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In den Wirtschaftskommentaren dieser Woche ist das zur quasi offiziellen Schlussglocke für die Dot-com-Ära in Deutschland stilisiert worden.

In den Wirtschaftskommentaren dieser Woche ist das zur quasi offiziellen Schlussglocke für die Dot-com-Ära in Deutschland stilisiert worden. Zur etwas verspäteten Schlussglocke, denn das zugehörige Börsensegment – der Neue Markt – ist ja wegen Unseriosität schon im letzten Jahr dichtgemacht worden.
Vom Going-public der T-Online bis ganz zum Schluss gerechnet, hätte das Wirtschaften.com hierzulande demnach viereinhalb Jahre gedauert. Das hat man durchstehen können. Andere wirre Zeiten haben länger angehalten.

T-Online – so die Kommentatoren – sei das Vorzeigeunternehmen der hiesigen New Economy gewesen. Stimmt eigentlich. Was halt eine Epoche so vorzuzeigen hat, die die Wirtschaftswissenschaften vor allem mit Begriffen wie Burnrate – wie schnell das Geld naiver Anleger verplempert wird – und diverser ‘Ebs’ (Earing before …) bereichert hat. Wer jene mit realen Überschüssen verwechselt hat, dessen Erspartes wurde zum Opfer der mit Burnrate-Speed sich ausbreitenden virtuellen Flammen.

Die New Economy hat Grenzen überwunden. Jene zwischen Buchhalter und Buchmacher zumindest. Die des wirtschaftlichen Sachverstandes und des guten Geschmacks.

Auch kleinere Hürden hat die Dot-com-Ökonomie genommen. Hürden, die dem ehrbaren Verlagskaufmann der Old Economy noch unüberwindbar schienen. Etwa die Trennung von Redaktion und Anzeige.

Bei T-Online beispielsweise ist diese schon längst aufgehoben: “Ich hätte gerne ein Kind.” Britney Spears sagt es. Und das war diese Woche wohl eine Nachricht.

“Hilfe mein Handy bellt.” Das wiederum war keine Nachricht, sondern die Promotion für den Download von Klingeltönen für 1,99 €uro pro File. Der “Klingelton der Woche” ist übrigens passender Weise “Spiel mir das Lied vom Tod”.

“Anleger sollen besser geschützt werden” lautet eine pikante Headline im Wirtschaftsteil. Im zugehörigen Artikel allerdings geht’s dann nicht um’s geplante Going-private-again von T-Online, sondern um die Haftung von Managern bei groben Fahrlässigkeiten.

Darunter wird ein ‘Ratgeber’-Beitrag über “Ratenkredite mit Sofortzusage” angerissen: “Manche Träume können warten, andere nicht. Dann heißt es günstig finanzieren mit dem Postbank Privatkredit.” Gut, da ist es nun wirklich nicht schwer, draufzukommen, bei wem man auf der Site gleich “online abschließen” kann. Trotzdem hätte man halt in den etwas betulicheren Zeiten der Old Economy noch ‘Anzeige’ drübergeschrieben.

Das ZDF, das einem eher traditionell denkenden älteren Publikum verpflichtet ist und darüber hinaus ein bisschen Thomas-Gottschalk-geschädigt, hat denn auch seine Partnerschaft mit T-Online zum Jahresende aufgekündigt. Bild-Online natürlich nicht. Wieso auch?

“Oh tempora, oh mores”, entfährt es da, dem altmodischen Bildungsbürger. Und der Verfall der Sitten dürfte wohl zu dem wenigen Nachhaltigen gehören, das diese New-Age-Ökonomie mit sich gebracht hat.

Da sucht man doch Halt bei Beständigerem. Das findet man in der Heiligen Schrift, beim Evangelisten Lukas, in Kapitel 15. Dort werden die Gleichnisse “Vom verlorenen Schaf”, “Vom verlorenen Groschen” und “Vom verlorenen Sohn” geschildert.

Die würden doch eigentlich recht gut passen. Mit zwei kleinen Modifikationen: Aktuell ist es ja beleibe nicht nur ein Groschen, den die Schäfchen verloren haben. Und grammatikalisch korrekt umgesetzt, müsste man im Fall von T-Online auch nicht von einem verlorenen Sohn, sondern vielmehr von der quasi eine Zeit lang verlorenen Tochter einer Konzernmutter sprechen.

Aber sonst stimmt’s. Vor allem der Schluss, den die Wiedervereinten aus der ganzen Geschichte ziehen: “Lasst uns essen und fröhlich sein” (Lukas, Kapitel 15, Vers 23).

So wird man’s wohl im Hause Telekom halten. Und dafür gibt’s ja auch allen Grund. Die Mutter hat einen Teil des Risikos an die Anleger outgesourced und bekommt die T-Online-Aktien nach bestandener Gefahr zu einem Drittel des Preises zurück.

Ob das jetzt der Rendite entspricht, von der Lukas im Gleichnis “Von den anvertrauten Pfunden” spricht, ist angesichts der komplizierteren finanziellen Verhältnisse im Internet-Zeitalter schwer zu sagen. (“Herr, dein Pfund hat zehn Pfund eingebracht” – Kapitel 19, Vers 16.)

Aber ein schönes Sümmchen wird schon übrig bleiben. Und die Erkenntnis, dass das mit dem Vertrauen eine ganz schlechte Geschäftsbasis ist, zumindest die hätte man in der New Economy ja gewinnen können.

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