VoIP: Kosteneinsparung ist nur einer von vielen Vorteilen

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IP-Centrex, LAN-Telefonie oder umfassende Sprach-/Datenintegration auf einer Infrastruktur: Das Potenzial für Kosteneinsparungen ist groß.

Die wachsende Nachfrage nach Mobilfunk und VoIP bringt die klassische Festnetz-Telefonie in Westeuropa immer stärker in Bedrängnis. Davon ist zumindest das britische Marktforschungsunternehmen Disruptive Analysis überzeugt: Im Jahr 2010 sollen bereits mehr als 60 Prozent aller Ausgaben für Telefonate auf Mobilfunk- und VoIP-Services entfallen, schätzen die Analysten.

“In den kommenden fünf Jahren wird der Anteil der Gesprächsminuten via Handy und VoIP von derzeit 28 auf 45 Prozent steigen”, so Katrina Bondy, Autorin einer kürzlich erschienenen Studie. Die Internet-Telefonie werde im Jahr 2010 knapp 10 Prozent der Gespräche ausmachen, jedoch aufgrund günstiger Tarife nur mit 3,6 Prozent zu den Gesamtausgaben für Telefonie beitragen.

Der treibende Faktor sind breitbandige Anschlüsse: Seit kurzem überbieten sich Internet-Serviceprovider wie 1&1, Freenet, AOL oder Skype mit Dumping-Angeboten für DSL in Kombination mit VoIP und zwingen die Telekom und andere Carrier zu Preiskorrekturen nach unten.

30.000 IP-Telefone bei der Finanzverwaltung NRW

“Der Markt wird explodieren ab dem Moment, wo es möglich ist, über DSL den Internet-Zugang und Telefonie zu beziehen, ohne den alten Festnetzanschluss behalten zu müssen”, prophezeit Prof. Torsten J. Gerpott, Inhaber des Lehrstuhls Planung und Organisation an der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg. Dies hänge jedoch ab von der Entscheidung der Regulierungsbehörde über den so genannten Bitstrom-Zugang, die noch für dieses Jahr erwartet wird.

Während die Schlacht um den Privatkunden tobt, sind Hersteller von Netzwerkequipment wie Cisco zu Telekommunikationsspezialisten gereift – im Gegenzug haben TK-Anlagenbauer wie Tenovis gelernt, den Bedürfnissen ihrer Kunden nach IP-Telefonietechnik besser gerecht zu werden. Entsprechendes Equipment installieren Anbieter aus beiden Lagern einträchtig.

Ein schönes Beispiel hierfür ist die Finanzverwaltung des Landes Nordrhein-Westfalen. Dort startete das Rechenzentrum der Finanzverwaltung (RZF) 2001 eines der größten VoIP-Projekte Deutschlands. Bis heute wurden 10.000 IP-Telefone in 44 Dienststellen installiert. Weitere 20.000 folgen in den nächsten Jahren, so dass am Ende 30.000 Benutzer in 145 Dienststellen per IP-Telefon kommunizieren werden. Das Ziel: in ganz NRW zum Ortstarif telefonieren, sobald alle Dienststellen der Finanzverwaltung mit Voice-Gateways und IP-Telefonie ausgestattet sind.

Sprachqualität wie im klassischen Telefonnetz

Die Gesamtlösung setzt sich zusammen aus Call-Manager, Voice-Gateways und IP-Telefonen von Cisco, CTI-Server mit Vermittlungsplätzen und CTI-Partnerfunktionen von Telesnap, einem Unified Messaging System, sowie Gebührendatenverarbeitung von Avaya Tenovis, die außerdem als Systemintegrator für die VoIP-Lösung fungiert. Die softwarebasierten IP-Telefonanlagen laufen auf handelsüblichen Servern von Hewlett-Packard unter dem Betriebssystem Windows 2000.

Höchste Priorität für die Projektverantwortlichen haben die Qualität der Sprachverbindungen, die Sicherheit der Datenübertragung sowie Verfügbarkeit, Backup und Recovery der Systeme. Da es sich um IP-Telefonie in den eigenen, nicht öffentlichen Leitungen handelt, können die Experten des RZF eine Sprachqualität garantieren, wie die Benutzer sie von der klassischen Telefonie gewohnt sind.

Bei der Konzeption der Installations- und Betriebsverfahren nutzten die Fachbereiche des RZF die langjährigen Erfahrungen aus dem Server- und Netzbetrieb und übertrugen diese auf die Betriebskonzepte der IP-Telefonsysteme. Hierin sieht die Finanzverwaltung die entscheidenden wirtschaftlichen Vorteile: Während früher nur rudimentäres Telekommunikationswissen vorhanden war (der TK-Anlagenbetrieb war ausgelagert), fungiert das RZF heute nicht nur als IT-, sondern auch als TK-Provider.

Kostenersparnisse von 25 bis 40 Prozent

Von einem integrierten Sprach-/Datennetz auf IP-Basis versprechen sich Unternehmen laut einer Studie von Deloitte & Touche vor allem eines: Kostenersparnisse. Wie weit sich ITK-Ausgaben tatsächlich reduzieren lassen, zeigt eine Beispielkalkulation des RZF: Vergleicht man eine TK-Anlage für 1000 Teilnehmer mit einem IP-Telefoniesystem für 1000 Teilnehmer und rechnet dies hoch auf 30.000 Benutzer, ergibt das TK-Kosten von 25 Millionen Euro bei einer Laufzeit von zehn Jahren. Davon lassen sich mindestens 25 Prozent einsparen, meinen die Experten des RZF. Würde ein Unternehmen mit einer dezentralen Organisation alle Server zentralisieren, ließen sich bis zu 40 Prozent der Kosten einsparen.

Wie viele Unternehmen in Deutschland derzeit IP-Telefonie nutzen, ist nicht so leicht festzustellen. “Die Anzahl der VoIP-Kunden können wir nicht nennen”, heißt es unisono bei den Carriern mit entsprechenden Angeboten. Hersteller von IP-Telefon-Technik halten sich ebenfalls bedeckt. Cisco nennt zwar mehr als fünf Millionen verkaufte IP-Telefone weltweit, für Deutschland oder Europa werden die Zahlen jedoch nicht aufgesplittet.

Siemens hat nach eigenen Angaben aufgehört, IP-Endgeräte zu zählen. Das mache keinen Sinn, weil die Geschäftskunden unterschiedliche IP-Telefon-Varianten einsetzen würden.

Konzerne sind die Vorreiter

Etwas konkreter weiß Prof. Torsten J. Gerpott Bescheid: “Es dürfte eine Zahl von Arbeitsplätzen im oberen sechsstelligen bis niedrigen siebenstelligen Bereich sein, die mit IP-Telefonie im Geschäftskundenbereich bedient wird.” In einer Umfrage bei 130 der weltweit größten Unternehmen fand Deloitte & Touche heraus, dass 26 Prozent bereits VoIP am Desktop einsetzen, jedoch nur ein Drittel der Befragten das System allen Mitarbeitern zur Verfügung stellt.

Der wichtigste Grund für die Implementierung ist für 84 Prozent die Aussicht auf Kostensenkung. Und 79 Prozent derjenigen, die VoIP bereits einsetzen, sind mit der Technik bis jetzt “überwiegend zufrieden” oder “sehr zufrieden”. Deloitte empfiehlt, bei der Entscheidung für den Einsatz durchdacht vorzugehen und die Geschäftsführung zu beteiligen, um eine effiziente Nutzung zu gewährleisten.