Think!

Enterprise

Es gibt sprachliche Muster, bei denen zuckt man unwillkürlich zusammen. So wie diese Woche wieder.

“Die weltweit modernsten und flexibelsten Rahmenbedingungen” wolle sie, erklärte da die EU-Kommissarin Viviane Reding anlässlich der Novellierung der europäischen Fernsehrichtlinie.

Auweh! Das verheißt Unheil. Das sind die einschlägigen Worte, mit denen Blödsinn jedweder Art angekündigt wird. – Frau Reding nun will mehr Werbung, “um zum Wachstum der audiovisuellen Medien in Europa beizutragen”. Die Standardbegründung für jede Dummheit.

Obwohl: Werbung hat ja auch etwas Erhellendes an sich. Sie ist ein “Spiegel der Kultur, der sie entstammt und auf die sie zielt”, wie es Prof. Hartmut Schröder von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder formuliert.

Demnach also wäre der IT-Markt die Heimstatt der Radebrecher und Analphabeten. Noch in den 90er Jahren warb Texas Instruments mit dem Slogan “Rechner, die ihre Sprache sprechen”. Gut, dass das wenigstens die Maschinen damals so gehalten haben. In der Computer-Werbung zumindest haben’s die Leute nicht so sehr mit der Sprache hier zu Lande.

“Farbe macht Sinn”, heißt es etwa bei der hiesigen Xerox-Niederlassung. This sentence might make sense in Britain or the US, but in Germany it doesn’t, unless it’s intended to adress people who mix up their German native language with lousy Business English.

Nur konsequent ist da die Firma mit dem schönen teutonischen Namen Spielkind. Die unterlässt von vornherein jeglichen muttersprachlichen Versuch und textet gleich: “Spielkind – Electronic games made in Germany”.

Es ist ja auch schwierig für Kreative, die aus dem hiesigen Sprachschatz nur die Wörter “tun”, “machen” und “Lösung” kennen. “Drow – Die Lösungsmacher”, dichtet etwa das gleichnamige Software-Haus, das Systeme für die digitale Rechteverwaltung (wohl verständlicher: Digital Rights Management) feilbietet. Und Dr. Neuhaus verspricht: “Wir bieten die Lösung.”

Das Original von der Caramba Chemie GmbH & Co. KG “Wir haben die Lösung” ist ja noch witzig. Schließlich lassen sich angerostete Schrauben wirklich am besten mit Kriechölen lösen. Aber der Slogan-Clone des Dr. Neuhaus?

Überhaupt: Plagiate, wohin man schaut! Die Ettlinger KWS Computersysteme hat sich bei einer Schokoladenfabrik im idyllischen Waldenbuch bedient und bewirbt seitdem ihre Steuerungsrechner mit: “Quadras – quadratisch, praktisch, besser”.

Witz kennt die IT-Werbung nicht, nur unfreiwillige Komik. Mit “aller Anfang ist einfach” versuchte sich HP vor ein paar Jahren einmal. Ja, ja, heute wird man’s ähnlich sehen. Die gute, alte Zeit von William Hewlett und David Packard in der Garage im Silicon Valley! 

Das war, lange bevor Carleton Fiorina den Konzern gezaust hat. Gerne dürfte man sich bei HP daran zurückerinnern. Da passt es gut, dass vor ein paar Tagen die Renovierung der Garage in Palo Alto abgeschlossen worden ist.

Die Jugend ist derweil idealistisch und macht sich – unter dem Einfluss Elektronik-gestützter, fernöstlicher Heilslehren – Gedanken über den Sinn des Lebens. “Life’s a game”, predigt Nintendo.

Dem wiederum halten die Anhänger des Playstation-Kults um Sony entgegen: “It’s not a game.” Und die Antwort des Westens? Die ist wie so oft zu soft (besser: zu microsoft), um eine wirkliche Alternative sein zu können: “Life is short – play more”.

Ansonsten aber ist sie gar nicht so schlecht, unsere Jugend. Und sie folgt Losungen, die angesichts der Schamlosigkeit, die hochbetagte ehemalige Schlagersternchen im Schmuddelfernsehen zeigen, doch sehr segensreich wirken könnten. “Du bist ein Star. Also benimm dich auch wie einer”, lautet das Gebot, das Sony für die Nutzer seiner Playstation-Software Singstar aufgestellt hat.

Für die verwirrten Altchen hingegen hält Microsoft Business Solutions derweil einen Slogan aus dem Schatzkästlein der sprachlichen Demenz bereit: “Software für das agile Business.”

Ach ja, früher ging man auch noch mit alten Menschen, also jenseits der 30, respektvoll um. Und man forderte sie auf, geistig rüstig zu bleiben.

Aber das ist lange her. 1925 war’s. Damals warb die IBM, deren Marketing-Leute heute nur noch irgendwas von “on demand” daherbrabbeln, mit dem anspruchsvollsten aller Slogans, mit: “Think!”

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