Microsoft stellt sich intern neu auf

Management

Für den Softwerker aus Redmond ist es das Gerüst für die Zukunft, für Analysten der Beginn eines existenziellen Konkurrenzkampfes

Warum die Dinosaurier ausgestorben sind, wird immer noch diskutiert. Man hat ihnen jedenfalls immer vorgeworfen, zu groß, zu langsam und zu schwerfällig gewesen zu sein. Die kleineren Lebewesen konnten sich den veränderten Umweltbedingungen besser anpassen und haben deshalb überlebt, heißt es weitläufig. Im Grunde ist es absurd, Microsoft, das Softwareunternehmen, das wie kein anderes die IT-Landschaft geprägt hat, mit dem großen Dino vergleichen zu wollen. Und doch ist das, was der Gigant an Strukturveränderungen jetzt präsentiert hat, eigentlich eine Überlebensstrategie, um nicht in die Vergangenheit verdrängt zu werden.

Der Redmonder Campus wird strukturell umgebaut. Drei Divisions wird es künftig geben: Plattform-Produkte und Services, die ‘Business Division’ und die ‘Entertainment and Devices Division’. Gewinner der Neuausrichtung ist vor allem der Dienstleistungsbereich sowie das Online-Geschäft MSN. CEO Steve Ballmer sagte, die Verbindung von Software und Services sei extrem wichtig und genau das, was der Kunde wünsche.

In die Plattform-Gruppe integriert Microsoft das Windows-Portfolio (Client, Server, Tools) und außerdem das Online-Business MSN. Kevin Johnson und Jim Allchin werden die Division leiten, wobei Allchin nächstes Jahr in Rente geht. Die Microsoft Business-Sparte wird sich unter der Führung von Jeff Raikes um Business-Lösungen wie Office kümmern und die Serviceleistungen dazu anbieten. Robbie Bach soll die Entertainment and Devices Division übernehmen, zu der beispielsweise die Xbox, aber auch mobile Lösungen gehören werden. Ray Ozzie, Entwickler von Lotus Notes und Gründer von Groove Networks – das Unternehmen war im März von Microsoft übernommen worden -, schließlich bildet eine Schnittstelle für alle Bereiche und soll in seiner Rolle als Chief Technical Officer die Software-basierte Services-Strategie unterstützen. In rund 18 Monaten sind erste Launches aus den neuen Unternehmensteilen vorgesehen.

Ballmer erklärte, was die Anwender erwarten können. Neben der stärkeren Spezialisierung auf einzelne Produktgruppen sollen “die Entscheidungswege beschleunigt und Produkte schneller marktreif” werden. Das hat selbstverständlich noch einen anderen Hintergrund. Nicht nur den Anwender hat der Konzern im Visier. Es geht um den Konkurrenzdruck, den vor allem Google und Yahoo aufbauen. Die nämlich haben innerhalb kürzester Zeit eine Front gegen Microsoft aufgestellt mit Online-Diensten und Webapplikationen zum Herunterladen. “Innovation und Wachstum” – die Eckpfeiler der neuen Struktur, müssen hier greifen. Von einigen wird die Stärkung und Integration von MSN in die Plattform-Division als Treiber gesehen. MSN könnte in Zukunft beispielsweise als Online-Distributionskanal für Windows-Features hergenommen werden.

Jetzt muss sich Microsoft aber den Vorwurf gefallen lassen, nie wirklich innovativ im ursprünglichen Sinne gewesen zu sein. Ballmer wird der Satz zugeschrieben: Innovation ist, von anderen zu lernen. Und tatsächlich, Microsoft hat weder den Webbrowser noch das grafische User-Interface erfunden, und doch fallen einem in diesem Zusammenhang immer zuerst die Produkte aus Redmond ein. Das liegt wohl daran, dass Gates und Co. beispielsweise Mitte der Neunziger begannen, ihren Internet Explorer eng mit dem Betriebssystem zu verbinden und ihm damit schnell zu einer dominanten Stellung verhalfen. Man darf also gespannt sein, wie die Innovation im Sinne Ballmers in Zukunft aussehen wird.

Möglicherweise kann die Aufteilung in neue Geschäftsbereiche da helfen. Allerdings kann es auch hier schneller haken als den Beteiligten lieb ist. Jede Division bekommt einen eigenen Chef – was zunächst zu begrüßen ist, war doch die Machtkonzentration auf Gates als technischem Visionär und Ballmer als dem Sales-Mann in letzter Zeit heftig von außen und von innen kritisiert worden. Die Delegierung von Macht bedeutet aber auch mehr Bürokratie, vermuten Analysten, und das möchten die Mitarbeiter auch nicht, die sich nun auch noch auf mögliche Machtkämpfe einstellen müssen.

Und noch etwas fällt auf: die künftigen Präsidenten berichten an Ballmer, Gates ist mehr oder weniger raus. Branchenbeobachter bewerten das als Zeichen, dass Microsoft mehr Wert auf Sales und Marketing legen will statt auf Innovation und Technologie. Kevin Johnson beispielsweise, einer der Chefs der Plattform-/Produkte-Sparte habe eher einen Sales-Background als einen technischen.

Irgendwie kommen hinsichtlich der Microsoft-Umstrukturierung die Experten und Branchenbeobachter auf keinen gemeinsamen Nenner. Die einen halten die Neugliederung für den besten Weg, die Gegenwart zu überstehen und der Zukunft selbstbewusst ins Auge blicken zu können. Die anderen prognostizieren noch mehr Schwerfälligkeit und interne Probleme. Sie glauben eher, dass man in Redmond die Zeichen der Zeit bereits verkannt habe. Dino oder flexibles System, das bleibt abzuwarten. Immerhin haben es die Dinosaurier geschafft, 165 Millionen Jahre zu überleben – möglicherweise weit mehr, als der Mensch je schaffen wird.