Netzwerker!

Enterprise

Man merkt das jedes Mal wieder, wenn man sich im Internet auf die Suche nach einem schönen White Paper zu einem Netzwerkthema begibt.

Man merkt das jedes Mal wieder, wenn man sich im Internet auf die Suche nach einem schönen White Paper zu einem Netzwerkthema begibt.

Sowas geht man ja meist äußerst wohlgelaunt an. Denn das Networking ist eine ganz eigene und wunderbare Welt. Alles ist klar und wohl definiert. So, wie man’s gerne hat.

Bei netzwerktechnischen Fragen kann sich niemand aufplustern. Da ist alles eindeutig. Zuerst klärt man, um welchen logischen Layer des ISO/OSI-Referenzmodells es geht – Physical, Data-Link, Networking, Transport, Session, Presentation oder Application? – und dann, welches das zuständige Standardisierungsgremium ist.

Kein lautes Wort wird da fallen. Bei solchen Erörterungen kann niemand punkten, indem er die Backen aufbläst. Da zählt Wissen, nicht Selbstdarstellung.

Auf was aber stößt man im Web? Auf ein Buch Namens “Networking” von Christiane Öttl und Gitte Härter beispielsweise. Erschienen im renommierten Verlag Hoffmann & Campe.

Laut Inhaltsverzeichnis geht’s darin um: “Vielfältige Kommunikationswege”, “Die Auswahl des passenden Netzwerks”, um den “Exkurs: E-Mail” und den “Exkurs: Internet”. Wie nicht anders erwartet.

Etwas stutzig wird man beim Abschnitt “Mentoring”. Wobei: Man kann ja nicht jeden Anglizismus kennen.

Allerdings spätestens bei den Kapitel-Überschriften “Nur mal Hallo sagen” und “’Vitamin B’ – zu Unrecht verpönt” wird es einem dann klar: Das Networking, von dem da die Rede ist, hat weder mit ISO/OSI noch mit TCP/IP zu tun.

“Intelligentes Beziehungsmanagement ist… eine hervorragende Möglichkeit, um… Ihrer Karriere einen Schub zu geben”, klären die Autorinnen auf. Ja, ja, eine solche Haltung ist wohl noch weiter verbreitet als selbst das Internet.

Noch erschütternder ist es, wenn man “Netzwerker” bei Google eingibt. Robert Metcalfe, Vinton Cerf? – Fehlanzeige! Aber kaum eine PR-Agentur gibt es, die sich nicht so bezeichnet.

Einer der ersten bekannten Namen, auf die man stößt, ist Hans-Werner Sinn, “Deutschlands meist zitierter Ökonom”, wie es in seiner Selbstdarstellung heißt, die er sich von der Süddeutschen Zeitung hat verfassen lassen. “Der Netzwerker” ist sie überschrieben und steht auf der ifo-Site.

Doch, darin müssen wohl seine wahren Fähigkeiten liegen. Dass ein Leistungsbilanz-Defizit – i.e., wenn mehr Waren und Dienstleistungen im- als exportiert werden – auf die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der Volkswirtschaft schließen lässt, das haben Wirtschaftswissenschaftler ja schon vor Sinn gewusst.

Dass aber auch der Umkehrschluss zwingend ist, weil ein Leistungsbilanz-Überschuss definitionsgemäß ein Kapitalbilanz-Defizit ist, auf den Kniff ist erst der ifo-Chef gekommen. Also: Egal, was die drögen Rechenknechte vom Statistischen Bundesamt auch herausbekommen mögen, immer stellt sich die Frage: “Ist Deutschland noch zu retten?”

Und genau so heißt denn auch Sinns Buch. Man muss wohl schon ein echter Netzwerker sein, um mit solchen Analysen “Deutschlands meist zitierter Ökonom” zu werden.

Da sind einem fast die anderen noch lieber, die weniger Abstruses von sich geben und “nur mal Hallo sagen”.

Und jede Menge Seiten über die Netzwerker in der SPD listet die Suchmaschine. Das ist die Gruppierung, die man überhaupt nicht einordnen kann. Auf keinem Layer.

Nicht einmal, ob sie eher links oder rechts stehen, ist so recht klar. Oben halt – wollen sie sich am liebsten sehen.

Das Äquivalent bei der CDU heißt übrigens “Junge Gruppe”. Ein Name, für den man den Abgeordneten echt dankbar sein muss. Verzichtet er doch völlig auf sprachliche Anleihen aus der Technik, wo’s inhaltlich im wesentlichen um die eigene Karriere geht. Außerdem lässt er hoffen, dass zumindest das mit den aktuell zugehörigen Personen verbundene gesellschaftliche Problem ein temporäres ist.

Besonders oft trifft man bei der Suche nach dem White Paper auf den Namen Sigmar Gabriel. So heißt der Chef der SPD-Netzwerker.

Dem gehörte früher die Firma CoNeS – Communication, Network, Service. Die beschäftigt sich natürlich auch nicht mit Netzwerk-Technologien, vielmehr hat darüber VW die Abwahl ihres ehemaligen Aufsichtsrats als Ministerpräsident von Niedersachsen finanziell abgefedert. Völlig korrekt mittels eines Großauftrags, versteht sich.

Von einem sozialen Netz könnte man da eigentlich sprechen. Aber das geht nicht, weil’s dabei um viel mehr Geld ging. Und außerdem ist dieser Begriff heute nur noch negativ besetzt. Da würde sich ein moderner Netzwerker wie Gabriel sicherlich beleidigt fühlen.

Warum aber um alles in der Welt spammen solche Leute den Suchmaschinen-Index zu und nehmen für ihre Karrierebasteleien Begriffe aus der Datenkommunikation? Es gibt doch so viele andere passende Wörter im reichhaltigen Fundus der deutschen Sprache, für das was sie umtreibt: Klüngel, Bimbeswirtschaft, Seilschaften und Vetternwirtschaft – für Altphilologen: Nepotismus.

Gerne würde man da mal manuell einen Eintrag im Logfile der Nur-mal-Hallo-Sager machen – aus dem Manual des Christenmenschen, Sprüche Salomos, Kapitel 29, Vers 5 und 6: “Wer seinem Nächsten schmeichelt, der spannt ihm ein Netz über den Weg. Wenn ein Böser sündigt, verstrickt er sich selbst; aber ein Gerechter geht seinen Weg und ist fröhlich.”

Andererseits ist es ja mit den Gerechten und den Selbstgerechten so eine Sache: “Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner” (Lukas, Kapitel 18, Vers 12).

Warum sucht denn unsereins überhaupt nach White Papers im Netz? Doch wohl nur, weil ein ehemaliger Kollege – auch die machen ja Karriere – bei einem angerufen und gutes Geld geboten hat, damit man was schreibt. Einer von denen, mit denen man schon mal über Netzwerke diskutiert hat.

Auf die Idee, dabei gleich ein Netzwerk zu bilden, ist man seinerzeit allerdings nicht gekommen. Dies hätte dann auch schon ein selbstkonfigurierendes Netzwerk sein müssen.

Und das wiederum wäre für diese ganzen modernen Netzwerker auch technisch viel zu hoch.

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