Oracle macht ernst mit Open-Source-Zukauf

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Oracle macht sich in Open-Source-Dingen schlau: MySQL-Chef Marten Mickos bestätigte, auf der Speisekarte der Kalifornier gestanden zu haben.

Oracle-Kunden sollten demnächst Gratis-Software erhalten, für deren Pflege und Support sie nur zahlen müssen, wenn sie ihn auch brauchen. Zumindest wenn der Datenbank-Marktführer das Geschäftsmodell von MySQL nach einer Akquisition nicht geändert hätte. Immerhin setzt die schwedische Datenbankfirma auf Open Source (OS), und das sehr erfolgreich. So erfolgreich, dass Oracle sie nun kaufen wollte. Doch sie sagte nein. Und Oracle findet sie weiterhin attraktiv.

Marten Mickos, der CEO von MySQL, bestätigte jetzt, dass Oracle ein ernsthaftes Kaufangebot gemacht habe. Wie er gegenüber dem Magazin Forbes sagte, sei das ein Zeichen dafür, dass Firmen wie MySQL recht behalten. Er sagte zwar nicht, wann und wie viel Oracle geboten hatte, doch die Unabhängigkeit seiner Firma ist ihm offenbar noch mehr wert. “Wir werden durchaus Teil einer größeren Firma werden, aber sie wird MySQL heißen”, sagte er am Rande der Open Source Business Conference.

Solche Sorgen hat die Firma Zend zumindest nicht. Sie dementierte mit einer gewissen Erleichterung die Kaufgerüchte, die in den vergangen Tagen für Furore sorgten. Von Zend-Manager Jürgen Langner heißt es: “Zend steht derzeit nicht in Verhandlungen mit Oracle über einen Kauf des Unternehmens. Wir sehen und kennen derzeit keine Grundlage für diese Gerüchte. Unser Ziel ist es auch weiterhin, der PHP-Community und unseren Kunden leistungsfähige Werkzeuge für die Entwicklung und den Betrieb von PHP-Anwendungen zur Verfügung zu stellen. Zu diesem Zweck arbeiten wir eng mit Oracle zusammen, genauso wie mit anderen Unternehmen wie IBM, Sun oder MySQL.”

Analysten wie Stephen O’Grady von Redmonk hielten es für schlau von Oracle, MySQL zu kaufen. Er verglich gegenüber US-Medien einen solchen Schritt mit IBMs Gluecode-Kauf. Dadurch war einerseits ein Konkurrent verschwunden, andererseits hatte ‘Websphere’ durch die Kenntnisse der OS-Firma bei der Verwertung des Java-Applikationsservers Geronimo neue Kunden hinzugewonnen, die nun durch die Version ‘WebSphere Community Edition’ angesprochen würden. Auch Oracle könnte so vorgehen und eine Alternative für kleine und mittelständische Kunden bieten, die sich große Oracle-Lösungen nicht leisten können, aber bereits komplexe Arbeiten erledigen müssen.

Dass MySQL diese Aufgaben beherrscht, beweisen Mickos zufolge beispielsweise die 50.000 Entwickler, die internen Zählungen zufolge täglich die Software der Schweden herunterladen und “daran arbeiten, dass sie besser wird, aber wir bezahlen sie nicht dafür”. Im Gegensatz dazu, bemerkte er, habe Oracle 50.000 Angestellte, die jeden Tag an den Oracle-Produkten feilen, allerdings gegen Bezahlung. “Wir haben 300 Leute weltweit, unser Engineering-Team ist etwa ein Zwanzigstel der Größe, die es bei einem großen Datenbankhersteller hätte, und dennoch können wir auf den meisten Ebenen mit ihnen konkurrieren”, sagte er.

