Mit Trommel- und Schellenklang

Enterprise

Ja, wo gibt’s denn sowas? – Auf der Hocketse (deutsch: Straßenfest) in Leinfelden-Echterdingen.

Einer Kleinstadt in Baden-Würtemberg, von der sich glückliche Menschen, die an schönen Plätzen leben, ebenfalls fragen mögen, ob sowas denn tatsächlich existiert. Dort geht’s noch richtig militärisch zackig zu, und zwar dann, wenn der Spielmannszug der örtlichen freiwilligen Feuerwehr auftritt.

So muss es sich angehört haben, als unsere Ur-Ur-Ur-Großväter mit Trommel- und Schellenklang 1870 in Frankreich eingefallen sind. So wie, wenn die Leinfelder Feuerwehr “No woman, no cry” spielt. Und “I did it my way”, ursprünglich dargeboten von Frank Sinatra, klingt bei den schwäbischen Hobby-Uniformierten ganz stark nach “Preußens Gloria”.

Ja, ja, typisch Militaristisches findet man im wesentlichen nur noch bei Spielmannszügen, Karnevalsvereinen, Aerobic-Kursen und unter Nordic Walkern. Überhaupt: Richtig Typisches ist selten geworden.

Typische Kommunisten beispielsweise. Damit die SPD wenigstens noch ein klein wenig vor der Gefahr von links warnen kann, musste sie sogar mit ihrem Ex-Vorsitzenden den letzten Sozialdemokraten an die neue Linkspartei abgeben. Ein smarter Anwalt und ein betulicher Professor wie Gysi und Bisky aus den eigenen Reihen der ehemaligen deutschen Kommunisten können brave Bürger schließlich wirklich nicht schrecken.

Dabei waren Kommunisten früher doch wirklich schrecklich. Nicht so sehr die richtigen als vielmehr die von Studenten gespielten, die K-Grüppler.

Alle K-Gruppen redeten vom Gleichen, aber jede in ihrer eigenen verquasten Sprache. Und an jedem “Positionspapier” war ein Abkürzungsverzeichnis angehängt: Da wurde dann erläutert, dass MSB für “Marxistischer Studentenbund” stand, KB für “Kommunistischer Bund”, SHB für “Sozialistischer Hochschulbund” AB für “Arbeiterbund zum Wiederaufbau der KPD” usw…

Und was für phantasievolle Namen die Vorfeldorganisationen hatten, die die K-Gruppen gründeten! Jene waren insoweit sehr praktisch, als dass da dann die jeweilige K-Gruppe, ihr Studentenverband und ihre Vorfeldorganisation pluralistisch diskutieren konnten, ohne dass deswegen gleich unpassende Meinungen aufkamen.

Das war schon sehr pittoresk damals. Aber K-Gruppen gibt es mittlerweile ja nicht mehr. Weshalb es sehr dankenswert ist, dass heute das Kapital in Form von IT-Konzernen derartige Pluralismus-Simulationen performt.

SCO etwa, die Firma, die behauptet ihr gehöre Linux, die hat für alle, die noch was mit ihr zu tun haben wollen, die ‘iXorg’ gegründet. Ihr gehören “unabhängige Berater” an, die ihre “Beziehung zu SCO festigen” wollen. Zu HP wiederum gehört die DEC-Anwendergruppe DECUS – eine “HP User Society”.

Und einen besonders prägnanten Namen hat die jüngste Vorfeldorganisation von IBM. Die heißt ganz martialisch Power.org. Das erinnert einen doch sehr an die wilden Zeiten an der Uni – wenn Vertreter von IBM und Power.org Podiumsdiskussion spielen.

Dabei fällt dann garantiert auch “BoD”. Davon redet auch HP, nennt es aber “Adaptive Enterprise”, weil jede Gruppe nun mal ihre eigene verquaste Sprache spricht.

Im Abkürzungsverzeichnis des entsprechenden “White Paper” wird dann aufgeführt, dass BoD für “Business on Demand” steht. Und vielleicht noch, dass MSB “Most Significant Bit” heißt und KB “Kilobyte”. Dass shb die Endung von Dateien ist, die ein Corel-Programm schreibt, a/b ein Digital-Analog-Wandler usw… Das Bizarrste aus den proprietären Welten der K-Gruppen existiert heute nur noch in IT abgebildet.

Und dann die Ökos aus den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In Baden-Württemberg kamen sie seinerzeit in Gestalt der dortigen Grünen zum ersten Mal in einen Landtag, weil sie da an die Tradition des Pietismus anknüpfen konnten. Im Kern ging es beiden – Ökos und Pietisten – um eine Art lustvolle Miesepetrigkeit, also darum, sich nur dann richtig gut zu fühlen, wenn es einem schlecht geht. So eine Haltung findet man heute nur noch selten.

Aber in der IT gibt es sie – in Organisationen, die by default “frei” im Namen tragen und ehrenwerte Anliegen haben. Für Open-Source-Software und gegen Überwachung treten sie beispielsweise ein.

Sie tun das allerdings so verbiestert, dass man fast schon wieder Sympathien für die Gegenseite entdeckt. Wie früher, als es einen nach dem Besuch einer biologisch-dynamisch wirtschaftenden Land-Kommune immer so nach einem billigen Schweineschnitzel aus dem Supermarkt gelüstete.

A propos Lust: 1951 wurde in Deutschland “Die Sünderin” mit der mehrere Sekunden lang nackigen Hildegard Knef in der Hauptrolle aufgeführt. “Heiligem Kampf sind wir geweiht” skandierend, randalierten damals katholische Fundamentalisten vor den Kinos.

Heute ist das nur mehr schwer vorstellbar. Aber es gibt sie noch, originär deutsche Fundamentalisten. So heißt die Apple-Anwendergruppe nicht etwa ganz profan User-Group, sondern MacGuardians. Klingt doch sehr nach…

Ist es aber nicht. Wenn man schon mal durch die Seiten jener MacGuardians gebrowst ist, dann weiß man, dass – relativ gesehen – die iranischen Revolutionswächter eigentlich ein ganz libertinärer Haufen sind.

Ach ja. Alle Absonderlichkeiten, die es hierzulande einmal gegeben hat, sie existieren heute nur noch in der IT. Bis auf den preußischen Trommel- und Schellenklang. Dafür braucht’s dann doch noch den Spielmannszug der Leinfelder Feuerwehr.

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