Das Ende der IT

Enterprise

Der Untergang kommt vorzugsweise in Frauengestalt daher. Als Medusa, Loreley – oder IFA.

“Miss IFA” ist die Avatarin im Web-Auftritt der gleichnamigen Messe. Schon seit einigen Jahren. Und in der Zeit ist sie ganz offenkundig schön und erwachsen geworden.

Früher war die pixelige IFA – damals noch ohne “Miss” – eine Art adoleszenter Göre, ein Messemaskottchen halt, virtuell im Alter der unmündigen Hauptzielgruppe. Inzwischen aber haben die Berlin-Vermarkter sich für sie die phantasievolle Bezeichnung “Key Visual” einfallen lassen und sie neu gestylt: rote Haare, tiefgründige grüne Augen und ein Mund, der stets einen winzigen Spalt geöffnet ist.

Vor wenigen Jahren noch verbreitete sie Unbeschwertheit, Fun und den Duft von Clerasil. Den konnte man selbst im Web deutlich riechen. Heute umgeben sie eine Business-Atmosphäre und der Hauch von Chanel No 5. Doch, auch den kann man über TCP/IP wahrnehmen.

Diesen Frauentyp zeigen IT-Firmen gerne vor, um zu demonstrieren, dass es sich bei ihnen um zivilisierte Institutionen handelt, denen Gleichberechtigung ein Anliegen ist. Und wenn die Betreffende gerade kurz das Zimmer verlassen hat, dann kann man ja trotzdem mal anmerken – unter uns, meine Herrn – dass sie dennoch auch was für’s Auge hergibt. Oder?

So isses Business. Was befremdet, ist nur: Was tut die elegante Schöne auf einer Gadget-Show wie dieser popeligen Berliner Consumer-Messe? Und noch was: Microsoft und Intel sind ebenfalls in Berlin vertreten, die incorporierten Trüffel-Schweine der Branche. Sollte sich da mal wieder ein Paradigmen-Wechsel abzeichnen?

Er zeichnet. Am deutlichsten gespürt haben das wohl die Entwickler in den IBM-Labors. Die haben für Sonys nächsten Spielzeug-Computer, die Playstation 3, einen Prozessor designt.

Der heißt Cell. Und als er fertig war, sind die Entwickler draufgekommen, dass man damit auch die Leistungsfähigkeit von IBMs Servern, Workstations und Supercomputern erheblich steigern kann. Ein Performance-Schub, der aus dem Kinderzimmer kommt.

Gartners Chip-Analyst Jim Tully meint sogar, Unternehmens-IT sei technologisch langweilig. Statt dessen werde die Unterhaltungselektronik zunehmend zur treibenden Kraft in der Halbleiter-Entwicklung.

Also da hätte IBM doch schon drauf reagieren können. Zumindest beim Namen von Microsofts Spielekonsole hätten alle Alarmglocken läuten müssen: Xbox 360!!!

Männer in Blau! – Frauen lassen sich ja bekleidungsmäßig nur ungern einengen. – Also: Männer in Blau, bei euch gab’s doch auch mal ein System Namens 360. Da ist doch klar, auf was das hinausläuft: Jemand will einen Markt aufrollen.

Trotzdem ist IBM nicht auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Was wahrscheinlich an der eigenwilligen Arbeitsteilung in dem Konzern liegt. Dort entwickeln die Leute in den Labors immer irgendwelche Lösungen. Und die auf der Chefetage erfinden dann unpassende Probleme dazu.

So war’s, als Mitte der 90er Jahre die Ingenieure im Böblinger IBM-Labor die auf die S/360 folgende übernächste Mainframe-Generation statt mit veralteten bipolaren Chips mit modernen CMOS-Bausteinen ausstatteten. Das war eine Lösung. Made in Germany. Eine, die dem Konzern viele Milliarden Dollar einbrachte.

Der damalige Chef wiederum, ein gewisser Hans-Olaf Henkel, entdeckte zu der Zeit gerade die Standortfrage. Dass das hierzulande ein Problem sei. Allerdings wohl keins, das so recht zu dem passen wollte, was sich in seinem hiesigen Labor tat.

Vielleicht hat ja wieder einer im blauen Nadelstreif so ein Problem erfunden. Und der Prozessor-Lieferant der drei marktführenden Konsolen-Hersteller Microsoft, Sony und Nintendo ist deswegen nicht in Berlin.

Aber es ist ja auch viel schöner im Böblinger Labor des ehrwürdigsten aller IT-Konzerne. Dort trifft man auf altmodische Männer in der Altersgruppe von Rechenzentrumsleitern, die viel zu bedächtig handeln, als dass sie ein Action-Game auf einer Konsole spielen könnten. Überhaupt ist denen noch eine Konsole ein Gerät zur Administration eines Mainframe. Mit klugen, alten Männern hat man es dort zu tun, die sehr, sehr viel wissen.

Und ihre Mobiltelefone sind ausgeschaltet, wenn man mit ihnen konzentriert und mit leiser Stimme über so wunderbar komplizierte Dinge wie LPARs (logische Partitionen), ein global shared Memory und Hypersockets spricht. Dinge, die sonst kaum jemanden interessieren. Vor allem nicht die Wohn- und Kinderzimmerausstatter in Berlin. Aber so ist die IT: kompliziert und schön!

Und dann erklärt ein besonders kluger alter Mann noch, das Schwierigste überhaupt, das sei die Berechnung der Software-Gebühren über den Licence-Manager und die zAAPs eines Mainframes (z/Series Application Assist Processors). “Das ist fast so kompliziert wie eine Handy-Abrechnung”, pointiert er.

Das erschreckt einen dann doch. Sind wir schon soweit gekommen, dass das Handy den Mainframe als Maßstab für Komplexität abgelöst hat? Es hat. Die Gadgets sind ganz offenkundig in die ureigenste Domäne der IT eingedrungen: die Kompliziertheit und die Unverständlichkeit. Was bleibt da noch von der richtigen Computerei?

Erst die seriös gewordene Miss IFA und der Gartner-Apokalyptiker. Und dann auch noch das. Wenn das kein böses Omen ist!

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