Geheimbotschaften

Enterprise

Phantasie ist flüchtig. Und deshalb geht denn auch jene, die in einem Wort steckt, mit der Zeit verloren.

“Kode” beispielsweise ist so ein Wort. Heute denkt man dabei bloß noch an sowas Banales wie Binaries oder Sources.

In der Kindheit hingegen hätte sich um einen Geheimkode herum leicht eine phantastische Geschichte spinnen lassen. Eine, die “Timmy/Pit und das Rätsel des/der…” hätte heißen können und vorzugsweise in England gespielt hätte. An Orten mit Castle oder Manor im Namen. In alten Gemäuern, bei denen es niemanden verwundert, dass darin ein Geist sein Unwesen treiben soll.

Aber ein kleiner Junge, den natürlich wieder niemand ernst nimmt – wie Kinder das immer sehr gut nachvollziehen können – der kommt dahinter, dass es sich bei dem Spuk in Wahrheit um Geheimbotschaften einer gefährlichen Bande handelt. Kein Entsetzen kann größer sein als jenes, das den kindlichen Leser packt, wenn Timmy oder Pit im weiteren Verlauf der Geschichte von einer besonders dunklen Gestalt aus dieser Bande bei seinen Nachforschungen überrascht wird.

Dabei konnte man damals alles um sich herum vergessen. Und weiter ging’s dann immer so: Die Auflösung des Falls ist noch recht gefährlich und abenteuerlich. Aber schließlich geht doch alles gut aus.

Was man im Nachhinein aus der Erwachsenenperspektive in solchen Geschichten allerdings häufig vermisst, ist die Logik. Und auch als Kind hat es einen gelegentlich gestört, wenn man nicht richtig nachvollziehen konnte, was genau in Wirklichkeit passiert war. Fest stand nur, dass die Gespenstergeschichten gelogen waren, die die Gauner in solchen Büchern immer allen Leuten weismachen wollten.

Aber spannend waren sie halt, die Kinderbücher von früher. Heute jedoch beschäftigen sich Youngsters ja wohl mehr mit CDs als mit Büchern.

Und während einem derartiges durch den Kopf geht, schweift der Blick gedankenverloren über den Bildschirm. Und da ist es wieder – auf einen Schlag – dieses Entsetzen fast so wie damals: Wo ist denn eigentlich das eigene CD-Laufwerk geblieben? Der Dateimanager zeigt nur Floppy und Harddisks.

“Code 31” gibt der Hardware-Assistent aus. Und was dann folgt, wäre mit “…und das Rätsel der Windows-Hilfe” wohl sehr treffend überschrieben. “Dieses Gerät ist von einem anderen Gerät abhängig, das nicht ordnungsgemäß funktioniert” phantasieren die Geschichtenerzähler aus Redmond.

Bis zur Auflösung ist es dann noch recht gefährlich und abenteuerlich. Jedenfalls steht das in jenem Posting im Web, das Hilfe in höchster Not verspricht: “Schwerwiegende Probleme können auftreten, wenn du die Registry veränderst.”

“hkey_local_machinesystemcurrentcontrolsetcontrolclassupperfilters” und  “hkey_local_machinesystemcurrentcontrolsetcontrolclasslowerfilters” lauten die Geheimbotschaften, die zu dechiffrieren man sehr schnell aufgibt. Man löscht sie statt dessen einfach raus. Und schließlich geht auch alles gut aus.

Was man im Nachhinein allerdings dann wieder vermisst, ist die Logik. Man stört sich daran, dass  man nicht richtig nachvollziehen kann, was genau in Wirklichkeit passiert ist. Vor allem wie der mysteriöse Kode in die unheimliche Registry gekommen ist.

Fest steht nur, dass die Gespenstergeschichte nicht stimmt, die man einem weismachen wollte. Die von dem Gerät, das “von einem anderen Gerät abhängig” sei, “das nicht ordnungsgemäß funktioniert”.

Ach ja, irgendwie war doch alles schon mal da im Leben. Und der Blick ins Web zeigt darüber hinaus, dass es vielen anderen auch schon so gegangen ist. Das und die Gewissheit, dass es bisher immer gut ausgegangen ist – für die Timmies, die Pits und die anderen – das gibt einem Gelassenheit.

Und während einem derartiges durch den Kopf geht, schweift der Blick gedankenverloren über den Bildschirm – den des Fernsehers. “Für den Inhalt dieser Sendung sind die Parteien verantwortlich”, steht dort. Und dann ist es wieder da – dieses blanke Entsetzen.

“Vertrauen in Deutschland”, “Gemeinsam für Deutschland” und “Mehr Mut” heißen die Geheimbotschaften. Man kann dabei nicht so richtig nachvollziehen, dass das in Wirklichkeit weniger Gehalt und weniger von der Kasse heißen soll.

Und diejenigen, die früher vorzugsweise “Nein, danke” sagten, werben jetzt mit “Ja zu Joschka”. Dagegen ist “hkey_local_machinesystemcurrentcontrolsetcontrolclassupper und lowerfilters” eigentlich Klartext.

Feststeht nur, dass nicht stimmt, was man einem weismachen will. Und diesmal hat man auch nicht das Gefühl, dass die Geschichte – am Sonntag – gut ausgeht.

Anklicken um die Biografie des Autors zu lesen  Anklicken um die Biografie des Autors zu verbergen