Visionen, Emotionen und Vaporware

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Ob Vista, Longhorn, Desktop-Linux, Software als Service oder Patente: Es lebe der Konjunktiv!

Software hatte schon immer einen Hang dazu, in der Zukunft zu leben. Ob es damit zu tun hat, dass Programme grundsätzlich erst in der übernächsten Version das tun können, was sie für die nächste Version versprechen? Oder liegt es am eher flexiblen Verständnis von Release-Terminen eines Konzerns in der Nähe von Seattle? Diskutiert wird auf jeden Fall auch 2006 meist über Dinge, die sich anbahnen oder passieren könnten.

Vista/Longhorn

Eines der beliebtesten Ziele für Hacker im kommenden Jahr wird neben mobilen Geräten auch Windows Vista sein. Darüber herrscht bei den Sicherheitsexperten seltene Einigkeit. Tatsächlich ist bereits im August die erste Malware für das neue Betriebssystem von Microsoft aufgetaucht. Ein Betriebssystem, das – wenn alles gut geht – erst Ende 2006 auf den Markt kommen wird und die Anwender im Laufe dieses Jahres immer stärker ins Gefühlschaos gestürzt hat. Einerseits die Vorfreude darauf, dass Microsofts Salami-Taktik bald ein Ende hat und der XP-Nachfolger endlich am Stück anstatt in Scheibchen präsentiert wird – andererseits die traurige Feststellung, dass Vista nicht halten wird, was Longhorn versprochen hat.

Der Bulle Namens Vista wird nur eine kastrierte Version des ursprünglichen Longhorns sein. So wird das intelligente Datenspeichersystem WinFS (Windows File System) – von Microsoft nicht ohne Grund als eine der wichtigsten Säulen der neuen Windows-Generation gepriesen – erst lange nach dem Vista-Debüt ausgeliefert. Hätte man Vista gemeinsam mit WinFS auf den Markt bringen wollen, hätte sich der Termin auf 2007 verschoben. Auch die beiden Entwickler-Technologien ‘Avalon’ und ‘Indigo’ haben nur noch wenig mit Vista zu tun. Beide Projekte werden auch für XP und Server 2003 verfügbar sein und befinden sich inzwischen in der ersten Beta-Phase.

Abgesehen von diesen bestätigten Pleiten kursieren jede Menge Geschichten rund um Vista – teilweise gestützt durch die besagten Appetithäppchen Microsofts, teilweise entstanden durch phantasievolle Ergänzung der existierenden Puzzleteilchen. So zwingt das Betriebssystem angeblich zum Kauf neuer Hardware, kommt in sieben verschiedenen Versionen und sorgt für jede Menge Kopfschmerzen in Sachen Kompatibilität.

Aber auch wenn Gartner behauptet, diese möglichen Probleme und überhaupt das gesamte Betriebssystem könne man getrost bis 2008 ignorieren, wird sich das in der Realität des Jahres 2006 nur schwer umsetzen lassen. Nicht nur weil das Mediengetöse zum offiziellen Vista-Start – sollten wir uns nicht jahrelang in Microsoft getäuscht haben – ohrenbetäubend sein wird, viele haben gar keine andere Chance als dem Bullen in die Augen zu schauen.

Das gilt insbesondere für Unternehmen, die Windows 2000 einsetzen. Die sollten sich nämlich schon jetzt auf die Migration auf Vista vorbereiten, warnen die Marktforscher von Gartner. Andernfalls werden sie über kurz oder lang auf einem System festsitzen, das nicht mehr länger von Microsoft unterstützt wird. Weniger unter Zeitdruck stehen dagegen jene Firmen, die Windows XP einsetzen – sie können getrost erst dann auf Vista umsatteln, wenn alte Systeme ausgetauscht werden.

Vielleicht ist die Wahl des optimalen Zeitpunkts für eine solche Migration ja genau das richtige Thema für die ein oder andere besinnliche Stunde während der Feiertage. Passend dazu hat Gartner – zwar keinen Wunschzettel, aber immerhin – eine Entscheidungshilfe ins Netz gestellt.

Desktop-Linux

Linux im Server-Umfeld ist inzwischen schon so etabliert, dass das Wort ‘Durchbruch’ gar nicht mehr angebracht ist. Ganz anders sieht es dagegen im Bereich Desktop-Linux aus. Schmerzlich langsam vollzieht sich da der Umstieg. Die Marktauguren von Gartner machen den Pinguin nur auf einem Prozent aller Unternehmensdesktops aus. Und bei ihrem Auspizium vernehmen sie ein kränkelndes Röcheln, das auch für die Zukunft nichts gutes verheißt. Bis 2008 soll der Anteil lediglich auf etwa 3 Prozent steigen. Fliegen konnte  Pinguine ohnehin noch nie. 

Dabei braucht sich die Mehrzahl der verfügbaren Distributionen technologisch eigentlich nicht hinter der proprietären Konkurrenz zu verstecken. Was aber sind dann die Gründe für den schleppenden Fortschritt? Zu hoch sind Kosten und Risiken für die Unternehmen, vor allem wenn viele verschiedene Anwendungen betreut werden müssen, als dass sich der Umstieg lohnen könnte, sagt Gartner.