Zeitreise

Enterprise

Recherchieren, formulieren, auf Presseempfängen rumstehen und Rotwein trinken – das Leben eines Journalisten ist vor allem eins: Mühe und Last.

Die härteste Selbstkasteiung aber, die man sich auferlegen kann, ist: sein Arbeitszimmer aufzuräumen.

Nicht etwa, dass das so dröge wäre. Im Gegenteil. Es wühlt einen völlig auf. Oder anders ausgedrückt: Es tut einfach nur weh – sein persönliches zeitgeschichtliches Museum zu großen Teilen in die Abteilungen Altpapier und Sondermüll zu zerlegen.

Aber so ist nun mal der technische Fortschritt. Die Digitalisierung verwandelt wertvolle Arbeitsutensilien von einst in kurios anmutende Gegenstände. Und beim Anblick eines jeden möchte man ausrufen: “Damals – was waren das doch für Zeiten …”

Da werden Erinnerungen wach! Und eine flauschige – zeitliche Distanz signalisierende – Staubschicht sorgt dafür, dass jene nicht gar zu realistisch und damit unangenehm werden können.

Die Ausrüstung des ehemaligen Fotolabors etwa hat sich so in ein mildes Grau eingekuschelt. Belichter, Entwicklerdose, die Wannen für Stop- und Fixierbad und Fotopapier in fünf Gradationen.

Die Chemikalien haben Farbe angenommen, seit sie vor mehr als einem Jahrzehnt ein letztes Mal benutzt wurden. Sie sind jetzt nicht mehr wässrig-durchsichtig, sondern dunkelbraun.

Von Kodak stammen sie, dem Konzern, der vergangenen Monat die Produktion von Chemikalien für Schwarz-Weiß-Fotos eingestellt hat. Einen Verlust von 140 Millionen Dollar hat er im abgelaufenen Quartal gemacht.

Das Papier ist noch von Agfa hergestellt worden. Von diesem Unternehmen weiß man noch nicht so genau, ob es vor kurzem einen betrügerischen oder einen ganz ordinären Konkurs hingelegt hat.

Angesichts von Digitalkameras mit über zehn Megapixeln sind diese Arbeitsmaterialien Zeugen längst vergangener Zeiten des vorigen Jahrtausends. Und Geschichten können diese Dinge erzählen!

Hierbei ist die wahre Geschichte eher unromantisch. Die handelt davon, dass der Lebensunterhalt eines freien Journalisten mit 35 Pfennig pro Zeile, die man seinerzeit von der Lokalredaktion bekam, nur sehr schwer zu bestreiten war.

30 Mark pro Foto leisteten da schon einen erklecklicheren Beitrag. Diesem schnöden Umstand verdankt das Fotolabor seine Existenz.

Sehr viel hübscher ist dagegen die Story von den samtig weichen Streichelhänden, für die die ansonsten stahlharten Journalisten zu der Zeit auch bei den allerschönsten Frauen sehr beliebt waren. Die geht so: Um Fotos durch die Chemikalienbäder zu ziehen, gab’s zwar Zangen. Aber sowas nahm ein stahlharter Journalist natürlich nicht.

Sondern die Finger. Deren raue Hornhaut er sich daher ständig abätzte und so zu samtig weichen Streichelhänden kam.

Für Digitalfotos sind keine Chemikalien mehr nötig. Und für die Nachbearbeitung genügt ein bisschen Software.

Damit lässt sich sehr viel machen. Deshalb sieht Angela Merkel in jüngster Zeit – seit sie sich anschickt, Kanzlerin zu werden – in Zeitschriften immer so aus, als sei sie für Vogue abgelichtet worden.

Macht wird nun mal gerne geschönt. Auch der Weichzeichner gehört zum harten journalistischen Geschäft.

Dunkelkammerlampe, Entwicklerbad und Gradationskurven braucht man heute nicht mehr dafür. Es ist schon sehr viel bequemer geworden.

Aber was ist Bequemlichkeit gegen die Geschichte von den samtig weichen Streichelhänden! Diese ist übrigens nicht ganz so wahr wie jene vom kargen Zeilenhonorar. Aber halt sehr viel schöner.

Wegen solcher Geschichten zieht sich das Aufräumen des Büros immer so hin. Und nur unter Auferbietung aller Nüchternheit, zu der man überhaupt fähig ist, gelingt es einem, sich von Arbeitsmaterialien und -geräten zu trennen, die die Digitalisierung zu Gelumpe hat werden lassen.

Nächste Woche kommen dann die Tonbänder dran. Das wird noch einmal richtig hart. Weil: Da werden die Erinnerungen besonders lebendig.

O-Töne von Konrad Zuse müssten noch auf einem Tape sein. Wie der erzählt, dass er als Bauingenieursstudent keine Lust zu Selber-Rechnen hatte und deshalb den Computer erfand.

Das muss man sich mal vorstellen! Heute würden Semestergebühren so einem sehr schnell die Flausen austreiben. Dann würde er sich auf seinen Hintern und an den Rechenschieber setzen.

Und Interviews mit dem seinerzeitigen Ministerpräsidenten von Niedersachsen könnten noch existieren, aufgenommen am Rande der CeBIT. In einem postuliert er, das wirtschaftpolitische Handeln des Staates müsse “hochrational” sein. Er wird es wohl vergessen haben, als er seinen nächsten Job angenommen hat.

Die Frage nach den Rüstungsexporten, befand er übrigens, die sei “falsch”. Darin unterscheiden sich ja deutsche Politiker von US-Managern.

Letztere sagen “excellent question”, wenn sie nach etwas gefragt werden, was nun wirklich nichts mit ihrer aktuellen Werbebotschaft zu tun hat. Und während dessen denken sie einen Moment lang nach, wie sie es doch noch so hindrehen können, dass es auf ihre Message rausläuft.

Deutsche Politiker sind nicht so smart. Die empfinden es schlicht als falsch, wenn sie etwas gefragt werden, was sie nicht gefragt werden wollen.

Am konsequentesten war diesbezüglich der damalige Ministerpräsident des Saarlandes. Der beschied den völlig verdatterten Jungreporter einfach, er solle die “falsche” Frage noch einmal korrekt stellen.

Auch dieses Band sollte sich doch noch finden. Der Jungreporter hatte wissen wollen, wie der Sozialdemokrat das Lob seitens der Wirtschaftsverbände empfinde, nachdem er den Gewerkschaften geraten hatte, bei der 35-Stunden-Woche doch auf den Lohnausgleich zu verzichten. – Zeiten waren das!

Der Reporter ist heute nicht mehr jung. Und das Benehmen Oskar Lafontaines dürfte sich seither nicht wesentlich gebessert haben. Vor allem aber wird jener heute von keinem Wirtschaftsverband mehr gelobt. Obwohl er doch derjenige ist, der sich am wenigsten geändert hat.

Es muss an den Zeiten liegen. Die haben sich geändert. Und da ist es doch wunderschön, dass man dank der modernen IT ein bisschen was von früher digitalisieren kann. Und es archivieren für später.

Denn die Zeiten werden sich weiter ändern. Und nicht jede Veränderung ist so angenehm wie die der Fotographie.

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