Fakten! Fakten! Fakten!

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Bei Wörtern ist’s genauso, wobei die natürlich nicht leiden können. Aber auch Wörtern kann man unrecht tun – durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht.

Bei Wörtern ist’s genauso, wobei die natürlich nicht leiden können. Aber auch Wörtern kann man unrecht tun – durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht.
“Faktum” beispielsweise ist ein solides, inhaltsschweres Wort: eine Tatsache, etwas, das sich jedem intellektuellen Voluntarismus entzieht. Da muss man sich erst einmal abarbeiten, an einem Faktum.

Aber es klingt halt auch so schön, vor allem im Plural. – Genau: “Fakten! Fakten! Fakten! Und an die Leser denken.” Wegen seines Wohlklangs wird das Faktum häufig missbraucht – etwa um Banalitäten zu illustrieren wie die, dass bei weitem nicht jeder Chefredakteur ganze deutsche Sätze kann.

Auch Microsoft hat die Schönheit des Faktums erkannt, eine Kampagne Namens “Get the facts” auf- und rechtzeitig zum deutschen Linux-Tag nächste Woche ein paar jener wohlklingenden Fakten nachgelegt. Bis auf die Gartner Group präsentieren mittlerweile alle namhaften Researcher auf der konzerneigenen Site Facts “sponsored by Microsoft”, wie’s meist auf der jeweils ersten Seite der betreffenden pdf-Files heißt.

IDC erläutert, dass das Gratis-Betriebssystem Linux – wenn man’s recht betrachtet – eigentlich doch teuerer kommt als Windows. Und, weil Geld ja nicht alles ist, legt die Meta Group dar, dass ein Mainframe unter Linux – also in einem Bereich, in dem sich die Kostenfrage nun wirklich nicht mehr stellt – dass der gar nicht mehr leistet als ein paar PCs – vom Schrauber um die Ecke – unter Windows.

Und die Researchers von Forrester schließlich haben herausbekommen, dass ein Windows-Rechner sehr viel sicherer ist als eine Linux-Maschine. Auch das ein kaum bekannter Fakt. Vor allem in den Kreisen von Beagle, Netsky, MyDoom und Konsorten.
 
“Facts, sponsored by…”, das findet man immer öfter. Die deutsche Wirtschaft etwa hält sich zu dem Zweck ein eigenes Forschungsinstitut. Das IW, das Institut der deutschen Wirtschaft. Das heißt so, weil es ihr gehört.

Richtige Enzyklopädisten gibt’s im IW und ihr Lexikon, beziehungsweise das ihrer Verlagspublikation ‘Aktiv’, haben sie sogar ins Internet gestellt. Damit die Fakten ihres Sponsors auch publik werden.

“Kündigungsschutz” ist laut Definition dieses Lexikons “ein Hinderungsgrund bei der Schaffung von Arbeitsplätzen”. Und zu jener von “Ausbildungsplatzabgabe” gehört, dass es besser wäre, dafür zu sorgen, “dass die Schulabgänger auch in ausreichendem Maße ausbildungsfähig seien”. Wobei die Sponsoren auch mit der in dieser Woche erfolgten Regelung zufrieden sein dürften.

Das entscheidende Wesensmerkmal der Arbeitszeiten ist laut diesem Lexikon, dass es in Westdeutschland die “weltweit kürzesten” gibt. Jedenfalls wird dieses Kriterium an erster Stelle genannt und mit Zahlenmaterial des Eigentümers BDA illustriert.
 
Zum Begriff Elite erfährt man, dass er von der “68er-Bewegung… durch Demokratisierungs-, Mitbestimmungs- und Gleichheitsbestrebungen diskreditiert” wurde. (Die Elite-Verdächtigungen und diesbezüglichen Diskriminierungen, die die IW-Wissenschaftler ertragen mussten, dürften sich zumindest in sehr engen Grenzen gehalten haben.)

Dass solche Fakten heute umstandslos in die Politik- und Wirtschaftsteile der meisten Zeitungen übernommen werden, zeigt, wie erfolgreich ein Sponsoring auf diesem Gebiet sein kann. Sogar ehemalige 68er, die früher “Demokratisierungs-, Mitbestimmungs- und Gleichheitsbestrebungen” anhingen, zeigen sich aufgeschlossen.

Der Juso-Vorsitzende des Bezirks Hannover aus jenen Tagen beispielsweise. Der, der sich derzeit als Bundeskanzler versucht.

Der verfügt jetzt über das richtige Faktenwissen. “Wir werden die Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von den Einzelnen fordern”, zitiert ihn wohlwollend das Lexikon. Und deshalb hat er auch Erfolg. (Gut, jetzt nicht immer unbedingt bei Wahlen.)

Aber sehr viel Zuspruch bekommt er, der faktisch geläuterte Alt-68er. Diese Woche hat er ja vor seiner Bundestagsfraktion und dem Bundesverband der deutschen Industrie erläutert, dass “Demokratisierungsbestrebungen” nicht so weit gehen dürfen, dass man macht, was die Wähler wollen. Und er hat dafür die volle Rückendeckung bekommen. Jedenfalls die des BDI.

Da muss man sich in Redmond noch einiges einfallen lassen, bis das mit dem Fakten-Sponsoring so gut klappt wie das der deutschen Wirtschaft. Aber machbar ist es.

Fakten! Fakten! Fakten! Die gehen schließlich immer. Dass – abhängig von der Konjunktur und der Jahrgangsstärke – Tausende von Youngsters ohne Perspektive eigentlich nur nicht “ausbildungsfähig” sind, ist ja auch gut rübergekommen. Oder dass Millionen im Prinzip deshalb keinen Job haben, weil man sie aus einem Arbeitsverhältnis, in dem sie nicht stehen, nicht einfach entlassen kann.

Warum sollte sich da nicht die Sache mit dem preiswerten, leistungsfähigen und sicheren Windows vermitteln lassen? fragt sich der Autor, während er gleichzeitig die Alt-, die Cntrl- und die Del-Taste drückt.

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