Das Philadelphia Experiment

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US-Städte wollen Bürgern und Unternehmen preisgünstige oder kostenlose WiFi-Zugänge anbieten. Die TK-Industrie leistet erbitterten Widerstand.

Mit Philadelphia ist ein Mythos verbunden: die Geschichte vom Philadelphia-Experiment. Im Jahr 1943 soll die US-Marine das Schiff ‘USS Eldridge’ vom Hafen Philadelphia in den Hafen Norfolk ‘teleportiert‘ haben – über eine Entfernung von 600 Kilometern. Die Marine hat die Story wiederholt dementiert, der Mythos lebt freilich weiter.

Wenn in diesen Tagen vom Philadelphia-Experiment die Rede ist, geht es nicht um die kabellose Übertragung der USS Eldridge, sondern um die kabellose Übertragung des Internets – um WiFi. Genauer gesagt, um ‘Municipal WiFi’ (MuFi). Diese Bezeichnung steht in den USA für WiFi-Zugänge, die von den städtischen Verwaltungen eingerichtet werden. Neu ist, dass die Städte diese WiFi-Zugänge günstig und sogar kostenlos anbieten wollen.

Philadelphia als Vorreiter

In Philadelphia, der fünftgrößten US-Stadt, läuft das derzeit größte MuFi-Projekt. Ab Ende 2006 will die Stadt ein Gebiet mit einer Größe von 350 Quadratkilometern und einer Einwohnerzahl von 1,6 Millionen mit einem einzigen WiFi-Netz versorgen. “Das Netz soll die Wirtschaft beleben und armen Bürgern einen Internet-Breitbandzugang liefern”, hieß es von Dianah Neff, CIO des Philadelphia Mayor Office of Information Services und Chefin des gemeinnützigen Projektes Wireless Philadelphia.

Das MuFi-Netz basiert auf dem WLAN-Standard 802.11b, die WiFi-Antennen werden auf Straßenlampen und auf Verkehrszeichen installiert. Nach Angaben der Stadt werden etwa 3000 WiFi-Geräte – wie Router und Transmitter – benötigt. Neff geht von Gesamtkosten von 9 bis 13 Millionen Dollar (7,5 bis 10,8 Millionen Euro) aus.

Im Oktober wählte Philadelphia den Internet Service Provider (ISP) EarthLink als Betreiber des Netzes aus. Das Unternehmen wird das MuFi-Netz aufbauen, verwalten – und bezahlen. Das Investment werde sich für EarthLink innerhalb von zwei Jahren auszahlen, sagte Donald Berryman, Chef der neugegründeten EarthLink-Abteilung Municipal Networks. Die Einnahmen teilt sich der ISP mit dem Projekt Wireless Philadelphia.


Philadelphia finanzierte bereits zwei eigene MuFi-Pilotprojekte. Zehn andere Versuche ließ sich die Stadt von Unternehmen bezahlen, darunter von Cisco, HP, Juniper, Nortel und Verizon. Intel spendete 100.000 Dollar. Nicht ganz uneigennützig – dient der Hersteller doch gerade 100 Städten seine WiMax-Technik an (World Interoperability of Microwave Access). WiMax lässt sich mit WiFi kombinieren.

Der Zugang zu Philadelphias MuFi-Netz soll nach den aktuellen Planungen monatlich etwa 20 Dollar (rund 17 Euro) kosten. Arme und Behinderte zahlen die Hälfte. Auf einigen öffentlichen Plätzen soll es zudem einen kostenfreien WiFi-Zugang geben.
 
Die Gründe für den MuFi-Boom

Philadelphia ist der MuFi-Leuchtturm – aber die MuFi-Welle hat die ganzen USA erfasst. Etwa 300 Städte befassen sich mit entsprechenden Projekten. Hermosa Beach lockt bereits mit einem kostenlosen MuFi. Cupertino und Lompoc verlangen geringe Flatrates. Und während Austin und Minneapolis noch abwägen, verspricht San Francisco bereits kostenloses WiFi für alle.

Der Boom sei “eine Heirat von staatsbürgerlichem Engagement und neuer Technik”, sagte Greg Richardson, Chef der Unternehmensberatung Civitium, der Zeitschrift Technology Review. Für die MuFi-Welle gebe es Gründe. So seien WiFi-Hardware und -Software mittlerweile preiswert. Eine Versorgung mit Breitbandzugängen werde mittlerweile als essentiell angesehen, so Richardson.

Zudem hätten viele Städte die TK-Unternehmen dazu aufgefordert, auch arme und entlegene Viertel mit Breitbandzugängen zu versorgen – und eine Absage erhalten. Jetzt legten viele dieser Städte MuFi-Projekte auf, “bevor diese illegal werden”.

Politische Schlacht um MuFi

Was Richardson sagte, ist nicht übertrieben. In zwanzig US-Bundesstaaten werden derzeit Gesetze diskutiert, die MuFi einschränken oder untersagen. Die städtische Verwaltung als Anbieter von TK-Diensten – da sehen ISPs und Telefongesellschaften ihre Gewinne schwinden.

Das Parlament des Bundesstaates Pennsylvania – in dem Philadelphia liegt – verabschiedete bereits im Dezember 2004 ein Gesetz, das es den Städten künftig verbietet, TK-Dienste anzubieten. Florida – wo der Republikaner Jeb Bush regiert – zog nach. Philadelphias MuFi-Projekt bekam derweil eine Ausnahmegenehmigung.

