IT bei der Polizei: der schwere Weg zur Vernetzung

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Effektive Verbrechensbekämpfung setzt länderübergreifende Kommunikation voraus. Dezentrale Strukturen machen es der Polizei aber nicht gerade leicht.

Die laufenden Kosten senken, Prozesse optimieren, größere Effizienz mit weniger Personal – die Leier, die so manchem IT-Leiter in der Industrie zum Hals raushängt, hat auch vor der IT der Polizei nicht halt gemacht. Die hehren Ziele sollen vor allem durch länderübergreifende Strukturen und Anwendungen erreicht werden, über die zur Zeit heftig diskutiert wird und welche zum Teil auch umgesetzt werden.
In diesem Szenario spielen Projekte wie ‘Inpol Neu’ eine Schlüsselrolle – und an dessen Einführung wird deutlich, mit welchen Problemen die Behörde zu kämpfen hat. Die Kombination aus Hardware und Softwaresystemen soll die Datenhaltung einfacher machen und die tägliche Arbeit der Beamten viel stärker unterstützen als es die bundesweit bunte IT-Landschaft bei der Polizei bisher konnte. Doch es gibt noch auf verschiedenen Ebenen technische Probleme zu überwinden, die noch dazu in den einzelnen Bundesländern ganz unterschiedlich angepackt werden müssen.

Zunächst gilt es die Sache nach den Ressourcen zu klären: “Braucht tatsächlich jedes Bundesland ein eigenes Rechenzentrum für die Polizeiarbeit?”, fragt Harald Lemke, CDU-Staatssekretär im hessischen Finanzministerium. Sollte nicht lieber das Gewicht auf gemeinsam nutzbare Strukturen und einer effektiven Vernetzung gelegt werden? Schließlich mache auch die Kriminalität nicht vor einzelnen Landesgrenzen in Deutschland halt, deswegen dürfe die IT nicht isoliert betrachtet werden, mahnt er.

Bei Vernetzung gelte vor allem das Prinzip ‘Alle oder keiner’, da ein Zurückbleiben eines Kommunikationspartners eine verlangsamte Arbeit aller zur Folge habe. Medienbrüche bei der IT-gestützten Polizeiarbeit, so sagt er, dürften keinen Platz im 21. Jahrhundert haben. Deshalb sei Inpol Neu als bundesweites Projekt eine so wichtige Veränderung.

Die Innenminister der Länder hatten sich im Januar letzten Jahres nach mehreren Projektskandalen und Zeitverzögerungen für einen neuen Weg bei der technischen Realisierung des bundesweiten Fahndungssystems Inpol Neu entschieden. Das hatte die einzelnen Länder gezwungen, entweder ihre alten Systeme noch eine Weile zu behalten, oder aber eigene Projekte aufzusetzen. Als Vorzeigebeispiel hierfür gilt PolisNet, ein landesinternes webbasiertes Fahndungssystem der rheinland-pfälzischen Polizei.

Die Routine-Seiten der Polizeiarbeit

Wolfgang Branoner, Direktor Öffentliche Verwaltung bei dem Projektpartner Microsoft Deutschland, setzt als positiven Punkt, dass das webbasierte Projekt Netz PolisNet drei Monate vor Ablauf der vereinbarten Frist fertig geworden war und stabil laufe. Die Entwicklung erlaubt erstmals in Deutschland, Fahndungsdaten über mobile Endgeräte abzufragen. Dafür wurden zunächst alle rund 10 Millionen Datensätze aus dem Altverfahren erfolgreich in das neue Verfahren übernommen.

Inpol Neu soll jedoch in der letzten Ausbaustufe, geplant für 2005, viel weiter reichen. Es soll auch die interne Aufgabenabarbeitung verbessern, die Kommunikation der einzelnen Anwendergruppen (Kriminalpolizei, Schutzpolizei, Spezialeinheiten, Verwaltung und ähnliches) beschleunigen, die Datenhaltung relational strukturieren und zentralisieren, und die täglichen Routinearbeiten wie Fallbearbeitung effizienter gestalten. “Für die wirksame Verbrechensbekämpfung ist das ein großer Fortschritt”, hatte im August 2003 Bundesinnenminister Otto Schily zur Einführung der ersten Säule, der Fahndungsdatenbank, vollmundig erklärt. “Jetzt können Fallgrunddaten, beispielsweise Tatort, Tatzeit und Delikt abgerufen werden, die es ermöglichen, bundesweit komplexe Beziehungsgeflechte besser zu erkennen. Ebenso können digitale Lichtbilder übermittelt werden.”

Die operative Datenbank ist speziell auf polizeiliche Standardabfragen wie Zusatzinformationen oder Fahndungslisten zugeschnitten und soll 80 Prozent aller anfallenden Anwendungen, also die erwähnten Fallgrunddaten inklusive einer interaktiven Beziehungsherstellung zwischen Motivlisten, Täterprofilen, Opferdatenbanken, Vermisstenlisten und ähnlichem abdecken. Dafür ist eine auf komplexe Recherche- und Analysezwecke zugeschnittene dispositive Datenbank geplant. Die Ausstattung der Polizeiwagen und der Streifen, ob per Fahrrad, zu Fuß oder per Schiff, soll aber den Ländern überlassen bleiben, die die Software ‘Inpol Land’ zur Verfügung gestellt bekamen.

