Desktop-Linux: In zwei Jahren soll es soweit sein

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Unterschiedliche, zueinander inkompatible Betriebssysteme im Unternehmen zu unterhalten kostet viel Geld. Demnächst sind Grundsatzentscheidungen fällig.

Für die Stadt München ist es beschlossene Sache, HP hat das erste Notebook unter Linux herausgebracht und die Handelskette Wal-Mart versucht, Linux-PCs als Massenware zu verkaufen. Die Vorboten einer Revolution auf dem Desktop oder nur der zum Scheitern verurteilte Versuch einiger Romantiker?
Eher letzteres, meinte Intels Vize-Chef Paul Otellini in einem dpa-Gespräch auf dem Intel Development Forum in San Francisco. Er kann “keinen starken Trend weg von Windows” erkennen. Zwar räumt er den oben erwähnten Projekten das Prädikat “interessant” ein, aber es seien wohl doch nur Einzelprojekte, keine Trendsetter. Die Domäne von Linux bleibe “auf absehbare Zeit” der Bereich Server und in Einzelfällen auch das High-End, wie zum Beispiel der neue Supercomputer der NASA, der auf SGI-Hardware mit (natürlich) Intel-Prozessoren basiert.

Zu einem anderen Ergebnis kommen die Marktforscher der britischen Butler Group in ihrer neuen Untersuchung: “Linux hat sich zu einer zuverlässigen, unternehmensreifen Umgebung entwickelt, die dazu fähig ist, technische und geschäftliche Anforderungen zu erfüllen, und wird in den nächsten Jahren den Markt für Betriebssysteme mit Microsoft teilen.” Das bezieht sich nach Ansicht der Experten sowohl auf den Server- als auch auf den Desktop-Bereich.

Die Butler Group sieht folgende Logik hinter ihrer Schlussfolgerung: Das IT-Management wird in nächster Zeit vor allem heterogene Umgebungen stärker unter die Lupe nehmen und dabei feststellen, dass die Verwaltung vieler, meist inkompatibler Betriebssysteme zu viel Geld verschlingt. Sie werde eine Grundsatzentscheidung treffen müssen, welches in Zukunft das dominierende Betriebssystem im Unternehmen sein soll.

Analysen über den ‘Total Cost of Ownership’ sehen mal Linux, mal Unix und mal Windows im Vorteil, je nach dem welche Art von Anwendungen gefragt sind. Inhomogenität sei aber immer ein belastender Kostenfaktor, und den zu eliminieren werde künftig eine sehr hohe Priorität beigemessen.

Fest steht, dass es eine durchgehende Plattform vom Server bis zum Desktop geben muss, um wirtschaftliche Effektivität zu erreichen – und hierbei hat Linux nach Ansicht der Marktforscher sehr gute Chancen, das Rennen zu machen. Das “Linux-Ökosystem” habe sich mittlerweile gefestigt über eine ganze Reihe von Distributionen, Hardware- und Softwarehersteller. Auch die Unterstützung von Firmen wie IBM, SAP oder Oracle mache Linux zur Alternative – jetzt auch auf dem Desktop.

Linux hat sich als zuverlässiges Arbeitstier im Serverraum seine Sporen verdient und ist im Bereich Desktop schon jetzt mit akzeptablen Standard-Anwendungen gut zu gebrauchen. In zwei Jahren etwa, wenn Microsofts XP-Nachfolger ‘Longhorn’ Marktreife erlangt, werde Linux auf dem Desktop eine gangbare Alternative sein.

Natürlich sei jede Migration, auch die auf Linux, mit sehr vielen Risiken verbunden. Was die Migration auf Linux aber dennoch lohnend erscheinen lässt, so der Bericht, ist dessen stark ausgeprägte Unabhängigkeit in Sachen Hardware. Es ist schon jetzt für praktisch alle auf dem Markt erhältlichen Mikroprozessoren präsent, vom Mainframe bis zu Handheld. Dieser Umstand werde in Zukunft eine noch viel stärkere Rolle spielen, vor allem in Hinblick auf die Hardware-Kosten. Durch die Verfügbarkeit von Anwendungen auf vielerlei Plattformen nämlich würden die Anwender ihre Hardware noch viel stärker nach den Gesichtspunkten Preis und Performance aussuchen können.

Vielleicht ist es diese Aussicht, die Otellini nicht so recht schmecken will. Insbesondere im Hinblick auf die Migration zu 64-Bit-Systemen könnte Intel der leidtragende sein. Hier ist die Schlacht noch nicht geschlagen, Intels Itanium-Prozessor kämpft immer noch um Anerkennung und die Konkurrenten AMD, IBM und Sun haben aggressive Pläne.