Malade – malig – Malware

Enterprise

Das für den Beobachter der IT-Branche aufschlussreichste Ereignis in der vergangen Woche? – Jochen hat angerufen. Am Dreikönigstag!

Jochen ist Redakteur und als solcher naturgemäß übellaunig, weil er im tristen Großraumbüro arbeiten muss, während der freiberufliche Zeilenschreiber es sich an einem solchen Tag gut gehen und in trauter Zweisamkeit seine Seele baumeln lässt. “Deine Internet-Nachrichten sind Sch…”, hat er jenen denn auch angeraunzt. “Das mit dem Patch am Dienstag ist längst überholt. Das ZDF hat’s auch schon gebracht.”

In die weniger ruppige Sprache übersetzt, wie sie außerhalb der journalistischen Arbeitswelt gepflegt wird, heißt das: Microsoft hat bereits in der Nacht zum letzten Freitag entgegen allen Gepflogenheiten die Sicherheitslücke geschlossen, die bis dato beim Betrachten von Bildern im Windows-Metafile-Format virulent wurde. Und das Zweite Deutsche Fernsehen hat dem – gerade mal 598 Kilobyte großen – Software-Stückchen, mit dem das bewerkstelligt worden ist, einen anderthalb-minütigen Beitrag zur besten Sendezeit gewidmet.

Das ist ein Schlüsselerlebnis! Handelt es sich doch beim ZDF um jenen Sender, dessen Zuschauer nicht nur mit dem Zweiten besser sehen, sondern häufig auch schon mit den Dritten – ganz leidlich – beißen. 59 Jahre beträgt ihr Durchschnittsalter. Leute, die garantiert gameboy-frei aufgewachsen sind. Und selbst für die sind ganz offenkundig irgendwelche im Internet kursierenden, infektiösen Schadprogramme von höchstem Interesse.

Jetzt sind wir also endgültig ankommen in der Informationsgesellschaft. Jede Epoche thematisiert ja mit Vorliebe ihre Krankheiten. Deshalb kennzeichnet auch der Dreiklang malade – malig – Malware das bürgerliche Zeitalter.

Mit dem ersten – französischen – Wort umschrieben dereinst die Damen der Bourgeoisie ihre Befindlichkeit. Das war so in der Gründerzeit.

Das zweite gehört eigentlich gar keiner Hochsprache an. Vielmehr radebrechen so Ärzte in dem ihnen eigenen Vulgärlatein daher, um ihre Patienten in respektvoller Distanz zu halten. (Auf anderen Gebieten hat heute Business-Englisch die entsprechende Funktion übernommen.) Malignität (von lat. Malignitas) meint die Bösartigkeit von Tumoren. Krebs wiederum wurde erst ein Thema, als die Menschen alt genug wurden, um daran zu erkranken. Diese erhöhte Lebenserwartung ist eine direkte Folge der Industrialisierung.

Und heutzutage nun geht’s vor allem um Malware, die Geißel der Informationsgesellschaft. Ansonsten aber ist vieles beim Alten geblieben. Wie Krankheiten funktionieren, damit kennen sich die Leute, zu deren Job das eigentlich gehören würde, noch immer nicht wirklich aus. Dafür wissen sie sehr genau, wie die davon Betroffenen funktionieren, und sind damit reich geworden.

In den Anfangsjahren der bürgerlichen Gesellschaft waren das noch die Seelsorger. Diesem Umstand verdanken wir die herrlichsten abendländischen Kulturdenkmäler (in Kirchenbesitz).

Dann folgten die Ärzte. – Die zählen noch immer zu den Spitzenverdienern.

Jochen hingegen gehört nicht dazu. Der Loser hat Soziologie studiert. Und promoviert hat er auch. Und wenn er gut drauf ist – was, falls er nicht gerade am Feiertag im Großraumbüro arbeiten muss, durchaus mal vorkommt – dann gibt er gerne die Geschichte zum Besten, dass er immer von Anlageberatern angerufen wird, weil die ihn wegen des Dr. im Telefonbuch für einen Arzt halten.

Inzwischen aber machen vor allem jene viel Geld, die Internet Security versprechen. Nichts geändert hat sich dabei an der Unverständlichkeit der Heiler. Anfangs war’s das Latein des Pfarrers. Dann das, was der Arzt dafür hält.

Und in jüngster Zeit müssen sich die Surfer mit den kryptischen Brandings von Software-Komponenten herumschlagen und beim Auftauchen irgendwelcher Exploits wahlweise im Browser die ActiveX-Controls, die diversen Möglichkeiten des Scriptings sowie deren Kombinationen deaktivieren, beziehungsweise ominöse .dlls und Linkages löschen. Und merken muss man sich das auch noch, damit man’s wieder rückgängig machen kann, wenn das Redmonder Flickwerk einen Patch weiter gediehen ist.

Gegen Erkrankungen des Menschen gibt’s ja ein Allheilmittel: ein bisschen persönliches Glück. Sowas können Arzte nicht erklären: Aber wenn man verliebt ist, dann bekommt man keine Erkältung. Und für die Entdeckung des karzinogenen (neulateinisch) Helicobacter pylori gab’s zwar im letzten Jahr den Nobelpreis für Medizin. Aber gefährlich wird das Bakterium meist nur im nervösen Magen von Menschen, die gestresst sind.

Und auch die Gründerzeit-Damen hätten sich wohl nicht andauernd malade gefühlt, wären sie nicht von ihren Gatten beständig vernachlässigt worden. Jene aber suchten – das war damals in der Bourgeoisie Usus – einen wesentlichen Teil ihres persönlichen Glücks nicht in der Zweisamkeit mit ihrer Angetrauten, sondern in Salons und Etablissements.

Glück ist eine gute Medizin. Wie aber soll man seinem von Viren, Würmern und anderem digitalen Ungeziefer geplagten Rechner helfen? – Vielleicht sollte man noch eine Maschine anschaffen, eine besonders schöne, und den beiden dann ein kuscheliges LAN einrichten…

Ach ja. Auf so einen Unsinn kann man auch nur an einem glücklichen, zu zweit verlebten Feiertag kommen.

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