Stadt, Land, Fluss mit IT-Hilfe

Die Umsetzungsrate des Projekts ist noch unterschiedlich. “Bis auf vier Bundesländer, von denen zwei ein Mischsystem aus Alt und Neu haben und zwei noch konsequent die bunte DV-Landschaft aus den 70ern, sind alle anderen zwölf Bundesländer entweder schon live oder haben einen festen Einführungsplan in nächster Zeit, beziehungsweise schon mit der Projektierung begonnen”, erklärt Gunther Guzielsky, IT-Direktor beim Bundeskriminalamt aus der Praxis. Doch seine Ziele reichen weiter: “Es gibt zwar jetzt schon einen Länderausschuss für die IT- und Kommunikationsarbeit über die Ländergrenzen hinweg, doch wie die Kriminalität müssen auch wir selbst die Staatsgrenzen überschreiten können, die polizeiliche Arbeit und Kommunikationsstrategie muss europaweit vereinheitlicht werden.”

Erste Ansätze für die Internationalisierung der Anwendungen gibt es bereits. “Unter der IT-Leitung des BKA wurden jetzt schon Polen und die Schweiz an Inpol angeschlossen”, sagt Holger Gadorosi, Projektleiter für Inpol Neu beim  Bundeskriminalamt. Weitere europäische Länder sollen folgen. Doch hierbei gibt es Anpassungsbedarf, denn einzelne Länder arbeiteten noch mit Version 2, während Deutschland sich bereits mit der Einführung der Version 5 beschäftige. Immerhin habe die nationale Anbindung von BKA, den 16 Landeskriminalämtern, sowie von Zoll und Bundesgrenzschutz die deutschlandinterne polizeiliche Arbeit erheblich erleichtert, sagt Gadorosi.

Hinzu komme, dass sich der Funktionsumfang von Inpol Neu nicht in der  Fahndungsdatenbank erschöpfe, so der Projektleiter. In der letzten Ausbaustufe reiche die Palette von Inpol Neu auch in die Beweismittelanalyse und Archivierung und die Sicherung der Kommunikation. Hinzu komme eine Opferdatenbank, eine Software zur organisatorischen Polizeiarbeit, Dateien für Vermisste, Datenbestände über Gewalttäter, bis hin zu einer Dokumentation von historischen Fallbeispielen, Spurendokumentation und Visualisierung von Beweisen, sowie einer ausführlichen Fachliteraturdatenbank. Doch bislang sei tatsächlich nur eine von mehreren Säulen, nämlich die besagte Datenbank für Personenfahndung, angebunden.

Kein Traum wird aufgegeben

Schon jetzt zeigt sich aber die unterschiedliche Akzeptanz der neuen Systeme: “Die Lichtbilddatenbank für Fahndungen wird extrem gut angenommen, aber alles was wir ‘Fallgrunddaten’ nennen, und was eigentlich die strategische Seite der Polizeiarbeit ausmacht – also Hintergrundwissen, Beweismitteldaten, Beziehungsgeflechte um einen Fall herum – das alles bedarf noch vieler Schulung und Aufklärung”, führt Gadorosi aus.

Bislang sei die Anfrage an die Datenbank mit den Fahndungsbildern noch weitestgehend ortsgebunden in den Polizeirevieren oder speziellen Einsatzbüros. Doch die mobile Anbindung inklusive einer Ausstattung der Polizeifahrzeuge sei bereits realisierbar und mache bei der Streife durchaus Sinn. Hewlett-Packard zeigte am Rande des Polizeikongresses in Wiesbaden genau eine solche Lösung, bei der aus dem Handschuhfach ein Monitor ausgeklappt werden kann, der per Touchscreen einen Blick in die Datenbank erlaubt.

Aber auch an den Lichtbilddaten habe es im vergangenen Jahr wegen einigen Fehlern, die beim Einpflegen der Merkmale entstanden seien, berechtigte Kritik gegeben. “Verwechslungen, wie sie am Anfang passiert sind, gibt es aber inzwischen nicht mehr”, sagt Gadorosi. Vielmehr hebt er hervor, dass es beachtenswert sei, dass die Umstellung so gut geklappt habe und das “Wochenende des umgelegten Schalters” so ruhig verlaufen war. Die alten Systeme seien ja 30 Jahre alt gewesen und nur “etwa zwei Handvoll versierter Entwickler” seien derzeit für die Pflege noch aktiv. Dafür sei die Umstellung noch richtig gut gelaufen, es habe wenig Fehler gegeben.

Etwa 270.000 Nutzer, praktisch jeder so genannte Schutzpolizist im Streifendienst, habe Zugriff. Bei Inpol Neu gebe es nach Anwendergruppen sortierte Systemsäulen, die miteinander kommunizieren können, beschreibt er weiter. Schutzpolizei, Kriminalpolizei, Analyse übergreifender Daten, operative Dienstanwendungen (für Verwaltung, Personalplanung und anderes). Der Trick bei der Umsetzung sei die schrittweise Anpassung, die einem Komplett-Umschalten vorzuziehen sei.

Die ‘Inpol-Neu-Philosophie’ bedeutet laut Gadorosi aber auch ein klares Bekenntnis zum Föderalismus. Einzelne, von den Bundesländern entwickelte Lösungen sollen durch die Vernetzung zu einer neuen Rolle finden. Lediglich die jetzt vorhandenen Sonderlösungen, wie zum Beispiel eine eigene Drogendatenbank mit Mischformen von Personen- und Sachdaten, sollen demnach standardisiert werden. “Wir haben zwar jetzt noch nicht alles umgesetzt, was Anfang der 90er Bestandteil der ersten Inpol-Neu-Pläne war, aber wir haben uns keineswegs davon verabschiedet und wollen die eher zentralisierte Herangehensweise auch weiterhin verfolgen, weil sie die effektivste Kommunikation bieten wird”, so Gadorosi.