Die Idee, benachteiligten Bürgern mit Hilfe der Verwaltung einen WiFi-Zugang zu liefern, mutet eher sozialdemokratisch an. Der Bürgermeister von Philadelphia, John Street, und der Bürgermeister von San Francisco, Gavin Newsom, sind denn auch Demokraten. Dennoch gibt es auch Republikaner, die MuFi unterstützen.

Der prominenteste ist Senator John McCain. McCain und sein demokratischer Kollege Frank Lautenberg haben den ‘Community Broadband Act of 2005’ vorgelegt. Der Gesetzentwurf erlaubt es den Städten, TK-Dienste anzubieten. Wenn die Industrie bestimmte Aufgaben nicht löse, müssten eben andere die Initiative ergreifen, sagte McCain dem US-Magazin Wi-Fiplanet.

Präsident Bush hatte bereits im April 2004 verkündet, bis zum Jahr 2007 allen US-Amerikanern einen Internet-Breitbandzugang liefern zu wollen. Damals habe die USA in Sachen Breitbandversorgung weltweit auf dem zehnten Platz gelegen, so McCain. “Heute sind wir auf Platz 16.”

Unter den Republikanern gibt es jedoch auch Bestrebungen, MuFi zu begrenzen. Im Mai 2005 legte der Abgeordnete Pete Sessions einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor. Danach dürfen die Städte keine TK-Dienste anbieten, wenn es in der Region bereits das Angebot eines Unternehmens gibt.

Wie diese Schlacht ausgeht, ist noch nicht entschieden. Er könne sowohl die MuFi-Befürworter als auch die MuFi-Gegner verstehen, sagte Joe Wilcox, Analyst bei Jupiter Research, dem Branchendienst TechWeb. Die weltweit höchste Breitbanddichte habe derzeit Südkorea – und dort habe der Staat stark interveniert. “Wettbewerb hat einem Markt noch nie geschadet”, so Wilcox.

MuFi in Deutschland?

Diesseits des großen Teiches wird die US-Entwicklung beobachtet. “Wir studieren das Thema sehr aufmerksam”, sagte Peter te Reh, Referent für IT beim Deutschen Städtetag, im Gespräch mit silicon.de. Breitbandanschlüsse würden auch hierzulande zunehmend als “Basis-Infrastruktur” betrachtet. Gemeinden hätten Probleme, Gewerbeflächen zu verkaufen und zu vermieten, wenn diese keine Breitbandanschlüsse aufweisen.

In Deutschland gebe es jedoch keine MuFi-Projekte, so te Reh. Das hänge mit der finanziellen Lage der Städte und den rechtlichen Bedingungen zusammen. Zudem gelte es, die Ausbaustrategien der Deutschen Telekom und ihrer Konkurrenten zu beachten. “Manche US-Städte bieten ärmeren Bürgern auch einfach einen Internet-Zugang in öffentlichen Bibliotheken an, um die digitale Spaltung zu überwinden.”

“Ich finde ich es gut, dass die US-Städte dort Aktivität zeigen, wo andere zurzeit noch zögern”, sagte Joachim Grollmann, Geschäftsführer der Bremer Innovations-Agentur (BIA), gegenüber silicon.de. Bremen profiliert sich – wie etwa Düsseldorf und Karlsruhe – als ‘Mobile City’, die BIA ist an entsprechenden Projekten beteiligt.

Abzuwägen bleibe jedoch, “ob WiFi wirklich die richtige Technik ist oder ob man nicht gleich auf WiMax setzen müsste”, so Grollmann. MuFi sei technisch grundsätzlich machbar. “WiFi-Netze sind jedoch nicht immer vollkommen sicher”. Daher solle man bei einer breiten Nutzung vorerst auf Anwendungen verzichten, die sicherheitskritisch sind.

Philadelphia könne durchaus ein Modell für deutsche Städte sein. “Bei aller Vorsicht, welcher Standard und welche Technologie sich letztendlich durchsetzen – die mobilen Technologien müssen dennoch gefördert werden”, sagte Grollmann. Die Mobile City Bremen gehe freilich einen anderen Weg als die US-Städte. “Für uns ist die anwendungsorientierte Forschung im Bereich mobiler Technologien wichtiger als der Aufbau der Netze.”

Experiment ohne Erfolgsgarantie

Das Philadelphia-Experiment könnte nicht nur am politischen Widerstand scheitern, sagen die Kritiker. Technische Probleme seien bei einem derart großen WiFi-Netz wahrscheinlich. So könne es zu Interferenzen mit anderen drahtlosen Techniken – wie etwa Bluetooth – kommen. Privatleute und Unternehmen betrieben in Philadelphia zudem eigene WiFi-Netze.

Die Stadt habe dieses Problem untersucht und keine Interferenzen gefunden, hieß es dagegen von Neff. Die Stadt arbeite mit den privaten WiFi-Betreibern zusammen, um Interferenzen zu vermeiden.

Neuerdings machen zudem Gerüchte die Runde, dass Google in den USA einen kostenlosen WiFi-Service anbieten könnte. San Francisco bekam von Google bereits das Angebot, ein MuFi-Netz à la EarthLink kostenfrei zu errichten. Wie sich ein solches Angebot auf die MuFi-Pläne der US-Städte auswirkt, ist unklar. Vielleicht kooperieren die Städte mit Google, vielleicht betrachten sie Google als Konkurrenten.

Ob das Philadelphia-Experiment gelingt oder sich – wie die USS Eldridge angeblich vor über 60 Jahren – in Luft auflöst, ist derzeit offen.