Freie Software ist längst kein Reizwort mehr

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Welche Chancen bringen Open Source und Outsourcing für die IT-Branche? Dieser Frage gingen Experten letzte Woche auf dem doIT-Kongress in Mannheim nach.

Der gezielte Einsatz von Open-Source-Software (OSS) hilft nicht nur beim Kosten sparen – das war das Fazit des doIT-Kongresses, der letzte Woche mit über 600 Besuchern in Mannhaeim stattgefunden hat. Unternehmen gewinnen zudem durch die intelligente Verknüpfung mit dem Outsourcing, vorausgesetzt sie integrieren ihre Partner längerfristig in eine serviceorientierte IT-Landschaft.
Der gezielte Einsatz von Open-Source-Software (OSS) hilft nicht nur beim Kosten sparen – das war das Fazit des doIT-Kongresses, der letzte Woche mit über 600 Besuchern in Mannhaeim stattgefunden hat. Unternehmen gewinnen zudem durch die intelligente Verknüpfung mit dem Outsourcing, vorausgesetzt sie integrieren ihre Partner längerfristig in eine serviceorientierte IT-Landschaft.

Für Unternehmen stehen heute kaum mehr ideologische Grabenkämpfe zwischen ‘kapitaler’ oder ‘freier’ Software im Mittelpunkt, wenn sie über den Einsatz von Open-Source-Produkten nachdenken. Die Firmenlenker handeln vielmehr pragmatisch und betrachten die damit verbundenen Kosten-Nutzen-Aspekte.

Daniel Riek, Solution Architect beim OSS-Dienstleister Red Hat in Stuttgart, räumt immer noch vorhandene Missverständnisse aus: “Open Source ist zwar frei von Lizenzgebühren, aber nicht generell frei von Kosten.” Der große Vorteil von OSS-Produkten liege darin, dass sich Kosten und Zeitaufwand für Updates und Patches, wie etwa bei Microsoft-Produkten, vermeiden ließen. Bisher beschränke die nur zyklisch nutzbare Software und unsichere Desktop-Umgebung den Aktionsradius der Anwender.

Mit ihren Problemen stehen die Unternehmen letztlich alleine da. Sie hängen am Tropf des Herstellers und haben kaum eine andere Wahl, als der vorgegebenen Taktfrequenz der großen Softwareanbieter zu folgen. Der von Seiten der Hersteller vorangetriebene Softwareeinsatz bringe für die Unternehmen meist keinen realen Zusatznutzen, argumentiert Riek. “Es geht darum, das Kräfteverhältnis zugunsten des Nutzers wiederherzustellen und serviceorientierte IT-Architekturen zu etablieren.” Jedoch sei dies angesichts der Monopolstellung großer Anbieter ein schwieriges Unterfangen.


Doch die Argumente pro Open Source stoßen offenbar bei immer mehr Unternehmen auf offene Ohren. “OSS stärkt nicht nur die Rechte des Nutzers, es begrenzt parallel dazu auch den Handlungsspielraum der Hersteller”, bringt Riek die Vorteile auf den Punkt. In der Wahl des geeigneten Betriebssystems oder bestimmter Applikationen sind OSS-Projekte wie SourceForge, Fedora, Debian und Kernel längst nicht mehr zweite Wahl.

“Wir bieten für zehn Prozent der Kosten rund 90 Prozent der Leistung”, argumentiert Thomas Schwartz, Geschäftsführer des Datenbankspezialisten MySQL in Stuttgart. Mittlerweile hält das Unternehmen bei webbasierten Datenbanken mit rund fünf Millionen OSS-Installationen einen weltweiten Marktanteil von 95 Prozent. Kunden aus dem Premium-Segment wie die HypoVereinsbank, Lufthansa und T-Systems würden mit MySQL bares Geld sparen. Denn der Markt proprietärer Lösungen ist nach Auffassung von Schwartz geprägt durch völlig überzogene und häufig unnütze Funktionalitäten. Deshalb ziehen es immer mehr Unternehmen vor, eigene Entwicklungen im Enterprise-Sektor voran zu treiben. “Und sie stellen dafür auch eigens OSS-Entwickler ein”, so Schwartz.

Die meisten Unternehmen setzen dabei OSS für “punktgenaue und kontrollierbare Softwareprojekte ein”, sagt Tobias König, Leiter Marketing & Vertrieb beim IT-Dienstleister ‘100 Days’ in Stuttgart. Das Unternehmen mit 30 Mitarbeitern hat als OSS-Spezialist in webbasierten PHP-Umgebungen bereits mehrere Projekte innerhalb der vertraglich definierten Laufzeit von drei Monaten implementiert, etwa bei Eurotaxx Glass ein Informationsmanagement-System zum Abgleich von über fünf Millionen Auto-Ersatzteilpreisen, oder beim Pharmahersteller Böhringer Ingelheim ein Content Management System, das als Schnittstelle zwischen Hersteller und Apotheke fungiert.

Derartige Referenzprojekte wie bei Böhringer Ingelheim ermöglichen nach Angaben von Tobias König eine sehr viel flexiblere Überwachung der Produktentwicklung bis zur Marktreife, zu wesentlich günstigeren Kosten in Unterhalt und Entwicklung. “Wir haben festgestellt, dass MySQL das genauso gut kann wie eine Oracle oder SAP”, so König.

Problematisch bei Open-Source-Produkten ist aber noch immer die rechtliche Absicherung. Zum einen, weil Softwarepatente generell kaum als probates Mittel taugen, um das geistige Eigentum der Unternehmen vor Missbrauch zu schützen. Zudem gilt es die Nutzungsrechte der einzelnen Communities und Partner zu vertreten beziehungsweise gegeneinander abzuwägen. Entsprechende Regelungen erfassen bisher kaum den schwierigen Übergang zwischen “proprietären” und “freien” Softwareanwendungen im Unternehmen.

Hier sei rechtlich noch vieles im Unklaren, erläutert Bernhard Hörl, Rechtsanwalt bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle in Stuttgart. “Die Anwender müssen mit steigenden Kosten für die Prüfung der unterschiedlichen dualen Lizenzmodelle rechnen.” Die Kosten eines OSS-Produkts auf möglichst viele Schultern zu verteilen und selbst Herr darüber bleiben zu wollen, sei ein illusorisches Unterfangen und funktioniere auf gar keinen Fall, gibt der Experte zu bedenken.

Zudem gilt es nicht nur, Nutzungsrechte sowie unterschiedliche Lizenzmodelle inklusive Support in Einklang zu bringen. Die Frage ist auch, inwieweit sich mit OSS der erweiterte Handlungsspielraum beim selektiven Outsourcing nutzen lässt. Experten sind sich zumindest darüber einig, dass Open Source und Outsourcing grundsätzlich gut zueinander passen, “vorausgesetzt man geht die Projekte nicht zu flapsig an, um Flops zu vermeiden”, sagt Herbert Engelbrecht, Partner bei der Unternehmensberatung Ernst & Young.