Schleichender Know-how-Verlust in der Großrechnerwelt

Management

Altgediente Mainframer werden entlassen, nur um kurze Zeit später ihr Wissen als Freelancer anzubieten.

Noch immer bilden Mainframes in den meisten großen Unternehmen das Rückgrat der IT. 70 Prozent aller unternehmenskritischen Daten liegen auf Großrechnern, schätzt man bei der Projektbörse Gulp. Doch die Alterspyramide der Fachkräfte in diesem Bereich gleicht eher der Struktur der deutschen Bevölkerung als einer gesunden Verteilung. “Wenn ich über Großrechner vor Anwendern spreche, spreche ich normalerweise vor Leuten mit grauen oder gar keinen Haaren”, bringt es Josh Krischer, Analyst beim Beratungsunternehmen Gartner, auf den Punkt. “Der Mangel an jungen Talenten ist das größte Problem, das die Anbieter von Großrechnern haben.”
Es gibt in Deutschland nur fünf Universitäten – Leipzig, Tübingen, Chemnitz, Bochum und Darmstadt – die das Thema Großrechner wieder in der Informatikausbildung haben. In Leipzig stehen drei IBM-Mainframes für die studentische Ausbildung – die einzigen in Deutschland. Die anderen vier Universitäten haben Zugriff auf die Leipziger Hosts. Außerdem bietet die Augsburger IT-Akademie Bayern mit Unterstützung der IBM Weiterbildungen im Mainframe-Bereich an. Auch Gartner-Analyst Krischer bestätigt, dass IBM immerhin mehr unternehme als andere Anbieter, “aber alle Hersteller müssten noch viel stärker entsprechende Nachwuchskräfte schulen”.

Ein Anwenderunternehmen, das den Handlungsbedarf erkannt hat, ist die Nürnberger Datev. Beim IT-Dienstleister für Steuerberater habe man diesem Problem schon sehr früh gegengesteuert, sagt Waldemar Kerczynski, der Hauptabteilungsleiter des Rechenzentrums ist. “Wir machen bereits bei den Azubis Werbung für den Großrechner, dazu gehören auch Schnuppereinsätze, noch bevor die Spezialisierung auf andere Systemplattformen einsetzt.” In gezielten Informationsveranstaltungen stellten die erfahrenen Mitarbeiter die Plattform vor und würden auch den hohen Stellenwert unterstreichen, den der Großrechner noch immer bei der Datev habe, so Kerczynski.

Internes Fachwissen gefragt

Bei den Nürnbergern sind trotzdem überwiegend verteilte Anwendungen im Einsatz, so dass man sich als IT-Mitarbeiter in mehreren Betriebssystemwelten bewegen muss. Beispielsweise befasst sich eine Gruppe mit allen Datenbanken, die bei der Datev eingesetzt werden – egal, ob sie auf dem Großrechner oder auf Windows laufen. Externe Berater seien auf Dauer zu teuer und auf deren Fachwissen könne man kein Gesamtkonzept aufbauen, ergänzt Kerczynski. “Aber ich glaube, dass wir mit diesem Ansatz schon eine Ausnahme sind.”

Bei den Herstellern sieht man das anders. Martina Köderitz, IBMs Vice-President für den Mainframe-Vertrieb in Europa, im Nahen Osten und in Afrika, sagt, dass es genügend Fachkräfte gebe. Gerade durch die Portierung von Linux auf die z-Series würde der Großrechner nun auch wieder für Berufsanfänger interessant. Auch IBM selbst und die Partner hätten genügend Berater, die sich auf allen Hardwareplattformen auskennen würden.

Die Konkurrenz von Fujitsu-Siemens bestätigt zwar, dass der Altersdurchschnitt der Mainframer recht hoch ist, doch Grund zur Sorge für die Anwender sieht auch Rolf Strotmann nicht, der bei Fujitsu-Siemens den Geschäftsbereich BS2000 leitet. “Die Kunden haben jederzeit die Option, Ihre eigene Entwicklung und den Betrieb des Rechenzentrums für die Zukunft aufrecht zu erhalten, oder auf externe Angebote zurückzugreifen, beispielsweise Fernwartung oder Outsourcing”, sagt Strotmann. “Die Anwender müssen sich nicht wegen fehlenden Know-hows vom Großrechner abwenden.” Nicht zuletzt sieht Strotmann in der derzeitigen Entwicklung auch eine Geschäftschance für Fujitsu-Siemens.

Der Wissensverlust wird kaschiert

Lutz Kolmey hat beobachtet, dass die Anwender das Problem Know-how-Verlust zwar haben, aber nur ungern darüber reden. Kolmey leitet den Arbeitskreis Zentrale Informationsverarbeitung bei Justsave, der gemeinsamen Anwendervereinigung von Siemens und Fujitsu-Siemens. Dem Arbeitskreis gehören auch rund 90 Unternehmen an, die Mainframes nutzen. “Es herrscht die Meinung vor, dass man bei Bedarf einen entsprechenden Mitarbeiter recht schnell einlernen kann”, sagt Kolmey.

Dass die IT-Verantwortlichen kein besonderes Augenmerk auf die Nachwuchsförderung im Großrechnerbereich legen, hat mehrere Gründe, die das Problem der überalternden Fachkräfte kaschieren. Eines, so Kolmey, sei die Stabilität und der damit einhergehende geringe Wartungsaufwand für die großen Hobel. Während im Client/Server-Umfeld auf 50 Nutzer ein Systemadministrator komme, genügten selbst für die größten BS2000-Installationen in Deutschland ein bis zwei Systemverwalter.

Die weiter voranschreitende Automatisierung im Mainframe-Umfeld tut dabei ein Übriges. Beispielsweise, so Gartner-Analyst Krischer, lasse sich inzwischen SAP-Software auf IBM-Systemen ohne spezifische Kenntnisse der Großrechnerwelt installieren. Bei der deutschen Sektion der IBM-Anwendervereinigung Guide Share Europe wird der Generationswechsel bei den Mainframe-Fachkräften derzeit nicht als brennendes Thema eingestuft.

Dabei spielt sicherlich der anhaltende Trend zur Konsolidierung der Rechenzentren eine Rolle. Denn dadurch kann es sogar passieren, dass altgediente Mainframer entlassen werden – und dies führt wiederum dazu, dass der schleichende Wissensverlust kaschiert wird. “Denn derzeit tauchen diese Mitarbeiter und alle Frühruheständler kurze Zeit später wieder als Freelancer oder bei IBM-Partnern als Mitarbeiter auf”, hat ein Branchenkenner beobachtet. “Man lebt von der Substanz; das wird sich noch deutlich bemerkbar machen.”