Gegen Oracle gerichtet ist seinen Worten zufolge auch, dass die Firma kürzlich eine Finanzierung von Red Hat, Intel und SAP erhalten hat. Laut dem CEO ist es schließlich schwer denkbar, dass Kunden Peoplesoft oder Siebel-Lösungen auf MySQL-Datenbanken aufsetzen, sie seien zu sehr in der Oracle-Welt gefangen. Also sah sich der Anbieter woanders nach Investoren um. MySQL habe mit der Bindung auf die “führenden Köpfe für die zukünftige Enterprise Architecture” gesetzt.

Was Oracle generell im OS-Bereich tut – kaufen, kaufen, kaufen –  dafür hat er nur Verachtung übrig: “Sie verstehen Open Source nicht wirklich, es geht nicht um den Preis, sondern um die Freiheit der Software; sie denken, wenn man den Leuten Freibier gibt, kann man ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung wegnehmen. Doch so funktioniert das bei Open Source nicht.” Allerdings könnten noch Fragen auf den wortgewaltigen CEO zukommen.

Raven Zachery, Analyst bei der 451 Group, wies in US-Medien darauf hin, dass das Highend-Produkt von MySQL, ‘Pro Certified Server Enterprise Version’ beispielsweise auf der Datenbank ‘InnoDB’ von Innobase beruhe. Und die Firma Innobase wurde im Oktober 2005 von Oracle gekauft. Die Möglichkeit, mit Sleepycat zu verhandeln und die eigene Lösung mit der Berkeley DB weiterzubauen, ist nun auch gescheitert, stellt Zachery fest. Die Lösung könnte nun darin liegen, dass Oracle erlaubt, dass Sleepycat das Versprechen an die Community hält und die Datenbank weiterentwickelt wie bisher. Auf diese Fragen wird es aber erst in der Zukunft Antworten geben. Denn Sleepycat wurde tatsächlich von Oracle gekauft -erfolgreich.

Doch wenn das stimmt, was Marten Mickos für die Aufgekauften befürchtet, gibt es nur düstere Aussichten für die Kunden und die Angestellten von Sleepycat. Die Firma, die die ‘Berkeley DB’ pflegt und vertreibt, macht das Beste draus und lässt verlauten, dass Oracle jetzt so etwas wie Nachhilfe in der Pflege einer Community bekomme. Sleepycat ist verkauft und die Angestellten, die Architekten und Verwalter gehen geschlossen auf die Gehaltsliste von Oracle über.

Ex-CEO Mike Olson sagte, ihn habe vor allem das tiefe Interesse der Kalifornier an einer Weiterentwicklung und Beibehaltung der Entwicklergemeinde überzeugt. In Richtung der Kritiker des Deals, die sich vor allem in der Slashdot.org-Community tummeln, sagte er, er wolle dafür einstehen, dass die Datenbank weiterhin offen verfügbar und frei bleibt. Dafür wolle er nicht mit Worten, sondern mit Taten sorgen. Die Community befürchtet derweil, dass Oracle im OS-Markt allgemein nur lästige Konkurrenz aufkauft, um sie platt zu machen.

Das sieht ein anderer Konkurrent von Oracle ganz anders. Denn auch der deutsche Hersteller proprietärer Software, SAP, hat etwas zum Thema zu sagen. Dort hält man die ganze Hektik um OS-Zukäufe offenbar für übertrieben. Peter Graf, Executive Vice President of Marketing, sagte auf der Open Source Business Conference in San Francisco, dass “OS-Geschäftsanwendungen nicht genug Zeit haben werden um zu reifen, bevor diese Konsolidierungswelle abflaut”.

Mit einem Wort – Kinderkram? Nicht, wenn die Kunden gemeint sind. Marten Mickos stellt stolz fest, dass die Kunden immer noch mit ihren Geldbörsen für OS-Alternativen stimmen würden und er schleudert den Verfechtern der proprietären Glaubensrichtung entgegen: “Wenn junge Leute in der Disco herumhängen und jemand macht aus der Disco eine Kirche, dann bleiben die Kids nicht. Sie gehen und suchen sich eine neue Disco. Du kannst dir dein Publikum nicht kaufen – bei Discos nicht und nicht bei Open Source.”