Schweizer Gericht soll IBMs Mitschuld am Holocaust klären

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Die Sinti- und Roma-Organisation ‘Gypsys International Recognition and Compensation Action’ darf IBM wegen einer angeblichen Mitschuld am Holocaust verklagen.

Die Sinti- und Roma-Organisation ‘Gypsys International Recognition and Compensation Action’ (GIRCA) darf IBM wegen einer angeblichen Mitschuld am Holocaust verklagen. Das hat ein Genfer Berufungsgericht entschieden. Die Schweiz sei sehr wohl der richtige Ort für ein solches Verfahren, begründeten die Richter ihr Urteil. Sie wiedersprachen damit der Entscheidung einer Vorinstanz, wonach die Schweiz der falsche Ort für einen solchen Prozess sei.
Im Zentrum der Diskussion stehen die Lochkartenmaschinen von IBMs deutscher Tochterfirma ‘Deutsche Hollerith Maschinen GmbH’ (Dehomag). Die Geräte sollen bei der Planung und Vollstreckung des Holocaust und damit auch bei der Vernichtung von Sinti und Roma in den Konzentrationslagern (KZ) geholfen haben. IBM habe auch während des zweiten Weltkrieges über sein Genfer Büro den europaweiten Handel mit den Nazis koordiniert, so GIRCA-Anwalt Henri-Philippe Sambuc gegenüber dem Wall Street Journal. In der Schweiz seien klare Anweisungen aus der New Yorker Konzernzentrale ausgeführt worden. Es gebe auch einige Beweise, dass man sich im Genfer Büro bewusst gewesen sei, dass man den Nazis bei ihren kriminellen Handlungen geholfen habe, so Sambuc.

Eine offizielle Reaktion von IBM zu der Gerichtsentscheidung gibt es bislang noch nicht. Das Unternehmen hatte jedoch schon früher bestritten, dass es verantwortlich dafür sei, wie seine Maschinen während der Nazizeit eingesetzt wurden. Außerdem, argumentiert IBM, sei die Dehomag von den Nazis kurz vor dem zweiten Weltkrieg übernommen worden. Man habe so keine Kontrolle mehr über den Einsatz der Maschinen gehabt.

Ausgelöst wurde die Klage der GIRCA durch eine Arbeit des US-Wissenschaftlers Edwin Black aus dem Jahr 2001. In dem Buch “IBM und der Holocaust” beschreibt er, wie die Lochkarten des Unternehmens eingesetzt wurden, um den Massenmord in den Nazi-KZs effektiver zu machen. In den Vernichtungslagern kamen nach Angaben von Historikern 600.000 Sinti und Roma ums Leben. Die Volksgruppe selbst spricht dagegen von 1,5 Millionen. Die europäischen Sinti und Roma gelten bis heute als vergessene Opfer des Nazi-Regimes.