Unsere Gold-Jungs vom Standort

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Der Geist der Zeit, der durch den olympischen Hain weht, ist auch im teutonischen Blätterwald zu verspüren.

Der Geist der Zeit, der durch den olympischen Hain weht, ist auch im teutonischen Blätterwald zu verspüren. Überall Eliten. Mehr oder minder beredt wird da von der Schwimmer-, Gewichtheber-, Badminton- und der Softball-Elite berichtet.
Selbst das Vieh bleibt nicht außen vor: “Elite-Tiere des internationalen Reit- und Dressursports starten in Greven zu den Wettbewerben”, vermelden die Grafschafter Nachrichten, womit denn auch etwas vom Glanz der Spiele auf den im Einzugsgebiet des Blatts gelegenen Provinzflughafen Münster/Osnabrück abfällt.

Eigentlich sollte man ja meinen, die Eliten jedweder Art seien derzeit in Athen. (Oder doch wenigstens auf dem Weg dahin – vom Flughafen in Greven aus.) Und man hätte ansonsten vor ihnen seine Ruhe.

Aber weit gefehlt! Sie tummeln sich auch noch andernorts. In St. Leonhard am Forst etwa. Über den dortigen Sensenmäh-Wettkampf liest man in den örtlichen Niederösterreichischen Nachrichten: “Beim Landesentscheid schlugen sich die Rabensteiner Bauernburschen wieder ganz wacker, sie gehören einfach zur Elite.”

Eliten sind zu einer echten Landplage geworden. Wahrscheinlich liegt das daran, dass jeder, der dieses Wort in den Mund nimmt, irgendwie auch meint, sich ihnen ein bisschen zurechnen zu können.

Womit wir dann endgültig in Bayreuth angekommen wären. Dort giftet der “Parsifal” Endrik Wottrich in Richtung Regisseur Christoph Schlingensief: “In Deutschland ersetzt Quatschen inzwischen den Inhalt. Wir orientieren uns nur noch am Durchschnitt. Elite ist ein Schimpfwort.” Gesellschaftskritik aus der Festspielperspektive.

Die bestimmt ja ebenfalls die Diskussion zum High-Tech-Standort Deutschland, bei der es schließlich auch nicht darum geht, ob die hiesige Forschung in Schlüsselbereichen gut oder schlecht ist, sondern offenkundig nur darum, irgendwo – wo auch immer – diese ominöse Elite zu stellen. Beachvolleyball oder Synchronschwimmen – egal, Hauptsache Gold.

Oder um es in die Worte des in Zeitgeistfragen unübertroffenen Guido Westerwelle zu fassen: “So wie wir Eliten im Sport brauchen, so brauchen wir sie auch in der Bildung, der Forschung und der Wissenschaft.” Gesprochen vor passendem Publikum im Stuttgarter Staatstheater beim Dreikönigstreffen seiner Partei.

Und am Aschermittwoch heuer in Passau hat er seine Vorstellungen zu “Elite, Eigentum und Leistungsbereitschaft” dann konkretisiert: “Das sind Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.” Ein etwas anders gearteter, aber gleichwohl adäquater Anlass für solche Analysen.

Auch schwergewichtigere Politiker sehen das so. Der Bundeskanzler etwa bedauerte bei der Vorstellung der Agenda 2010 in der Zeit, dass der “Elitebegriff” in Deutschland “negativ besetzt” sei.

Und der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt fordert im “Schulpapier des BDA”: “Der Begriff der Elite darf nicht tabuisiert werden. Leistungseliten müssen immer auch Verantwortungseliten sein.”

Wobei man allerdings nicht gar so anspruchsvoll sein sollte. Bei dem, was aktuell über Arbeitszeitverlängerung, Lohnkürzung, Kündigungsschutz, Unfallversicherung et cetera so dahergeredet wird, da würde ja ein bisschen Verantwortung der Arbeitgeber für ihre Beschäftigten auch schon genügen. Das wäre schon eine Verbesserung. Verantwortungseliten braucht’s dafür nicht gleich.

Man sollte aber die Elite-Debatte in Deutschland wirklich gelassen sehen. Schließlich ist der Computer hierzulande erfunden worden. Von Konrad Zuse, einem, den man heutzutage wohl als “Bummelstudenten” bezeichnen würde. Die Z3 hatte er nur deshalb zusammengelötet, weil er zu faul zum Selber-Rechnen war und sein Vater ihm nicht erlaubt hatte, sein Bauingenieurs-Studium aufzugeben.

Der wohl bedeutendste Physiker – Albert Einstein – ist in Ulm geboren und hat in Deutschland geforscht. Alle Biographien weisen ihn als “mäßigen Schüler” aus mit durchgängig schlechten Zensuren in Sprachen und Geographie. Und in die USA emigriert ist er erst, als hierzulande ein elitäres Regime an die Macht kam.

Also man braucht sich, um den High-Tech-Standort Deutschland wirklich keine Sorgen zu machen. Der hat eine lange Tradition, ist fest etabliert und nähme wohl selbst dann keinen nachhaltigen Schaden, wenn einmal eine Zeit lang Westerwelle- und Schröder-Clones die Wissenschaftseinrichtungen bevölkern würden.

Allerdings – von wegen Globalisierung und so – auch andere Nationen haben ja ihre historischen Nicht-Eliten. Die USA etwa mit Thomas Alva Edison, dem wahrscheinlich genialsten Ingenieur aller Zeiten. Über seine Schulzeit berichtet der: “Ich war immer der Letzte in der Klasse. Ich hatte das Gefühl, mein Lehrer mochte mich nicht, und mein Vater meinte, ich sei dumm.”

Als ihn dann noch ein Lehrer einen “Hohlkopf” nannte, stand für ihn fest: “Ich werde nie mehr in die Schule gehen.” Der Rest der Success-Story ist bekannt.

Deshalb stellt sich schon die Frage: Was tun mit den allenthalben sich ausbreitenden Eliten?

Die Antwort findet man in Oxford, der ersten Adresse, wenn’s um Eliten geht. Nein, nicht im renommierten Christ Church College, wo die künftigen Führungseliten in der Halle unter dem Bild des Sklavenhändlers, Verfassungstheoretikers und Oxford-Absolventen John Locke speisen.

Die Antwort findet man dort in der Herrentoilette eines jeden Pub: “Elite” heißt die in Südengland marktführende Kondom-Marke. Und die könnte ja vielleicht wirklich verhindern, dass diese Plage sich ungehemmt vermehrt.

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