Ferien von der IT 05

Enterprise

Endlich Urlaub. Zwei Wochen lang keinen Computerei-Slang mehr. Nur noch Sonne, Strand und Meer, konkret: das Schwarze Meer.

Seltsame Völker haben sich darum herum angesiedelt. Sie alle wollen den Euro. Haben ihn aber noch nicht. Weshalb sie ihn beispielsweise zum Kurs von 1 : 35.000 Lei tauschen.

Es ist gewöhnungsbedürftig, an der Strandbar eine sechsstellige Summe für eine Flasche Wein hinzulegen. Man ist dann aber doch erstaunt, wie gut das menschliche Gehirn – trotz des ordentlichen Weins – Floating-Point-Berechnungen beherrscht.

Das einzige, was einen ärgert, ist, dass einem diese informationstechnischen Begriffe selbst beim Rotwein am Schwarzen Meer nicht aus dem Kopf gehen. Dabei hat jetzt doch Erholung – und nur Erholung – die höchste Priorität.

Aber eine entsprechende Scheduling Policy zu implementieren, gehört zu den allerschwierigsten Aufgaben. Pressemitteilungen von US-amerikanischen IT-Klitschen sprechen schon aus sehr viel geringerem Anlass von “most demanding tasks”.

Man versucht, einem Cache Flush und das System herunterzutakten. Jetzt bloß keine hektischen Gedanken mehr. Nur noch denkeln, wie’s Tucholsky formuliert hätte.

Denkeln ist schön. Und die fruchtbarste Form einer geistigen Betätigung. Das ist wie bei einem Mainframe.

Der befasst sich auch mit ganz komplizierten Dingen. – Deswegen heißt’s auch CISC (Complex Instruction Set Computing). – Und gelegentlich mal greift der gemächliche Prozessortakt ein Zwischenergebnis ab.

Einem PC hingegen wird sowas vier Milliarden mal pro Sekunde abverlangt: 4 Gigahertz legt man an deren CPUs an. Da kann ja nichts dabei herauskommen.

Mainframes allerdings sind selten geworden. Legacy halt. Früher gab’s mehr davon – im Rechenzentrums-Glashaus und im wirklichen Leben.

1966 etwa bekam Deutschland einen Wirtschaftsminister, der war Professor von Beruf. Dieser dachte gründlich nach, bevor er etwas sagte oder unternahm. Wie man es an der Universität eben so hält.

Der gegenwärtige Wirtschaftsminister hingegen war einmal Chefredakteur. Und noch immer handelt er so, als müsse er eben mal sein Blatt dicht machen. Man hat bei ihm wirklich nicht den Eindruck, er könne über den nächsten Andrucktermin seiner ehemaligen Tageszeitung hinausdenken.

Wenn  Professor Karl Schiller ein Mainframe war. Dann ist Wolfgang Clement ein PC. Aktionsware vom Aldi.
 
Die meisten Leute heute denken wie PCs, weil sie meinen, es zu müssen.

Dabei gehört es doch zu den schönsten Dingen im Leben, nicht zu müssen. Aber das wiederum ist eine Logik, die sich im menschlichen Gehirn nur sehr schwer persistent abspeichern lässt.

Ach ja, was man halt beim Rotwein am Strand so vor sich hin denkelt. Die Schöne mit den Administratorrechten initiiert derweil einen Interrupt.

Sie liest das Log-File der vergangenen Monate aus: Man dürfe sich nicht dauernd so viel Workload aufladen, bemängelt sie. Und man müsse sich auch mal um die Systempflege kümmern. Schließlich sei man ja auch schon im Legacy-Alter.

Und um das zu unterstreichen, merkt sie dann noch an, man sähe in Badebekleidung so aus, als wolle man das Fat-Client-Paradigma promoten. Doch, das sagt sie. Sie formuliert es allerdings ohne IT-Metaphorik. Sehr direkt halt.

Ja, sowas kommt vor zu Beginn einer geplanten Downtime (Urlaub). Bloß gut, dass das Work-around im System mittlerweile fest verdrahtet ist.

Und deswegen kann man sich rasch wieder seiner internen priority-based schedule zuwenden. Mustererkennung steht an, auch eine jener “most demanding tasks”.

Die läuft jetzt aber doch recht performant: Rotwein, der die zentrale Verarbeitungseinheit angenehm heruntertaktet, Wellenrauschen, dazu die Hitze, die immer wieder durchbricht, wenn der Wind vom Meer her aufhört und die Luft für einen Augenblick lang stillsteht, und der Geruch von Sonnencreme (Faktor 20) auf der Haut der Schönen.

Da gibt’s doch keinen Zweifel. 100 Prozent Übereinstimmung! Muster erkannt: Urlaub!

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