Eine große IT-Abteilung macht noch keinen Dienstleister

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Wenn Konzerne ihre IT-Töchter unter die Haube bringen, besteht die Mitgift oft nur aus Problemen

Ab 1. Januar ist die IT-Tochter der Westdeutschen Landesbank, West LB AG, de facto platt. Der Finanzdienstleister hat Hewlett-Packard (HP) als weltweiten IT-Partner gewählt, weil dessen Angebot zu einem günstigen Preis kam und der Outsourcing-Vertrag die Übernahme der verbliebenen 450 Mitarbeiter zum neuen Jahr inkludiert. Doch die Marktkonsolidierung unter den IT-Service-Häusern birgt auch Risiken für die, die übrig bleiben. Marktforscher und die BMW-IT-Tochter Softlab äußern sich dazu kontrovers.
Bereits 20 Übernahmen von deutschen IT-Töchtern hat es in den vergangenen Jahren gegeben. Zum Beispiel verkaufte die Deutsche Bank Sinius an Siemens Business Service (SBS), Rheinmetall gab Information Solutions an IBM ab, IT Schmidtbank ging an Accenture und gleich drei IT-Ableger der Drägerwerke an Capgemini. HP hat in diesem Jahr schon einmal zugegriffen und von Thyssen Krupp zu einem attraktiven Preis Triaton übernommen. Die RAG Informatik steht als Sonderangebot nach wie vor zum Verkauf.

Jetzt hat es auch die West LB Systems erwischt, wobei von den 1300 Mitarbeitern, die noch Ende vergangenen Jahres gezählt werden konnten, noch 450 hauptsächlich in Düsseldorf aber auch in London, New York und Tokyo beschäftigt waren. Einen Teil der Belegschaft hatte bereits T-Systems zu Beginn dieses Jahres übernommen, als vornehmlich der Mainframe-Betrieb zum Outsourcing-Fall wurde. Etwa 700 Mitarbeiter bleiben bei der West LB.

Nun wird HP die Applikations-Services liefern bis hin zu IT-Infrastruktur-Dienstleistungen. Dazu zählt die globale Betreuung der Desktops inklusive Mail-Systeme, Arbeitsplatztechnologie und Telefonie, der IT-Support der Handelsbereiche, das Management und der Netzwerkbetrieb sowie Teile der Anwendungsentwicklung. Dazu kommen Kunden-Support und Projekt-Dienstleistungen.

Sonderangebote auf dem deutschen Markt

Klaus-Michael Geiger, West-LB-Vorstandsmitglied, sagt dazu, was andere Führungskräfte in ähnlichen Situationen auch bekunden, wenn sie die Verantwortung abgeben: “Die Verlagerung der IT-Funktionen stellt einen weiteren Meilenstein in der Strategie der WestLB dar, sich künftig auf die Kernfunktionen unserer Bank zu konzentrieren.” Ein Unternehmenssprecher verrät jedoch, die Kooperation mit HP verspreche, dass eine hohe Summe eingespart werden könne. Der Vertrag wurde erst einmal für eine Laufzeit von fünf Jahren geschlossen und umfasst Dienstleistungen in Höhe von rund 500 Millionen Dollar.

“Jedenfalls gehört für IT-Dienstleister die Akquisition von IT-Töchtern deutscher Unternehmen gegenwärtig offensichtlich zu den interessantesten Gelegenheiten Outsourcing-Einkünfte und den Marktanteil zu vergrößern”, fasst Katharina Grimme, Director beim Analystenhaus Ovum in Deutschland die Situation für die potenziellen Aufkäufer zusammen. Dennoch verlaufe der Konsolidierungsprozess langsamer als erwartet oder erhofft.

Ein Grund mag laut Grimme darin liegen, dass sich die Transformation der ehemals firmeneigenen DV-Häuser zu einem zumeist international agierenden IT-Service-Anbieter als vertrackte Sache herausgestellt hat. Die Unternehmenskulturen passen nicht. Dazu kommen persönliche Vorbehalte, was die eigenen Karrierepläne oder die neuen Vorgesetzten angeht, oder schlichtweg Angst vor verlorenen Chancen und Sicherheiten. Die Ovum-Analystin bezieht sich etwa auf den Fehlversuch von EDS, den Aufkauf von Systematics zu integrieren. Es habe zu viele Überschneidungen gegeben. In Folge der Übernahme von Debis durch T-Systems haben 30 Prozent hoch qualifizierter Fachleute entschieden, zu kündigen, so Grimme.

Auch HP tue sich mit Triaton schwer. Zum Beispiel sei der ehemalige Geschäftsführer Peter Chylla nun verantwortlich für die HR-BPO-Abteilung von HP, die zwar wachse, aber nur 20 Prozent dessen einnehme, was Triaton erwirtschaftet hatte. Grimme erwartet das baldige Ausscheiden. Zudem entstamme Triaton der in Traditionen verhafteten  Stahlindustrie und solle sich nun als dynamischer internationaler Player der High-Tech-Industrie verstehen. Das passe nicht, zumal HP ohnehin nicht im Ruf stehe, mit Gewerkschaften und Betriebsräten auf gutem Fuß zu stehen.

