Verbaler Output

Enterprise

Jetzt ist’s zu spät. Professor Weizenbaum ist längst emeritiert. Und nur noch gelegentlich tritt er – wie weiland der im Computer-Business gescheiterte Professor Konrad Zuse – bei PR-Events von IT-Konzernen auf, die durch die Anwesenheit des genauso renommierten wie wirkungslos gebliebenen Computer-Kritikers “kommunizieren”, dass sie weltläufig liberal sind.

Jetzt ist’s zu spät. Professor Weizenbaum ist längst emeritiert. Und nur noch gelegentlich tritt er – wie weiland der im Computer-Business gescheiterte Professor Konrad Zuse – bei PR-Events von IT-Konzernen auf, die durch die Anwesenheit des genauso renommierten wie wirkungslos gebliebenen Computer-Kritikers “kommunizieren”, dass sie weltläufig liberal sind.
Was Weizenbaum traumatisiert hat, war die Wirkung seines Sprach-Interface ELIZA: Die Leute haben damals – 1966 – wirklich geglaubt, dass Computer mit ihnen sprechen können. Ein paar maschinell generierte EBCDIC-Zeichen haben sie mit der sinnlichen, facettenreichen menschlichen Sprache verwechselt. Das war wohl schon erschreckend.

Aber noch erschreckender ist eigentlich das, was heute gang und gäbe ist. Also: Man richtet an eine anonyme Institution, innerhalb derer man nun wirklich mit niemandem beabsichtigt, eine zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen, eine Frage, um eine sachdienliche Auskunft zu bekommen.

Und jedes Mal antwortet eine IT-gestützt generierte, lausige Mensch-Simulation: “Vielen Dank für Ihre Anfrage… Gerne helfe ich Ihnen weiter. Sie haben eine gute Wahl getroffen, und sich für… entschieden. Ein kleiner Tipp für Sie. Die Urlaubszeit naht…” Später, viel, viel später wird einem dann unter Umständen die – diesen gewaltigen kommunikativen Akt auslösende – Frage leidlich beantwortet. Und: “Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag. Ihr …E-Mail Team.”

Textbausteine! Sie sind ein evidenter Beweis dafür, dass Computer nicht sprechen können. Und die Leute, die das glauben, auch nicht.

Kein Mensch aus Fleisch und Blut und mit Hirn redet schließlich so, wie manche Leute mit Hilfe von Textbausteinen daherradebrechen. Die Bedienung in einem schönen bayerischen Wirtshaus beispielsweise.

Nie würde so eine – meist Marga, Resi oder Mari gerufene – vitale Frau sagen: “Vielen Dank, dass Sie sich über die kleinlichen Bedenken Ihres Arztes bezüglich Ihrer Leberwerte mutig hinweggesetzt und erneut eine stets frisch gezapfte Halbe mit herrlicher Schaumkrone bestellt haben. Ein Bier wie Bayern. Unser freundliches Service-Team freut sich, Ihren Auftrag prompt und zuverlässig ausführen zu dürfen.”

Gar nie nicht, würde sie sowas sagen. Ein “Ja spinnst jetzt völlig?” wäre ihr gewiss. 

Ein anderes Beispiel: die Microsoft-Rechtschreibprüfung. Was kreuzt einem dieses Low-Performance-Tool an? Mit Vorliebe die vitalsten Begriffe.

“Tragl” beispielsweise, dieser wunderbare Transportcontainer, mit dem man für Gewöhnlich 20 Flaschen Glückseeligkeit von PoS (Point of Sale) zum Grillplatz an der Isar befördert.

Oder “hählinge” (hochdeutsch: heimlich, auch im Sinne von hinterhältig verwendet). Die breite gesellschaftliche Implementierung dieses Schlüsselbegriffs der baden-württembergischen Sozialkontrolle hat dafür gesorgt, dass es dort eines zentral organisierten MfS nie bedurft hat. Weil: “Sell mache mar scho selwer.” Das ist nichts Schönes, aber etwas Wirkliches.

Unbeschadet durch gehen hingegen Pressemitteilungen, wie jene, die diese Woche wieder mal eingelaufen sind. Jene, die besagen, dass ein deutsch-japanischer Konzern in der Lage sei, “innovative Konzepte anzubieten, mit denen der Anwender seine geschäftliche Effizienz, Flexibilität und Kontinuität verbessern kann.”

Oder die einer kalifornischen Klitsche, deren CEO laut Pressemitteilung erklärt: “Uns ist es wichtig, dass wir unseren Kunden Lösungen liefern, die extrem leistungsfähig sind bei gleichzeitig niedrigen Gesamtkosten.”

Schön auch, dass ein Verlagsleiter freudig “kommentiert”, dass eines seiner Verlagsobjekte “als Highend Quality Magazin für Computer & Communications gerade bei den technikaffinen Entscheidern und einkommensstarken Zielgruppen weiter an Attraktivität gewinnen konnte”.   

Irgendwie fragt man sich schon: Wie reden solche Leute eigentlich im koitalen Umfeld?

Man hegt ja den Verdacht, dass da anschließend auch der Vice-President Corportate Communication kommentiert: “Unser ausgezeichnetes Liebesspiel hat erneut einen Rekord im internationalen L3-Standard-Benchmark-Test (Lust, Liebe, Leidenschaft) aufgestellt. Es erfüllt sämtliche heute an den Privatbereich gestellten Anforderungen hinsichtlich Recovery, Recreation, Recruitment ™. Die dadurch erzielten höchsten Zufriedenheitswerte im persönlichen Bereich ermöglichen es, dass wir uns auch morgen wieder den Herausforderungen durch unsere Kunden und des Marktes stellen.”

Und womöglich flüstert dann die freundliche Kundenberaterin glücklich: “Unser eingespieltes Team erfüllt Liebesträume, egal ob zärtlich romantisch, leidenschaftlich feurig oder sinnlich verspielt. Weiterhin viel Spaß dabei wünscht dir deine…”

Man ist ja nicht bösartig. Und deshalb gönnt man es diesen Menschen wirklich, dass sie, wenn sie mittels guturaler Laute sich ausdrücken, sinnlicher sind, als wenn sie versuchen, sich zu artikulieren.

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