Forscherin: Telcos missbrauchen Architektur des Internets

EnterpriseMobile

Alles für die eigene Monopolstellung und nichts für den Fortschritt – dies harte Urteil fällt eine junge Berliner Wissenschaftlerin über Telekom & Co.

Der eine will die Regulierung stoppen, der andere den Fortschritt der Technik gleich ganz aufhalten: Netzbetreiber sind die größten Feinde der Innovation und sollten an diesem Tun soweit wie möglich gehindert werden. Das ist die Ansicht von Barbara van Schewick, Wissenschaftlerin an der Technischen Universität Berlin (TUB). Das Verhalten der großen Kommunikationskonzerne ist ihrer Ansicht nach überhaupt nicht mit der Entwicklung von Netzen und allen voran des Internets zu vereinbaren.

Einerseits geißelt sie den hinlänglich bekannten jüngsten Vorstoß der Deutschen Telekom AG, die ihren Netzausbau für Breitband an eine dreijährige Freistellung von jeder Konkurrenz koppeln will. Dies könnte sich ihrer Meinung nach als Hemmschuh für Innovationauswirken. Das sei zutiefst dem Sinn der Technik widerstrebend. Noch sei das Internet mit Entwicklungen wie E-Mail oder Internettelephonie ein “Tummelplatz für Innovationen”. Doch die Offenheit der Übertragungsnetze droht ihr zufolge ins Wanken zu geraten.

Sie führt in ihrer Arbeit ‘Architecture and Innovation: The Role of the End-to-End Arguments in the Original Internet’ ein zweites Beispiel an: Die britische Firma Vodafone ist eine Ausgründung eines Energieunternehmens und hat sich ab 1984 gleich auf Mobilfunk spezialisiert. Sie trägt also kein Erbe als Netzbetreiber im Festnetz oder als Staatskonzern mit sich. Dennoch verhält sich das Unternehmen, van Schewick zufolge, als Bremse. Beispielsweise spekuliere die Firma sehr deutlich damit, Voice over IP (VoIP) im drahtlosen Bereich zu untergraben.

Sie bezieht sich damit auf ein Angebot des Konzerns vom Sommer. Danach soll ein ultraschnelles UMTS-Angebot als Flatrate dafür sorgen, dass die Kunden lieber bei Vodafone telefonieren, als die sich immer mehr ausbreitenden WiMAX-Netze und ihre günstigen, konvergenten Angebote zu gebrauchen. Die sind aber ein Garant für IP-Datenübertragung im öffentlichen drahtlosen Netz und damit auch für kommende Geschäftsmodelle auf IP-Basis, meint die Wissenschaftlerin. Also verhält sich demnach das Flatrate-Angebot als Innovationshemmer. Als Beleg dafür gilt ihr, dass Vodafone in einigen Mitteilungen rund um das Angebot sogar regelrechte ‘IP-Filter’ anbietet. Genaueres ist dazu noch nicht zu erfahren, aber für van Schewick liegt der Fall klar: ” Vodafone spekuliert über die Sperrung von Internet-Telefonie-Signalen im UMTS-Netz.”

Die Informatikerin und Juristin hat zunächst am Internet selbst nachgewiesen, dass eine Vielzahl der Innovationen auf der Architektur des World Wide Web beruht. Sie hat die Theorie, dass die Vielzahl der Innovationen im Internet kein Zufall ist, sondern in der Struktur liegt. Damit, dass die Internet-Architektur auf dem Design-Prinzip ‘End-to-End Argument’ beruht, will sie diese Theorie belegt haben. Das heißt, dass Anwendungen wie etwa ein Internet-Browser auf dem heimischen PC laufen. Das Netzwerk sorge lediglich für die Übertragung der Daten; es könne nicht erkennen, welche Anwendungen gerade laufen.

Inzwischen werde jedoch von der ursprünglichen Architektur abgewichen, moniert sie. So benutzten Netzwerkbetreiber verstärkt Technologie, die es ihnen ermöglicht, zwischen Anwendungen zu unterscheiden und ihre Ausführung nach eigenem Gutdünken zu beeinflussen. Bestimmte Anwendungen könnten ganz ausgeschlossen werden oder ein Netzwerkbetreiber verlangsamt die Anwendung eines Konkurrenten, ohne dass die Kunden davon etwas ahnen. Sie belegt dies mit dem anonymisierten Fall eines IP-Telefonieanbieters in den USA.

Die Gefahr für die Nutzer und die Technik besteht darin, so Schewick, dass die Kontrolle des Netzes durch die Betreiber dazu führe, dass einige Anwendungen vom Markt gedrängt werden oder gar nicht erst auf den Markt kommen. Für Netzwerkbetreiber könne das zwar durchaus kurzfristig lukrativ sein, doch für unabhängige Entwickler werde es schwerer, leicht und billig Innovationen zu vermarkten. Damit sinke folglich der Anreiz, überhaupt an innovativen Anwendungen und Produkten zu forschen. Neuerungen würden demnach ausbleiben, da ein möglicher Siegeszug einer Technik schwer planbar sei.

“Die Offenheit der Netze ist daher die Grundvoraussetzung, um weiterhin eine Vielfalt von Innovationen im Internet zu ermöglichen. Das Internet steht nun am Scheideweg. Wettbewerb alleine ist nicht die Lösung. Es geht darum, welche Architektur sich in Zukunft durchsetzen wird”, zieht Barbara van Schewick Bilanz.

Doch in den USA, dem Ursprungsland des Internets, sieht sie einen Hoffnungsschimmer: Dort gebe es zunehmend eine öffentliche Debatte über dieses Thema. Forscher, Politiker, Unternehmen sowie Interessenverbände von Konsumenten und Bürgerrechtlern fordern die zuständige Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC) auf, die schon verloren gegangene Neutralität des Netzwerkes durch Regulierung der Netzbetreiber wiederherzustellen. Barbara van Schewick hat deshalb auch in den USA mehr Interesse an ihrer Arbeit und ihren Ergebnissen fest gestellt, als hierzulande. Doch sie will am Ball bleiben.