitate aus einzelnen E-Mails, die zwischen Microsoft-Managern ausgetauscht wurden. In der Korrespondenz wird in teilweise schockierender Offenheit über die Schwächen der Microsoft-Software geplaudert.
Die Autoren des Reports zitieren zum Beispiel aus einer Mail des General Managers für C++, Aaron Contorer, an Konzernschef Bill Gates. Hier erklärt Contorer, warum die Kunden trotz offensichtlicher Schwächen an dem Microsoft-Produkt festhalten werden und auch die hohen Kosten rechtfertigen würden.

“Die Windows Application Programming Interface (APIs) sind so breit und so tief und so funktionell, dass die meisten ISVs (Independet Software Vendors) wohl verrückt wären, sie nicht zu nutzen. Und sie sind so tief in den Source-Code so vieler Windows-Applikationen verankert, dass die Umstellungskosten auf ein anderes Betriebssystem sehr hoch ausfielen”, erkennt Kontorer unverblümt.

Weiter heißt es in der Mail: “Es sind diese Umstiegskosten, die den Kunden die Geduld verleihen, bei Windows zu bleiben, trotz all unserer Fehler, unser Bug-beladenen Treiber, unseres hohen TCO (Total Cost of Ownership), unseres häufigen Mangels an einer sexy Vision und vieler anderer Schwierigkeiten. Kunden evaluieren ständig neue Desktop-Plattformen, aber ein Umstieg würde für sie sehr viel Arbeit bedeuten, deshalb hoffen sie, dass wir Windows verbessern und sie nicht zur Migration zwingen. ”

Auch eine Mail von Senior Vice President Bob Muglia wird in dem Report zitiert: “Um es kurz zu machen, ohne dieses exklusive Alleinverkaufsrecht, genannt Windows API, wären wir schon lange von der Bildfläche verschwunden.”

Unter anderem deshalb hat sich die Kommission zur Rekordstrafe von 497 Millionen Euro durchgerungen, um das Unternehmen wegen Verstoßes gegen den fairen Wettbewerb zu belangen. Wettbewerbern wurden nach Ansicht der EU nicht genügend Informationen zur Verfügung gestellt, um für die eigenen Anwendungen APIs zu programmieren, die ebenbürtig zu denen von Microsoft sind. Außerdem hätte das Unternehmen seine dominante Marktstellung bei Betriebssystemen ausgenutzt, um andere Produkte vom Markt zu drängen. 

Microsoft hatte bereits im Vorfeld Einblick in den Report bekommen und eine eigene Stellungnahme dazu veröffentlicht. “Die Kommission versucht ein neues Gesetz zu machen, das negative Auswirkungen auf das geistige Eigentum und die Innovationsfähigkeit dominanter Firmen haben wird”, heißt es hier. Und die Auswirkungen der Entscheidung werden sich demnach auch nicht auf die IT-Industrie begrenzen.

Nach Informationen des Wall Street Journal sei die Höhe der Strafe zunächst auf 165 Millionen Euro festgelegt worden. Zur Abschreckung wurde sie dann verdreifacht, bis sich die genannte stolze Summe ergab, die Microsoft nun zahlen muss. Zudem muss Microsoft eine Windows-Version ohne den Media-Player zur Verfügung stellen, die in keiner Weise unattraktiver als das Bundle sein darf, das Microsoft nach wie vor anbieten will.

Das Urteil der amerikanischen Wettbewerbshüter fiel in zweiter Instanz bei weitem milder als das der EU-Kommission unter Mario Monti aus. Aus dem ursprünglichen Urteil, das eine Spaltung des Unternehmens vorsah, wurde eine Reihe halbherziger Auflagen. Und selbst danach wurde das Unternehmen immer wieder kritisiert, weil es die Auflagen der Einigung nicht einhalte. Bislang waren diese Anschuldigungen jedoch immer ohne Konsequenzen für Microsoft geblieben. Auf die jüngsten Vorwürfe, dass das Programm zu lange dauere, um in Gang zu kommen, reagierte Redmond jetzt mit der Ankündigung, die Lizenzprogramme auszuweiten und zu verlängern.

Das so genannte ‘Protocol Licensing Program’ war eines der Hauptbestandteile der außergerichtlichen Einigung von Microsoft mit dem US-Justizministerium und einigen anderen Bundesstaaten. Schon mehrmals hat der Konzern auf Kritik von außen das Programm nachgebessert und neulich um zwei Jahre verlängert.

Das Department of Justice erklärte sich erfreut über die Verlängerung. Die Bedenken richteten sich darauf, dass innerhalb von fünf Jahren die Technik auf breiter Basis zugänglich sei. Außerdem, so teilte das Ministerium mit, werde Microsoft in dem XP-Nachfolger Longhorn mehr Protokolle lizenzierbar machen als das bisher der Fall sei.

“Wir haben eine Reihe von grundlegenden Veränderungen an dem Programm gemacht und auch einige Anpassungen und Justierungen”, erklärte Microsoft-Sprecher Stacy Drake. “Das unterstreicht, dass wir wirklich versuchen, das Programm so attraktiv wie möglich zu gestalten”.  Bisher nehmen dennoch nur 14 Unternehmen aktiv an dem Lizenzprogramm teil.

Robert Lande, ein Professor für Rechtswissenschaften, erklärte in US-Medien, dass dieser Schritt mehr an die Regulierer in Europa als an das amerikanische Justizministerium gerichtet war. Auf der anderen Seite, so der Wissenschaftler, wolle Microsoft so bei den amerikanischen Kartellwächtern die Zufriedenheit wiederherstellen, so dass das Justizministerium wieder das Gefühl habe, im Zuge der Einigung alle Probleme vom Tisch gewischt zu haben.

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