Frühjahrs-Popkomm

Enterprise

Dass die CeBIT eigentlich eine Messe für IT-Professionals sei, stand am Dienstag drin. Schön, wenn einem sowas aufgeschrieben wird. Von alleine kommt man da nämlich wirklich nicht drauf.

Dass die CeBIT eigentlich eine Messe für IT-Professionals sei, stand am Dienstag drin. Schön, wenn einem sowas aufgeschrieben wird. Von alleine kommt man da nämlich wirklich nicht drauf.

Halbwüchsige soweit das Auge reicht. In Halle 25 beginnt gerade das “Intel Friday Night Game”. “Mega-Preise und heiße Babes” – kündigen es die Gamesnews des Entertainment Media Verlags an.

Und in Halle 6 bei Tobit Software steigt jeden Abend eine “Standparty mit DJ und GoGos”. So stellt man sich doch immer die Atmosphäre vor, in der IT-Professionals sich über kleinbedruckte Datenblätter beugen.

Wunderbare Rechner haben die Hersteller mitgebracht, NEC eine SX-8, den stärksten Vektorcomputer der Welt, und IBM einen Bluegene mit 2500 Prozessoren, ein Stück vom derzeit mächtigsten Number Cruncher. Aber die interessieren kaum jemanden. Das am stärksten präsente Gerät ist vielmehr Apple’s iPod.

Die Messelandschaft hat sich gewandelt. Das Centrum für Büro- und Informationstechnik ist zu einer Art Frühjahrs-Popkomm mutiert.

Den Ton gibt die Entertainment-Industrie an. Die ist übrigens auch sonst recht quick.

Nach der Gründung der ersten deutschen Universität dauerte es noch 400 Jahre, bevor mit Dorothea Erxleben eine Frau in Medizin promovieren durfte – mit einer Ausnahmegenehmigung Friedrichs des Großen. Und erst 160 Jahre nach ihrer demokratischen Verfassung führten die USA das Frauenwahlrecht ein.

Aber bereits im Jahre 7 nach Napster proklamiert die “Initiative Zukunft Kino Marketing” die völlige Gleichberechtigung auf dem Gebiet des Filesharing. “Auch Raubkopiererinnen sind Verbrecherinnen” heißt deren jüngster Anti-MPEG-Klau-Slogan. Geschmackvoll und stilsicher, wie man es von dieser Initiative gewohnt ist, hat sie ihn am Dienstag präsentiert – zum Weltfrauentag.

Jugendidole sind zur CeBIT gekommen! Trekstor hat Oliver Geissen mitgebracht. Das ist der, der Nachmittags mit seinen Vaterschaftsshows auf RTL pubertierende Youngsters vom Hausaufgaben-Machen abhält.

Der – laut Pressemitteilung von Trekstor – “beliebte Moderator” klärt seine – meist sichtbar sozial deklassierten – Studiogäste mit Vorliebe darüber auf, dass Alkoholkonsum keine Entschuldigung für sexuelle Untreue ist und dass bei letzterer ohne Verhütungsmittel auch Kinder entstehen können. Und vor einem feixenden Publikum präsentiert er dann das Ergebnis der jeweiligen DNA-Analyse.

Für ältere Herrschaften, die unter Schlafstörungen leiden, werden die Sendungen auch nachts wiederholt. Sind wirklich sehenswert. Zeigen sie doch, dass es zur Verletzung der Privatsphäre keine RFID-Chips, Key-Logger und Tojaner braucht. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür sind vielmehr Naivität auf Seiten der Betroffenen und die Skrupellosigkeit der Macher.

Der Trekstor-Mann Geissen ist ein echter Experte. Mit so einem würde man doch gerne mal über Speichervirtualisierung, SAN-Filesysteme, Snapshot und Disaster-Recovery fachsimpeln.

Für O2 ist Franz Beckenbauer hier, früher mal ein Jugendidol und heute der Generalist unter den Experten. Der Franz kennt sich mit allem aus.

Nicht nur, dass er über ein größeres Fachwissen in Sachen öffentlich diskutierter Vaterschaften verfügt als selbst Oliver Geissen. Er hat auch das in der IT ubiquitäre Transparenz-Prinzip auf die ultimative Formel gebracht: “Ich muss nicht wissen, wie es funktioniert. Ich muss nur wissen, dass es funktioniert.” Damals, als er noch für Mitsubishi-PCs geworben hat.

Darüber hinaus ist er ein ausgewiesener Gegner der Netzwerkkonvergenz, die Security-Leuten heute Kopfzerbrechen bereitet – und glänzende Geschäfte verspricht. Lange vor den ersten Handy-Viren – die rechtzeitig zur CeBIT in the wild aufgetaucht sind -hat der Franz schon gesagt: “Ich bin froh, dass ich mit einem Handy telefonieren kann. Alles andere lehne ich ab.”

Der Mann ist ein Gewinn für die Messe. Was aber soll man mit dem anderen O2-Experten erörtern? Dem 50jährigen Teeny-Idol Dieter Bohlen aus “Deutschland sucht den Superstar”.

Ach ja. Man sollte nicht so hochnäsig sein. Längst nämlich schon ist das Kinderzimmer und nicht mehr das Rechenzentrum der Innovations-Fokus der IT.

Man merkt’s, wenn man sich einen dieser Flachbildschirme zulegen will, die zusammen mit MP3-Playern und Multifunktions-Handys Ausfallsicherheit und Skalierbarkeit als CeBIT-Themen abgelöst haben. “Gamer?”, fragt in so einem Fall der meist jugendliche Verkäufer.

Man sollte dann den vermeintlichen Rotzlöffel nicht anraunzen, dass man zwar an der Schwächung des Augenlichts, verursacht durch jahrzehntelange Bildschirmarbeit, nicht aber an kindlicher Regression leidet. Will einem doch der fürsorgliche, junge Mann nur sagen, dass wenn man am Rechner nicht spielt, sondern nur arbeitet, es dann auch ein preiswerter Monitor mit etwas höherer Reaktionszeit tut.

Teure Hightech-Geräte brauchen nur die Kids. Die sind denn auch sehr von dem “Traum-PC” angetan, den der Motherboard-Hersteller ABIT in Halle 23 zeigt. Dank Wasserkühlung kann der Pentium-3,8-Gigahertz-Chip auf über 5 Gigahertz hochgetaktet werden.

Für ältere, betulichere Menschen reicht hingegen durchaus so ein kostengünstiger und vielbeachteter “Deutschland-PC” aus, den Fujitsu-Siemens auf der CeBIT vorstellt. Wahrscheinlich um damit gegen die anderen beiden hiesigen IT-Größen Aldi und Lidl konkurrieren zu können.

Also man fühlt sich da manchmal doch etwas deplaziert auf der CeBIT. Sowas Ähnliches geht ja auch den intelligenteren von Oliver Geissens Studiogästen am Ende ihres peinlichen Auftritts auf, dass sie irgendwie doch auf der falschen Veranstaltung waren.

Und – wer weiß – vielleicht ist der “beliebte Moderator” ja auch deswegen nach Hannover gekommen – um die Fehlgeleiteten – so, wie er’s immer auf RTL tut – kommenden Mittwoch am Ausgang West 1 zu verabschieden und ihnen das einzig Tröstliche zu sagen, was man solchen Leuten sagen kann: “Schön, dass Ihr da gewesen seid.”

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