Als Lehre aus diesen eher unglücklich verlaufenen Übernahmen sollten die potenziellen Aufkäufer ziehen, dass es mehr zu beachten gebe als einen verführerisch guten Preis, empfiehlt Grimme. So sei die Verschmelzung von Itellium mit einem mittelständischen Spieler wie Atos Origin schon deshalb risikobehaftet, weil die Zukunft des Versandhauses selbst in den Sternen stehe.

Softlab widersteht, Mummert fällt

Ovum zählt noch 60 IT-Tochterunternehmen, von denen die BASF IT, RWE Systems und RAG Informatic bereits zur Disposition stehen. Die Konzerne Bayer mit Bayer Business Services, VW mit Gedas und BMW mit Softlab dagegen haben sich zumindest vorläufig dafür entschieden, ihre IT-Dependancen zu behalten.

Softlab selbst beispielsweise beteiligt sich als Aufkäufer an der Konsolidierung des deutschen Service-Marktes. In diesem Sommer kaufte der Service-Anbieter das Beratungshaus Axentiv. Beim Oktober-Ranking der führenden Projektanbieter auf dem deutschen Markt von der Unternehmensberatung Pierre Audoin Consultants (PAC) liegen die Münchner damit nun auf Platz 16. Steria rückt übrigens mit der Übernahme von dem bisher eigentümergeführten Unternehmen Mummert Consulting auf Platz 13. Auf Platz 1 liegt mit großem Vorsprung IBM. Danach kommen SAP, T-Systems, Siemens Business Services (SBS), Accenture und HP (mit Triaton, aber ohne West LB Systems).

Während Mummert sich vom Platzen der Dotcom-Blase nicht erholen konnte und seit 2001 gegen sinkende Umsatzzahlen und operative Verluste kämpft, Pläne wie die Internationalisierung des Geschäfts und ein Börsengang scheiterten, gibt sich Softlab selbstbewusst und zuversichtlich. Um für die Softlab-Gruppe – außer Axentiv gehört zu Softlab auch Nexolab – zu werben, war das Unternehmen nach fünfjähriger Abstinenz in diesem Jahr mit einem eigenen Messestand auf der Computermesse Systems vertreten. Die Gruppe beschäftigt rund 1190 Personen, die 2003 einen Umsatz von 160 Millionen Euro erwirtschafteten. Zudem ist Softlab noch zu 50 Prozent an dem IT-Dienstleister F.A.S.T. beteiligt. Zirka die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet Softlab mit Dienstleistungen für das Mutterhaus, zum Teil in enger Zusammenarbeit mit den 2000 IT-Mitarbeitern, die der Automobilkonzern im eigenen Haus beschäftigt.

Doch war Softlab ursprünglich gar nicht als IT-Tochter zugekauft. Ende der 90er Jahre lautete das Schlagwort für Aufkäufe “Diversifizierung”. BMW hatte den Messtechnik- und Mobilfunkmarkt im Auge und kaufte 1989 etwa auch die Kontron Elektronik GmbH, die dann 1998 die Pforten schließen musste.

Vorsicht Schluckauf!

“Bei Aufkauf der Axentiv AG dagegen hat sich BMW herausgehalten”, verrät Thomas Siegner, Mitglied der Geschäftsleitung von Softlab. Der Konzern musste lediglich zustimmen. Er sieht keine Probleme, die durch den Neuerwerb entstehen können. Denn im Gegensatz zu anderen Übernahmen, bei denen Wackelkandidaten erst einmal saniert werden müssten, sei Axentiv gesund und prosperierend. Das Unternehmen, das von ehemaligen SAP-SI-Mitarbeitern gegründet wurde und in den vergangenen Jahren von vier auf 150 Beschäftige angewachsen war, habe sich in der Lücke zwischen strategischer Beratung und den SAP-Partnerschaften getummelt.

Hier sah auch die Softlab-Mannschaft Bedarf und in Axentiv eine Bereicherung des eigenen Portfolios. Zudem benötige ein Service-Anbieter einfach eine “kritische Größe”. Akquisitionen ermöglichten laut Siegner ein schnelles Wachstum, doch solle es auch wieder organisches geben, versichert er. 

Stärke zeige Softlab derzeit vornehmlich im Bereich Planung, so der Marketingleiter. Axentiv verstärke die Kompetenzen bei der Umsetzung. Seit neuestem kümmert sich Softlab auch eingeschränkt um den IT-Betrieb. Hier hat der IT-Dienstleister vor allem den Mutterkonzern als Kunden im Auge.

Dass die Nähe zu BMW andere Automotive-Kunden abschrecken könnte, befürchtet Siegner nicht. Er verweist auf den Axentiv-Kunden Porsche, die trotz der laufenden Verhandlungen mit Softlab noch einen Vertrag mit dem SAP-Beratungshaus eingegangen sind.

Das Softlab-Beispiel zeigt, dass die Entscheidungskriterien für eine Übernahme sehr individuell sein können. Die Ovum-Analystin Grimme sagt: “Der Entscheidungsprozess ist für alle Beteiligten komplex und der deutsche Enterprise-Markt ist generell nicht dafür bekannt, schnelle Entscheidungen zu treffen.” Die Konsolidierung werde fortschreiten, Outsourcing wird zunehmen, aber langsam – das ist ihr Fazit.