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Auch das noch! Wikipedia hat einen Preis bekommen – ist jetzt also quasi award winning.

Mit diesem Attribut belegen ja für gewöhnlich bemühte PR-Agenturen die auch mal nicht so sehr gängigen IT-Produkte ihrer Kundschaft. Wenn man sonst nichts über ein Stück Hard- oder Software oder einen Dienst sagen kann: “award winning” geht immer.

Und besonders fies ist, welche Auszeichnung den Internet-Enzyklopädisten am Wochenende auf der Berliner Funkausstellung verliehen worden ist: der “Digital Lifestyle Award”.

Google – wie Wikipedia ebenfalls eine sehr schöne Site – listet unter dem Suchbegriff “Lifestyle” – deutsch: Lebensart – Online-Shops auf, die Humidore (Feuchtschränke für Zigarren), Trendsportgeräte, Accessoires, “assorted gadgets and gizmos” (ausgewählte Gerätchen und Dingsbumse), Brustwarzenpiercing und Klingeltöne feilbieten.

Und die mit dem zweifelhaften Preis Bedachten selbst führen zum Thema aus: “Lebensart wird insbesondere von der Werbung angesprochen oder sogar geschaffen … ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor, und zwar indem sie für Konsum und damit für Wachstum sorgt.” Davon soll Wikipedia jetzt also ein Teil sein. Das ist hart – und ungerecht.

Wikipedia nämlich ist anders: eine Site wie Google-Earth, das World Factbook des CIA, das Projekt Gutenberg oder das Ökumenische Heiligenlexikon des Stuttgarter Pfarrers Joachim Schäfer, Sites durch die man wirklich surft.

Aus dem Heiligenlexikon erfährt man, dass der David, den man von früher her aus dem Religionsunterricht kennt, eigentlich der “Leiter einer Art Freischärlertruppe” war. Vom World Wide Web dann zu Wikipedia getragen, liest man Einzelheiten über dessen ehewidrige Beziehung zu Batseba, der Frau des Urija und späteren Mutter Salomos: “Stellt Urija vornehin, wo der Kampf am härtesten ist, und zieht euch hinter ihm zurück, dass er erschlagen werde und sterbe.” (2. Buch Samuel, Kapitel 11, Vers 15 – Die Original-Quelle findet sich beim Projekt Gutenberg.)

Das World Factbook liefert einen aktuellen Überblick zum heutigen Staat Israel. Aus einer zwar sehr US-amerikanischen Perspektive – “slightly smaller than New Jersey” – aber äußerst detailliert. Zum Business der CIA gehört es halt, sich auszukennen auf der Welt.

Und Google-Earth zeigt Satellitenbilder, auf denen man die Straßenzüge von Tel Aviv erkennen kann. Von dort verschlägt es einen vielleicht nach Manhattan. Da sind die Luftaufnahmen besonders hochauflösend.

Der Name “Manhattan” stammt übrigens aus der Algonkin-Sprache und bedeute möglicherweise frei übersetzt “Platz der Säufer”, schreibt Wikipedia. Oder man wirft einen Blick auf den ganzen Globus – eine “land area about 16 times the size of the US”.

So ist das World Wide Web, eine Welt des Wissens, in der – wie in der wirklichen – sich umzusehen – englisch: to browse – eine wahre Freude ist. Man lässt sich treiben von spröden Fakten zu tiefgründigen Zusammenhängen und erstaunlichen Absonderlichkeiten. Brustwarzenpiercing und irgendwelche verqueren gizmos sind da beileibe nicht die kuriosesten.

Mit jedem Mausklick wird man klüger, wenn man so durch die unendlichen Weiten des Cyberspace surft. Und Links, auf die man dabei besonders gern klickt, sind solche die Wikipedia führen.

Mit Lifestyle hat das alles nichts zu tun. Wissen ist schließlich kein Accessoire.

Eher schon sind Sites wie Wikipedia ein Stück Lebensqualität. Wobei das Wort allerdings schon sehr altmodisch klingt – so nach Arbeitszeitverkürzung, Volkshochschule, Telekolleg und tarifvertraglich abgesichertem Bildungsurlaub. “Lebensqualität” passt wohl einfach nicht in die Zeit.

Andererseits: Was haben die ganzen trendigen Lifestyler auf Wikipedia verloren? Von denen interessiert sich doch wohl wirklich keiner für Batseba oder für die Algonkin-Sprache.

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